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Eine Neonazi-Familie und ein Flüchtlingsheim

Familie Ritter im ostdeutschen Köthen: über Generationen ein Kreislauf aus Verwahrlosung, rechtem Gedankengut und kriminellen Karrieren. stern TV dokumentiert die Verhältnisse seit 22 Jahren. Die Unterbringung von Flüchtlingen nahe der bekannten Neonazi-Familie wirft neue Fragen auf. 

Karin Ritter ist das Familienoberhaupt der rechtsradikal gesinnten Großfamilie aus Köthen in Sachsen-Anhalt.

Karin Ritter ist das Familienoberhaupt der rechtsradikal gesinnten Großfamilie aus Köthen in Sachsen-Anhalt.

Aus ihrer rechtsradikalen Gesinnung machten sie nie ein Geheimnis. Arbeitslosigkeit, Gewalt, Alkoholsucht und schwierige Familienverhältnisse wiederholen sich seit Generationen in der Großfamilie: stern TV dokumentiert das Leben der Ritters in Köthen seit nunmehr 22 Jahren. 1994 berichteten wir erstmals über Mutter Karin Ritter und ihre sechs Kinder.

Berufswunsch: Skinhead

Bei der ersten Begegnung mit stern TV hatten die Jungs gerade die Wohnung einer Nachbarin mit Axt und Baseballschläger verwüstet. Die Schule hatte die Ritter-Kinder vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie ihre Mitschüler mit Schlagstöcken traktiert haben sollen.

Es mache ihnen Spaß, Menschen grundlos zusammenzuschlagen, erzählten die Kinder damals dem stern TV-Team. Und auch die rechtsradikale Gesinnung ihrer Eltern hatten sie bereits übernommen: Der neunjährige Norman Ritter hob stolz die Hand zum Hitlergruß - und beteuerte: "Ich will Skinhead werden." Und Bruder René, damals zwölf Jahre alt, erklärte: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg. Die schlage ich blau."

Norman Ritter fiel schon früh durch seine rechtsradikale Gesinnung auf.

Norman Ritter fiel schon früh durch seine rechtsradikale Gesinnung auf.

Ob Nachbarn, Mitschüler oder Lehrer - schon damals hatten alle Angst vor den Ritters. Man habe nie gewusst, wie weit die Kinder gehen, sagte eine Schuldirektorin. Auch das Jugendamt war lange machtlos: Zwar nahm es die Kinder immer mal wieder aus der Familie heraus. Doch Mutter Karin Ritter holte sich das Aufenthaltsbestimmungsrecht und damit ihre Kinder zurück.

Von klein auf kriminell

Die Kindheit der jungen Ritters war eine beispiellose Odyssee durch staatliche Einrichtungen. Die Behörden waren mit der Familie schlicht überfordert. Und so hat sich in all den Jahren bei der ständig wachsenden Großfamilie wenig geändert. Vor allem die vier Söhne von Karin Ritter sorgten immer wieder für Negativ-Schlagzeilen, mussten mehrere Haftstrafen verbüßen. Auch eine der Töchter, Karina Ritter, musste sich vor Gericht verantworten, weil sie vier Schläger auf einen Mann angesetzt haben soll. Ihre acht Kinder, die sie von verschiedenen Männern hat, hatten bis 2009 ebenfalls in der Angerstraße in Köthen gelebt – bis sie in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht wurden. Andernfalls würde sich der Kreislauf wohl auch in der dritten Generation fortsetzen.

Die Wohnung in der Angerstraße musste Familienoberhaupt Karin Ritter mit dem Rest der Familie inzwischen insgesamt aufgeben. Durch einen städtisch angeordneten Zwangsumzug wurden sie in der nahe gelegenen Augustenstraße in einer anderen Schlichtwohnung einer Obdachlosenunterkunft der Stadt untergebracht. Doch dort droht nun neuer Ärger: Direkt gegenüber der Ritters sollen in den nächsten Wochen Asylsuchende einziehen. "Hier eine Flüchtlingsunterkunft aufzumachen, halte ich für hochgradig fragwürdig", kritisiert Martin Olejnicki die Entscheidung der Stadt. Der Köthener Pfarrer und Sprecher der Initiative "Willkommen in Köthen – weltoffen und bunt" hält es für falsch, die Asylbewerber ausgerechnet im ärmsten Teil der Stadt unterzubringen: "Dann muss eine ständige Präsenz von Sozialarbeitern und Polizei hier in der Straße sein", sagt er.



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