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So funktioniert das Projekt der "Ein-Dollar-Brille"

Mit wenigen Handgriffen lässt sich mithilfe eines kleinen Kastens eine Brille fertigen. Vielen Menschen in Entwicklungsländern wäre damit geholfen. Nicht nur, weil eine solche Sehhilfe wenig kostet.

Kleine Erfindung, gute Sicht: Mit der Ein-Dollar-Brille kann sich auch die arme Bevölkerung Malawis eine Sehhilfe leisten.

Kleine Erfindung, gute Sicht: Mit der Ein-Dollar-Brille kann sich auch die arme Bevölkerung Malawis eine Sehhilfe leisten.

Zum ersten Mal kann Jonathan die Worte an der Schultafel lesen, die seine Lehrerin dort hinschreibt. Der Achtjährige hat eine Brille bekommen – und ist mächtig stolz. Jonathan lebt in Malawi in Afrika, wo auch der alleinstehende Bauer Simon endlich eine Sehhilfe bekommen hat: "Jetzt kann ich die Vögel sehen, die ich vorher nur gehört habe", sagt der alte Mann. Für ihn bedeutet Sehen eine ganz neue Welt.

So wie Jonathan und Simon können sich laut WHO weltweit rund 150 Millionen Menschen bisher keine Brille leisten, obwohl sie eine Sehhilfe bräuchten. Millionen Menschen, die dadurch Nachteile in der Bildung, im sozialen Miteinander oder schlicht im täglichen Überleben haben, weil sie schlecht sehen. Das betrifft vor allem Menschen in Entwicklungsländern, in denen es schlicht keine Brillen gibt – oder die wenigen nur für wohlhabende Landsleute erschwinglich sind.

Ein Wunderkasten für tausende Brillen

Warum aber werden hierzulande Brillen für kleines Geld angeboten, in Dritteweltländern dagegen nicht? Der Erlanger Martin Aufmuth wollte das ändern. Er fand heraus, dass sich auch mit geringen Materialkosten Brillen fertigen lassen, denn dafür braucht man eigentlich nur stabilen Draht, einen speziellen Kunststoff – und einen ökonomischen Weg, daraus eine individuell passende Brille herzustellen. Aufmuth, der von Beruf Lehrer ist, wälzte patente, tüftelte, schraubte, bohrte und sägte – bis er nach Jahren eine Lösung hatte: einen Wunderkasten. Martin Aufmuth hatte eine etwa drei Kilogramm schwere, unscheinbare Holzkiste erfunden, aus dessen Innenleben tausende Brillen hergestellt werden können. Kosten pro Brille: ein Dollar, also etwa 0,80 Euro.

Pro Brillengestell eine halbe Stunde

Im April 2013 startete Martin Aufmuth sein Hilfsprojekt "Ein-Dollar-Brille" und bildet seitdem Techniker in Entwicklungsländern an seiner Erfindung aus, etwa in Ruanda, Burkina Faso, Bolivien, Äthiopien oder Nicaragua. stern TV hat ihn und seine Erfindung nach Malawi in Afrika begleitet. Jonathan geht in eine Grundschule in Zomba, im Süden des Landes. Und mit ihm etwa 3000 Schüler. Kein einziges Kind hatte bisher eine Brille. Manche von ihnen wurden bestraft, weil sie im Unterricht nicht richtig mitgemacht haben. Aber das lag häufig daran, dass sie schlichtweg schlecht sahen. Martin Aufmuth und sein Team machen mit den Kindern einen Sehtest. Für die Schüler sind die Drahtgestelle auf der Nase zunächst eine komische Sache – bis sie begreifen. Auch Jonathan.

Unweit der Schule zeigen die Entwicklungshelfer Einheimischen, wie sie mit der Kiste Brillen fertigen können. Für sie ist es eine berufliche Chance, denn sie können damit eine Existenz gründen. Martin Aufmuth hat jeden einzelnen Arbeitsschritt selbst entwickelt: Es wird gebogen, gedreht, gemessen. Auf einer Handbiegemaschine werden binnen einer halben Stunde zuerst die Gestelle gefertigt, dann mit einer optischen Tafel und dem Linsenkasten für jeden die individuelle Glasstärke ermittelt und anschließend die Kunststoffgläser eingespannt. Die Qualität ist gut. "Selbst, wenn man sich darauf setzt, sollte die Brille das aushalten", erklärt Martin Aufmuth. "Man könnte sie auch als Sportbrille verwenden, weil sie sehr flexibel ist. Die Gläser sind aus Polykarbonat. Das ist das Günstigste und zum Glück auch das Stabilste, was wir kriegen können."

Die Ein-Dollar-Brille in Bildern

Bisher gibt es 25 verschiedene Brillengläser von minus sechs bis plus sechs Dioptrien.

© Foto:stern TV

Das einheitliche ovale Gestell ist aus Federstahl. Eine eckige Variante wird gerade entwickelt.

© Foto:stern TV

Martin Aufmuth ist von Beruf Lehrer. Vor wenigen Monaten gab der 40-jährige Erlanger seinen Job auf, um sich allein um das Projekt zu kümmern.

© Foto:stern TV

Entwicklungshilfe mit Nachhaltigkeitseffekt

Um die Bewohner von Malawi über das neue Angebot zu informieren, startet das Projekt eine Radiodurchsage. In einem nahe gelegenen Dorf können sich Menschen mit Sehproblemen einfinden. Dort wird die Sehschärfe gemessen und die Leute können eine Ein-Dollar-Brille bekommen. Bisher bekamen die Menschen häufig Tropfen für ihre Augen – etwas anderes konnten die Ärzte nicht verordnen. Den Preis für eine landesübliche Brille kann kaum jemand bezahlen. Oft werden dort auch Altbrillen aus Industrieländern angeboten, die aber in den seltensten Fällen passen.

An diesem Tag bekommen 41 Menschen eine Brille. 41 Menschen können wieder gut sehen und sorgen mit ihrem Kauf für neue Arbeitsplätze im Ort. Die Einnahmen gehen ausschließlich an einheimische, die als Techniker oder Optiker angelernt werden. Sie bekommen je 60 Cent pro verkaufter Brille. Auf diese Weise soll ein System in Gang kommen, das den Menschen im Ort dauerhaft hilft. Martin Aufmuth und die Entwicklungshelfer verdienen nichts daran.

Bisher hat der Wunderkasten für die Ein-Dollar-Brille schon mehreren Tausend Menschen geholfen. Mehreren Tausend von 150 Millionen, denen diese Erfindung in Zukunft noch nutzen könnte.

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