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Wie junge Obdachlose auf der Straße leben

Rund 37.000 Jugendliche leben in Deutschland auf der Straße. Fehlende Perspektiven, Probleme zu Hause, Drogen oder schlicht kein Geld - die Gründe dafür sind ebenso vielfältig, wie die Geschichten dahinter. stern TV hat sich ein paar von ihnen getroffen.

Ilka Bessin spricht mit Paul (26), der seit vier Jahren auf der Straße lebt.

Ilka Bessin spricht mit Paul (26), der seit vier Jahren auf der Straße lebt.

Paul ist 26 Jahre alt und seit seinem 18. Lebensjahr schwerer Alkoholiker. Er habe aus Langeweile und wegen der Scheidung seiner Eltern angefangen zu trinken, sagt er. Inzwischen lebt Paul seit vier Jahren auf der Straße, meist schläft er wie viele andere im Sommer im Tierpark. Wegen Schwarzfahrens bekommt der 26-Jährige regelmäßig Haftbefehle, dann könne er ein paar Wochen ins Gefängnis, habe dadurch Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Paul nennt das "Glück", die Knastaufenthalte gäben seinem Leben Struktur.

Laut einem aktuellen Bericht des Deutschen Jugendinstituts sind in Deutschland 37.000 Jugendliche obdachlos, Tendenz steigend. Aber wie landen all diese Kinder und jungen Erwachsenen auf der Straße, wie konnte es soweit kommen? Die Frage nach dem Wie und Warum führt Ilka Bessin nach Berlin, dort allein leben etwa 6.000 Menschen auf der Straße, darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene. Die Initiative Straßenkinder e.V., in der Warschauer Straße ist für sie eine Anlaufstelle, dort bekommen sie eine warme Mahlzeit, Klamotten und können Hilfsangebote annehmen. Für die jungen Menschen ist es noch nicht zu spät, es gibt einen Weg zurück – dabei möchte der Verein helfen. "Wir machen hier alles, was bei den jungen Leuten anliegt, ob es um Jugendamtskontakte geht oder andere Ämter, wir versuchen den Kontakt zur Familie wieder herzustellen, wenn es gewünscht ist, schreiben Bewerbungen oder suchen Wohnungen", erzählt Enna Simon, die schon seit 17 Jahren als Streetworkerin arbeitet.

Jeden Tag kommen zwischen 40 und 80 junge Leute in die Streetworkstation, die meisten zu den Essenszeiten. "Gerade im Winter ist eine warme Mahlzeit überlebenswichtig", sagt  der Chef und Gründer von Straßenkinder e.V. Eckard Baumann. Er habe selbst anderthalb Jahre keine Bleibe gehabt, habe im Auto, in einem besetzten Haus oder bei Freunden auf dem Sofa geschlafen. "Ich habe Gott sei Dank nie auf der Straße pennen müssen, aber es war schon prekär." Laut Baumann, der den Verein seit 17 Jahren leitet, nimmt die Zahl der obdachlosen jungen Menschen in Berlin stetig zu. Zum einen habe die Stadt eine enorme Wohnungsnot, so dass sie einfach keine Chance hätten, etwas zu finden. Und: "Die Kids wachsen in Verhältnissen auf, die man niemandem wünscht. Sie werden zuhause geschlagen, teilweise findet auch sexueller Missbrauch statt, und viele andere Dinge, die so nicht stattfinden sollten." Was ihnen bleibt, ist die Flucht.

Alles beginnt mit einer Flucht von zu Hause – oder einem Rauswurf

Der erst 22-jährige Maik, der an diesem Tag in der Küche bei Straßenkinder e.V. hilft, erzählt Ilka Bessin, dass auch sein Leben von einem kaputten Elternhaus, falschen Freunden und Drogen geprägt war. Das erste Mal landete er mit 13 Jahren auf der Straße und sei "direkt in voll die falsche Szene reingekommen."

Insgesamt verbrachte er schon viereinhalb Jahre auf der Straße. Kurzzeitig habe er mit einer Frau zusammengelebt, die ein Kind von ihm bekam. "Als sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung gegangen ist, musste ich alleine klarkommen. Und seitdem sitze ich wieder auf der Straße." Sein Geld verdient er mit Flaschensammeln vor einem Supermarkt. Dazu: stundenlanges Anschnorren. Manchmal bekommt er etwas zu Essen geschenkt. Maik hat schon früh Erfahrungen mit harten Drogen gemacht: Heroin, Chrystal Meth. Doch im Gegensatz zu anderen würde er "immerhin keinen Alkohol trinken", sagt er selbst- In seiner Kindheit habe er nämlich genau deswegen Gewalterfahrungen gemacht. Zurzeit wünsche er sich nichts mehr, als einen Job und eine eigene Wohnung.

Die Geschichten der obdachlosen Jugendlichen ähneln sich auffallend. Bei allen begann es mit einer Flucht von zu Hause – oder einem Rauswurf. Der Verein will den jungen Menschen wieder das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft vermitteln. Das dürfte vor allem für den 23-jährigen Martin eine wichtige Erfahrung sein. Der Cottbusser lebte jahrelang im Heim, danach 10 Jahre bei Pflegeeltern – bis er rausflog. Inzwischen schläft Martin wie viele andere im Park, eine andere Bleibe findet er nicht. Im Sommer sei das okay, sagt er. Die Obdachlosen dürfen 12 Übernachtungen pro Monat in einer öffentlich geförderten Einrichtung in Anspruch nehmen. "Die Frage ist: Was machen sie an den anderen 17, 18 Tagen? Für viele bleibt nur der Ausweg: Schlafsack", sagt Eckard Baumann.

Wachsende Obdachlosenzahlen, wenige Anlaufstellen

Ilka Bessin trifft immerhin auch eine junge Frau, die es geschafft hat, von der Straße wegzukommen. Die 20-jährige Kim war jahrelang obdachlos, weil ihre Mutter und ihr Stiefvater sie zu Hause rauswarfen, danach  lebte sie auf der Platte und im Görlitzer Park, einem der gefährlichsten Drogen-Hotspots Berlins. Straßenkinder e.V. verhalf ihr zu einem Ausbildungsplatz als Gesundheits- und Altenpflegerin. Auch der Kontakt zu ihrer Mutter sei wieder hergestellt, "weil ich mal was auf die Reihe kriege", sagt Kim. Enna Simon sei ihre Motivation, von der Straße wegzukommen. Der Verein versteht sich als Resozialisierungsprogramm. Ziel sei, die jungen Leute zurück ins soziale System zu bringen, sagt Vereins-Chef Eckard Baumann. Einst habe er mit dem Verteilen von kostenlosen Plätzchen und Getränken angefangen, dann habe er den Verein gegründet, um den Jugendlichen eine feste Anlaufstelle zu bieten. Trotzdem gebe es davon noch viel zu wenige. 

Ilka Bessins Resümee nach zwei Tagen auf der Straße fällt bedrückt sie: Die jungen Obdachlosen seien ein weiterhin wachsendes Problem, dem man ohne Geld kaum beikommen kann, sagt sie. Noch dazu "ist es oftmals nicht nur die Gewalt, es ist einfach auch die fehlende Liebe, dieses Mama oder Papa haben. Stattdessen erfahren sie Gewalt oder auch Missbrauch. Und dass gerade Kids oder Jugendliche mit diesen Gedanken im Hinterkopf, mit diesen Erlebnissen dann auf der Straße teilweise alleine klar kommen müssen – das ist wirklich hart."

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