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Frauenrechte, Terror, Homosexualität: Wie denken Deutschlands Muslime darüber?

In Berlin hat am Freitag eine besonders liberale Moschee eröffnet, in der Frauen und Männer gemeinsam beten können und Homosexuelle willkommen sind. In Köln demonstrierten Muslime am Samstag gegen Hass und Terror. Es kamen weniger Demonstranten, als gehofft. Wie stehen Muslime in Deutschland also wirklich zu all diesen Glaubensfragen? stern TV hat Antworten bekommen.

Sie wollten ein Zeichen gegen Terror im Namen des Islam setzen. Zu der groß angelegten Demonstration in Köln wurden am Samstag 10.000 Demonstranten erwartet, überwiegend Muslime. Denn islamistisch motivierte Anschläge und Gewalt – das hat mit ihrer Religion nichts zu tun. Dafür wollten die Muslime in Deutschland auf die Straße gehen.
Doch die Teilnahme fiel enttäuschend aus: Letztlich fanden sich nur 1000 Menschen zu dem Friedensmarsch ein. Das sorgte auch unter den engagierten Teilnehmern für Enttäuschung. Sie hatten so gehofft, dass alle gemeinsam ein Zeichen setzen.

Dass dieses Zeichen erhofft war, wird in der aktuellen stern TV-Onlineumfrage deutlich, an der sich über 7000 Menschen beteiligt haben, Muslime und Nicht-Muslime. Die Frage war: Sollten Muslime  in Deutschland islamistisch motivierte Anschläge stärker verurteilen? Nicht-Muslime stimmten der Frage mit 91 Prozent der Stimmen zu. Unter den Muslimen sah etwas mehr als die Hälfte die Notwendigkeit, sich deutlicher von Terror zu distanzieren, 47 Prozent halten das aber für nicht erforderlich.

Die Muslime in Deutschland sollten liberaler und weltoffener werden. Das meint allen voran Seyran Ates. Die Muslimin, Anwältin und Freuenrechtlerin setzt sich seit vielen Jahren für einen fortschrittlicheren Islam ein. Auf ihre Initiative hin wurde am vergangenen Freitag in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eröffnet – ein Gebetshaus, in dem Frauen und Männer gleichermaßen beten und vorbeten können und in der auch Andersgläubige und Homosexuelle willkommen sind. Mit ihrem Engagement macht sie sich seit Jahren aber auch Feinde.  Wegen der Moschee  erhielt Seyran Ates Unmengen von Hasskommentaren bis hin zu Morddrohungen.

Ates und die Moschee stehen deshalb unter Polizeischutz, die Drohungen sind ernst zu nehmen.
Das Projekt ist vielen Muslimen in Deutschland, insbesondere den konservativen,  suspekt. Das zeigte sich auch in einer Umfrage, die der türkisch-kurdische Reporters und Islamexperten Ali Can für stern TV  auf Berlins Straßen und vor den Moscheen durchführte: Dass Männer und Frauen zusammen beten – und dann noch vor einer Imamin – ist für viele undenkbar. "Das geht nicht, unsere Religion ist nicht so", hieß es, oder wenn, dann mit Einschränkungen: "Männer vorne, dahinter die Frauen, das ist in Ordnung. Aber nebeneinander? Nein, so geht das nicht, das ist nicht in Ordnung", so ein Imbiss-Besitzer.

Die Al-Nur-Moschee in Berlin gilt als konservativ, auch dort fragte Ali Can nach den Meinungen. Wie überall beten Männer und Frauen dort getrennt. Muslime wollen sich beim Beten konzentrieren, erklärte dort ein Gläubiger. Männer könnten durch attraktive Frauen gestört werden. „Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, das ist nicht wahr“, so der Mann. 

Gros der befragten Muslime halten an konservativen Werten fest

Die stern TV-Umfrage ergab: 82 Prozent der Muslime sind dafür, dass Frauen und Männer weiterhin getrennt beten, nur 18 Prozent der muslimischen Teilnehmer befürworteten gemischte Gebetsräume.
Der Koran schreibt vor, dass Männer zusammen im Hauptraum der Moschee beten, die Frauen müssen außer Sichtweite bleiben – in der Regel in einem Nebenraum. Das ist eine Tradition, für die Seyran Ates kein Verständnis hat. Sie wünscht sich einen Islam, in dem alle Menschen gleich sind, in dem auch Lesben und Schwule akzeptiert werden. Auf Nachfrage Ali Cabns meinte ein muslimischer Mann: „Ich habe nichts gegen Schwule, aber ich würde jetzt nicht in diese Moschee gehen“. Eine konservative Muslimin meinte dazu: „Wenn ein Homosexueller das Bedürfnis hat, den Glauben kennen zu lernen und wenn derjenige bereut und wieder auf den richtigen Weg kommt, dann hat er die Gnade Gottes bekommen und ist wieder ein normaler, gesunder Mann. Die Homosexualität ist ja eine Krankheit und die kann man bekämpfen – mit dem Glauben und vielleicht auch durch Therapie!“

Laut unserer Online-Umfrage haben immerhin 57 Prozent der Muslime nichts dagegen, dass Homosexuelle in der Moschee beten. Der Rest ist dagegen.

Homosexualität wird offenbar grundsätzlich von vielen Muslimen kritisch gesehen. 37 Prozent wollen Homosexuelle nicht in ihrem Umfeld. Fast jeder dritte hält Homosexualität für unnatürlich und findet, sie sollte verboten sein. Kein Problem mit Homosexuellen hat ein Drittel der Befragten.

Weitere Ergebnisse unserer Umfrage im Vergleich:

Die Umfrageergebnisse im Vergleich
Stand: 20.06.2017 - 16:00 Uhr  4.643 Teilnehmer  Muslime:             1.338  Nicht-Muslime:   3.305    Die Teilnehmer wurden gefragt, welcher Aussage sie jeweils zustimmen.

Stand: 20.06.2017 - 16:00 Uhr
4.643 Teilnehmer
Muslime:             1.338
Nicht-Muslime:   3.305

Die Teilnehmer wurden gefragt, welcher Aussage sie jeweils zustimmen.

Live in der Sendung sprach Steffen Hallaschka mit der Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates und dem Vorsitzenden des Islamrats Burhan Kesici über das Umfrage-Ergebnis und die Ereignisse rund um die Friedensdemo in Köln.

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