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Wie eine 17-Jährige mit chronischen Kopfschmerzen lebt

Felina leidet unter Migräne. Sie habe "seit über zehn Jahren keine einzige Sekunde ohne Kopfschmerzen erlebt", schrieb sie an die stern TV-Redaktion.  Dennoch hat sie den Lebensmut nicht verloren und kämpft weiter. Vor allem für Menschen wie sie, die immerzu von Schmerzen beeinträchtigt sind.

  Chronische Kopfschmerzen setzen die 17-jährige Felina seit Jahren regelrecht außer Gefecht.

Chronische Kopfschmerzen setzen die 17-jährige Felina seit Jahren regelrecht außer Gefecht.

Es war eine bewegende E-Mail, mit der sich Felina Enginler an die stern TV-Storybox wandte. Sie leide an Migräne. Und das dauerhaft seit mehr als zehn Jahren. Sie selbst ist erst 17 Jahre alt. "Migräne ist einer der schlimmsten Schmerzzustände, die ein Mensch erleben kann", schrieb sie. Deshalb würde sie wollen, "dass der Begriff Migräne ernster genommen und nicht als normale Kopfschmerzen abgetan wird. Und ich will anderen Mut machen, sich von der Migräne nicht unterkriegen zu lassen".

Wie schafft es die Schülerin, mit den in ihrem Fall chronischen Schmerzen zu leben? Wie meistert sie ihren Alltag? Storybox-Reporter Stefan Uhl hat das Mädchen besucht: Sie lag im Krankenhaus, weil die Schmerzen nach einem Migräneanfall unerträglich geblieben waren. "Ich lag abends im Bett und habe mich nicht mehr getraut, mich umzudrehen, weil ich dachte, mein Kopf zerplatzt gleich."

Migräne ist verbreitet, aber unterrepräsentiert

Zu Felinas steten Kopfschmerzen, die niemals weggehen, kommen regelmäßig heftige Migräneattacken hinzu. Ihre persönliche Schmerz-Skala zeigt, dass ihre Schmerzen zu der Zeit bei 8 von 10 Punkten liegen. Mehr geht fast nicht. "Ich habe immer vorne auf der ganzen Seite Kopfschmerzen und zusätzlich auf einer Seite pochend, meistens rechts. Und wenn es dann ganz schlimm pocht, dann reibe ich dort mit den Fingern, damit ich den Druck merke und nicht diesen pulsierenden Schmerz."

Diese Art von Kopfschmerz ist typisch für Migräne, weiß Felinas behandelnder Neurologe Prof. Zaza Katzarava. Er sagt: "Die Migräne ist eine biologische Erkrankung, genauso wie eine Lungenentzündung oder ein Herzinfarkt. Ungefähr 18 Prozent der Frauen weltweit leiden daran. Und obwohl die Erkrankung so verbreitet ist, ist sie unterrepräsentiert, wird oft übersehen oder schlecht beziehungsweise gar nicht behandelt."

Migräne ist eine unheilbare, neurologische Erkrankung – eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns. Typische Symptome einer solchen Attacke sind pulsierender, pochender Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen, Licht- und Lärmüberemfpindlichkeit und eine Schmerzzunahme bei körperlicher Aktivität.

Tipps bei regelmäßigen Kopfschmerzen und Migräne
Arztgespräch vorbereiten

Führen Sie eine Liste, um Ihre persönlichen Auslöser für Anfälle herauszufinden. Notieren Sie mutmaßliche Situationen oder Gegebenheiten, die einer Attacke vorausgehen. Überprüfen Sie im weiteren Verlauf, ob Ihre Vermutungen stimmen. Bedenken Sie, dass auch mehrere Faktoren gemeinsam einen Kopfschmerzanfall auslösen können. Und: Die einfachste Erklärung muss nicht immer die beste sein: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über das, was Sie herausgefunden haben.

Kopfschmerztagebuch und -kalender

Versuchen Sie, potenzielle Auslöser so objektiv wie möglich zu beurteilen. Das geht einfacher, wenn Sie gleichzeitig ein Migräne-Tagebuch führen.

Führen Sie die Checkliste und das Tagebuch auch weiter, wenn Sie glauben, die Auslöser identifiziert zu haben. Nur so können Sie Veränderungen im Verlauf Ihrer Migräne oder noch unerkannte Auslöser erkennen. Hier finden Sie außerdem einen Kopfschmerzkalender.

Kopfschmerzen unterscheiden

Beobachten Sie mit Hilfe Ihres Migräne-Kalenders genau, welche Beschwerden Sie haben. Bei manchen Betroffenen können neben den Migräneattacken auch andere Kopfschmerzen auftreten. Dann wäre eine andere Behandlung erforderlich.

Vorzeichen wahrnehmen

Achten Sie auf Zeichen, die bei Ihnen vor einer Attacke auftreten, damit Sie frühzeitig Ihre Medikamente einnehmen und den Anfall stoppen können. Möglicherweise sind Sie zuvor unruhig, müde, gereizt oder haben Appetit auf Süßes?

Ruhephase einräumen

Nach der Schmerzphase brauchen Sie Ruhe und Schlaf. Gönnen Sie sich das. Wenn Sie gleich wieder zum anstrengenden Tagesgeschehen zurückkehren, riskieren Sie erneut einen Anfall.

Schmerzbewältigungstechniken

Neben Medikamenten können im Akutfall auch Strategien zur Schmerzbewältigung.

Entspannter Tagesablauf

Legen Sie sich einen Stundenplan für die Woche an. Planen Sie feste Zeiten für Mahlzeiten, Arbeit und Freizeit ein. Lassen Sie aber auch Platz für Spontanes. Ein zu starres Zeitkorsett kann Stress verursachen.

Regelmäßig essen

Essen Sie regelmäßig und nehmen Sie die Hauptmahlzeiten möglichst zu den gleichen Zeiten ein. Verteilen Sie kleine Zwischenmahlzeiten über den Tag, um zu verhindern, dass Ihr Blutzuckerspiegel zu stark absinkt. Solche Schwankungen können Migräneanfälle auslösen.

Gleichmäßiger Tagesrhythmus

Vermeiden Sie Schichtarbeit oder unregelmäßige Arbeitszeiten. Ein ungleichmäßiger Tagesrhythmus begünstigt Mirgäneattacken.

Temperaturextreme meiden

Bestimmte Wetterlagen können einen Anfall auslösen. Das ist bei drei Prozent der Migränebetroffenen so, besagen Studien. Vermeiden Sie extreme Temperaturen, wenn Sie darauf empfindlich reagieren.

Balance finden

Vermeiden Sie schnelle Spannungswechsel. Oft sind es nicht Stress oder Entspannung selbst, die eine Attacke auslösen, sondern eher der schnelle Wechsel zwischen starkem Stress und Entspannung. Selbst starke positive Gefühle können wie Stress wirken. Auch wenn Sie sich schnell ärgern oder stark aufregen, begünstigen Sie Migräneanfälle. Bemühen Sie sich deshalb um etwas mehr Gleichmut.

Entspannungstraining

Planen Sie täglich mindestens eine Viertelstunde für ein Entspannungstraining ein, am besten gefolgt von etwas Angenehmem. Sonst verpufft der Effekt zu schnell. Hilfreich sind Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training. Das hilft auf lange Sicht bei den Wechselfällen des Lebens gelassener zu bleiben und beugt so der Neigung zu Migräneattacken vor.

Meditation

Meditieren Sie. Besonders geeignet sind Formen der so genannten Achtsamkeitsmeditation. Oder versuchen Sie es mit der Mindfulness Bades Stress Reduction Methode (MBSR). Das Verfahren wurde speziell für gestresste Menschen entwickelt. Aber Obacht: Die Entspannungstechniken sollten von qualifizierten Fachleuten unterrichtet werden.

Moderat Sport treiben

Dadurch entspannt sich nicht nur der Körper, sondern auch der Geist. Es reicht, wenn Sie sich eine halbe Stunde bewegen, am besten drei- bis viermal in der Woche. Vermeiden Sie aber abrupt in intensive Trainings einzusteigen. Als geeignet gelten Jogging, Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen. Gut ist Sport am Nachmittag, morgens vertragen Betroffene Sport nicht so gut. Die ideale Startzeit liegt zwischen 16 und 18 Uhr.

Unterstützung suchen

Sprechen Sie mit Familienmitgliedern oder Freunden über Ihren Tagesplan. Sprechen Sie über Ihre Migräne und bitten Sie um Unterstützung. Sagen Sie ruhig mal Nein, wenn Sie zu Unternehmungen gedrängt werden, die Sie unnötig in Ihrem Tagesrhythmus stören. Sie sollten es nicht immer allen recht machen wollen. Solche Denkmuster führen zu Stress.

Der Umstellung Zeit geben

Geben Sie nicht zu schnell auf, es dauert einige Zeit, bis Sie sich an die neue Tagesstruktur gewöhnt haben. Setzen Sie sich nicht unter Erfolgsdruck. Übrigens auch nicht im Job oder in der Familie und dem Freundeskreis.

Sich selbst belohnen

Planen Sie die genannten Punkte und Strategien in Ihren Alltag ein. In den ersten Wochen hilft ein Zeitplan. Das entspannt nicht nur den eigenen Geist, sondern auch das Umfeld weiß Bescheid, wann mit Ihnen zu rechnen ist – und wann nicht. Belohnen Sie sich, wenn Sie den Plan eingehalten haben. Gönnen Sie sich dann etwas, dass Ihnen Spaß macht.


Den Schmerz akzeptieren und ihm nicht die Kontrolle überlassen

Bei Felina Enginler begannen die Kopfschmerzen bereits im Kindergartenalter. "Im zweiten Schuljahr war dann der Zeitpunkt, dass sie jeden Tag gesagt hat, sie habe Kopfschmerzen", sagt ihre Mutter Nina Enginler. Seitdem war Felina schon bei unzähligen Ärzten. Sie ist in psychologischer Behandlung, hat alternative Heilmethoden ausprobiert und sogar eine Botoxbehandlung in den Kopf hinter sich. Alles ohne wirkliche, langfristige Besserung. Das normale Migränemittel namens Triptan brachte ihr kaum Linderung, ebenso wie normale Schmerzmittel. Derzeit probiert sie ein Medikament aus, das eigentlich bei Epilepsie eingesetzt wird. Es soll den Migräneattacken vorbeugen. Ist die Migräne erste einmal da, könne sie eigentlich nur noch im Dunkeln im Bett liegen und sich nicht bewegen, so die 17-jährige Schülerin. "Vom Verstand her hat man es inzwischen akzeptiert. Aber es gibt noch immer diese Momente, in denen man sich fragt: Warum habe ich nicht doch irgendeine Möglichkeit? Warum kann ich nicht doch irgendwas tun? Es ist schon schwierig."

Wie geht man damit um, wenn die Schmerzen einfach nicht mehr aufhören? "Manche Menschen werden diesen dauernden Kopfschmerz wieder los. Andere werden ihn nicht wieder los. Und da bleibt einfach nur, zu akzeptieren: Ich habe diesen Schmerz und ich werde trotzdem glücklich. Also akzeptiere ich, dass er zu mir gehört und ich versuche trotzdem mein Leben in den Griff zu bekommen und dem Schmerz nicht die Kontrolle über mein Leben zu geben", so die Erklärung von Prof. Boris Zernikow. Der Chefarzt des Deutschen Kinderschmerzzentrums in Datteln behandelt pro Jahr 1.400 Kinder und Jugendliche mit Schmerzen. 70 Prozent seiner Patienten haben Kopfschmerzen, viele leiden unter Migräne.

Jeden Tag aufs Neue

Auch Felina hat trotz oder gerade wegen der steten Schmerzen gelernt, damit umzugehen und trotzdem so normal wie möglich zu leben. Jeden Tag versucht sie es aufs Neue. Zurzeit macht sie an der Berufsschule eine Ausbildung zur Sozialassistentin. Obwohl sie im vergangenen Halbjahr 180 Unterrichtsstunden verpasst hat, gehört sie zu den Klassenbesten. Früher wurde sie wegen ihrer "Kopfschmerzen" und der ständigen Unterrichtsausfälle von ihren Klassenkameraden ausgeschlossen oder gehänselt.

In der Berufsschule lernte Felina ihre beste Freundin Maria kennen: "Sie nimmt das nicht locker, aber sie geht da sehr offen mit um. Sie sagt dann sehr schnell: Das wird mir zu viel, kann ich mich hinsetzen? Oder können wir mal eine Pause machen?", erzählt Maria. "Aber sie ist auch trotz der Schmerzen immer total lebenslustig und wir lachen viel zusammen. Und manchmal vergesse ich auch, dass sie die Kopfschmerzen immer hat."

Auch Felina Enginler versucht, ihre Schmerzen zwischendurch zu vergessen. Trotzdem will sei weiter dafür kämpfen, dass chronische Schmerzen und das Thema Migräne weiter ins Bewusstsein aller Menschen rücken. Denn die Betroffenen haben oft keinen anderen Wunsch, als Verständnis für ihr Leiden.


Migräne für Kinder erklärt:



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