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Wie sich Manal al-Sharif für Frauenrechte in Saudi-Arabien einsetzt

Es ist ein kleiner Schritt Richtung Freiheit: Die Entscheidung von König Salman, dass in Saudi-Arabien zukünftig Führerscheine auch an Frauen ausgegeben werden dürfen, freut vor allem Manal al-Sharif. Die Aktivistin hatte jahrelang dafür gekämpft. Und sie hat die Frauenunterdrückung in diesem Land am eigenen Leib erfahren. stern TV traf sie am Wochenende in Zürich wieder.

stern TV traf Manal al-Sharif Ende September in Zürich

stern TV traf Manal al-Sharif Ende September in Zürich

"Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist! Wir haben 27 Jahre darauf gewartet", jubelt Manal al-Scharif. Vor sechs Jahren war sie mit einem Video schlagartig weltberühmt geworden. Die Frauenrechtlerin hatte sich dem Fahrverbot in Saudi-Arabien widersetzt und filmte sich hinter dem Steuer. "Ich hatte Angst und fühlte mich gleichzeitig frei", erinnert sich Manal al-Sharif. "Für andere Menschen ist es etwas Selbstverständliches. Sie verstehen nicht, wie schwierig es für eine saudische Frau ist, so ein Tabu zu brechen und es in die Tat umzusetzen." Den Clip von ihrer Autofahrt stellte sie ins Netz - und forderte Frauen im ganzen Land dazu auf, es ihr gleichzutun. 2011 brach dadurch eine ganze Protestbewegung aus. Saudi-Arabien ist das letzte Land der Welt, das Frauen das Autofahren verbietet. Die damals 32-Jährige wollte das ändern und auf die unterdrückten Rechte in dem ultrakonservativen Königreich aufmerksam machen. Für ihre Aktion wanderte Manal al-Sharif noch in der darauffolgenden Nacht ins Gefängnis. "Meine größte Angst war, dass ich das Gefängnis niemals wieder verlassen würde. Mein Job, mein damals fünfjähriger Sohn. Ich hatte Angst alles zu verlieren." Nach neun Tagen kam sie wieder frei. Doch sie sah sich gezwungen, ihren Job als IT-Expertin bei einer Erdölfirma aufzugeben und das Land zu verlassen.

Vorreiterin für Frauenrechte in einer Männerwelt

Manal al-Sharif wuchs mit ihren Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen in der saudischen Stadt Mekka auf. Sie erfuhr schon als kleines Mädchen Gewalt durch ihren Vater. Damals gab es keinerlei Gesetz gegen häusliche Gewalt. "Normalerweise lieben Kinder ihre Eltern. Ich habe sie nie geliebt. Ich hatte immer Angst vor ihnen, weil sie so brutal zu uns waren", so die 38-Jährige. Sie floh, sobald sie die Schule beendet hatte, legte ihren Schleier ab und studierte Informatik. Manal al-Sharif wurde die erste Frau in Saudi-Arabien, die als IT-Sicherheitsexpertin arbeitete – in einer Männerwelt. Bei der Arbeit lernte sie schließlich ihren ersten Ehemann kennen. Sie habe ihn geliebt, nicht im Traum daran gedacht, dass er einmal gewalttätig werden könnte. Doch das wurde er. Er kontrollierte Manal, bestimmte, dass sie sich wieder verschleiert. Als ihr erster Sohn zur Welt kam, wurde das Leben für die junge Frau immer unerträglicher.  "Ich habe so hart für meinen Job und für all die Dinge gekämpft, die mich unabhängig machten. Und dann hatte ich diesen Mann, der mich wieder ganz an den Anfang gezwungen hat."

Manal al-Sharif ließ sich scheiden und ging für ein Jahr nach Amerika, wo sie Dinge tun durfte, die für eine saudische Frau undenkbar waren. In den USA machte sie auch ihren Führerschein. Zurück in Saudi-Arabien fasste sie dann den Entschluss einfach Auto zu fahren. Bis heute sei es etwas Besonderes für sie, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dass Frauen in dem Land weitgehend rechtlos sind, ist eine Frage der Macht. Ein Gesetz oder eine religiöse Begründung gegen das Autofahren gibt es nicht. Doch nun kündigte König Salman überraschend an, dass in Zukunft auch Führerscheine an Frauen ausgegeben werden sollen. Ab Juni nächsten Jahres dürfen Frauen selbst - und ohne männliche Begleitung - fahren. Für Manal al-Sharif, die mittlerweile in Sydney lebt, ist das ein erster Erfolg im Kampf für Frauenrechte: "Freiheit bedeutet für mich in Würde zu leben und ich selbst zu sein. Ohne irgendeinen  gesellschaftlichen oder religiösen Druck, ohne verurteilt zu werden. Ich möchte einfach Kontrolle über mein Leben haben." Ein Wunsch, den sicher unzählige saudische Frauen mit ihr teilen. Und das ist ihr Recht. Wenigstens eins.

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