HOME

Warum musste Michael Mieleszko nach einer Routine-Operation sterben?

Michael Mieleszko war nie im Krankenhaus gewesen – bis er sich im Dortmunder St. Johannes Hospital die Mandeln entfernen ließ. Es war eine Routine-OP ohne Komplikationen. Für Michael Mieleszko endete sie tödlich.

Barbara Mieleszko verlor ihren Mann Michael (48), nachdem er an den Mandeln operiert wurde.

Barbara Mieleszko verlor ihren Mann Michael (48), nachdem er an den Mandeln operiert wurde.

"Wären meine beiden Töchter nicht da gewesen, die vieles aufgefangen haben – ich weiß ich nicht, wie es weitergegangen wäre." Barbara Mieleszko fällt es schwer, den Tod ihres Mannes Michael zu verarbeiten. Auch, weil sie glaubt, dass er hätte vermieden werden können. Die beiden waren 26 Jahre verheiratet, waren gerade in Dortmund zum glücklichen Prinzen-Paar des Karnevals gekrönt worden. Michael Mieleszko genoss das Leben mit seiner Familie. Der gelernte Elektriker machte mit Mitte 40 noch seinen Motorradführerschein, feierte mit seiner Frau Silberhochzeit.

Es habe Komplikationen gegeben

Am 13. Juni 2014 ließ sich Michael Mieleszko im Dortmunder St.-Johannes-Hospital die Mandeln entfernen - eine Routine-Operation. Alles verlief gut. Eine Woche später war er mit seiner Frau Barbara einkaufen, als der 48-Jährige Nachblutungen an der Wunde bekam. Nichts Ungewöhnliches. Doch Barbara Mieleszko brachte ihn direkt wieder ins Krankenhaus, wo er zur Beobachtung auch bleiben sollte. Als die Blutungen wieder einsetzten, wurde Michael Mieleszko in den OP gebracht. Was genau dann dort geschah, ist bis heute unklar: Aus dem OP-Protokoll und anderen Dokumenten ergeben sich Widersprüche. Es habe Komplikationen gegeben, sagte man Barbara Mieleszko, als das Krankenhaus sie anrief. Sie solle kommen. Als sie in der Klinik eintraf, lag ihr Mann im Koma. Er wachte nie wieder auf. 12 Tage später verlor Michael Mieleszko den Kampf. Der Karnevalsprinz von Dortmund starb am 2. Juli 2014. Mit 48 Jahren.

Aber warum? Das fragt sich seine Ehefrau seitdem tagtäglich. Eine genaue Antwort hat sie bis heute nicht bekommen. Es wurden Anwälte und Gutachter eingeschaltet. Der Strafprozess gegen die verantwortliche Ärztin wurde inzwischen eingestellt, doch am Dortmunder Landgericht läuft inzwischen ein Zivilverfahren: Barbara Mieleszko und ihre beiden erwachsenen Töchter klagen gegen die beteiligten Ärzte und das St.-Johannes-Hospital. Die Richter sollen klären, ob es sich beim Tod des Familienvaters um eine schicksalhafte Komplikation – also einen Unfall – oder um einen groben Behandlungsfehler – also fahrlässiges Vorgehen – gehandelt hat.

Rekonstruktion des OP-Ablaufs wirft Fragen auf

Der Gutachter und Palliativmediziner Matthias Thöns, den Barbara Mieleszko beauftragt hat, glaubt, dass Michael Mieleszkos Tod hätte vermieden werden können. Die Ärzte hätten wiederholt falsch gehandelt – und das Narkoseprotokoll enthalte falsche Angaben. Es sei nachträglich zugunsten der Klinik manipuliert worden. "Wir sind alle nur Menschen. Aber wenn ein Arzt Leitlinien missachtet, dann bezeichnet man das im Medizinrecht eben als schwerwiegenden Fehler. Und das ist das, was die Klinik bestreitet", so Matthias Thöns. Seiner Auffassung nach muss die Operation folgendermaßen abgelaufen sein: Nach der Narkoseeinleitung versuchte die Anästhesistin bei Michael Mieleszko den Beatmungsschlauch in die Luftröhre einzuführen, um Sauerstoff in seine Lunge zu pumpen. Doch der Schlauch wurde an einer Stelle blockiert, da sich durch die Nachblutung ein Blutgerinnsel gebildet hatte – ein Fremdkörper, der die Luftröhre unzugänglich machte. "Wenn man dann den Beatmungsbeutel drückt, merkt man sofort: Es geht gar nichts. Man kann überhaupt nicht drücken, er bleibt prall. Als Narkosearzt merkt man das sofort, dass nichts reingeht", erklärt der Mediziner. Spätestens nach dem zweiten gescheiterten Beatmungsversuch hätte die Ärztin tun müssen, was die Leitlinien für den Fall einer Blockade der Atemwege vorschreiben, so Thöns: "Wenn nur der Verdacht auf einen Fremdkörper besteht: Gerät weglegen, Brustkorb freimachen und fest auf den Brustkorb drücken." Auf diese Weise könne der Fremdkörper aus dem Körper herausgeschleudert werden. 

Bei Michael Mieleszko wurde die Blockade durch das Blutgerinnsel offenbar erst spät erkannt. Aus dem Protokoll geht hervor: Auch mit einem zu Hilfe gerufenen weiteren Arzt blieben weitere Beatmungsversuche erfolglos. Michael Mieleszko wurde reanimiert. Dann wurde ein Luftröhrenschnitt durchgeführt und das Gerinnsel entfernt. Laut Matthias Thöns agierten die Ärzte dann falsch: "Niemand hat nach diesem Luftröhrenschnitt eine Herzdruckmassage gemacht, obwohl man festgestellt hat, dass er keinen Puls hat." Das Gehirn von Michael Mieleszko blieb lange ohne Sauerstoff, er wurde ins Koma versetzt.
"Als wir ihn wiedersahen war er an tausend Geräte angeschlossen. Er hatte Krämpfe, er hat ständig gekrampft, was für uns ganz schrecklich aussah", erzählt seine Frau Barbara. "Es war einfach nichts mehr von dem Mann da, den wir ein paar Stunden vorher abgegeben hatten."

"Dokumentation nicht frei von Widersprüchen"

Dr. Thöns stellt in seinem Gutachten auch die Richtigkeit des Narkoseprotokolls in Frage, er schreibt: Die Dokumentation der Narkoseärztin ist in entscheidungsrelevanten Tatsachen unzureichend, sie zeigt Zeichen der Nachmanipulation und ist falsch. Eine wichtige Medikamentengabe sei laut Thöns nachträglich durchgestrichen und zu einem früheren Zeitpunkt wieder eingetragen worden. Gemäß jenes Protokolls soll das Natriumbicarbonat nicht um 0 Uhr, sondern schon um 23:35 Uhr verabreicht worden sein. Ein Präparat, das man unmittelbar nach der Wiederbelebung verabreicht. Die zeitliche Vorverlegung könnte bedeuten, dass Michael Mieleszko nur einen kurzen Kreislaufstillstand hatte  – für Matthias Thöns vollkommen unrealistisch: "Ein Mensch, der eine so kurze Zeit einen Kreislaufstillstand hatte, der wacht vielleicht mit Kopfschmerzen wieder auf, aber der ist nicht dem Hirntod nahe."

Der vom Gericht bestellte Sachverständige nannte die Dokumentation des Verlaufs zwar lückenhaft und nicht frei von Widersprüchen, aufgrund der Dramatik der Situation zeigte er jedoch Verständnis, in seinem Gutachten schrieb er: Unter den gegebenen Umständen halte ich dies aber für ein klinisch durchaus übliches Vorgehen und nicht für einen vorwerfbaren Fehler.

Barbara Mieleszko weiß noch immer nicht, warum ihr Mann tot ist. Der gerichtliche Gutachter kommt zu dem Schluss, dass zwar ein Behandlungsfehler vorliege, der aber noch verständlich sei: In einer solchen Situation und unter extremem Zeitdruck werden auch Fehlentscheidungen getroffen.

Die letzte Entscheidung über den Fall Michael Mieleszko fällt das Landgericht erst noch. Der nächste Verhandlungstermin ist am 15. November 2017. Dann wird ein weiterer Gutachter angehört.

Das könnte Sie auch interessieren