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So ist ein Leben mit Schizophrenie

Ein zweites Ich, eine gespaltene Persönlichkeit - das ist die allgemeine Vorstellung von Schizophrenie. Tatsächlich ist die Gedankenwelt Betroffener sehr viel komplizierter. Wir haben zwei Menschen mit der psychischen Erkrankung kennen gelernt.

  Marie Claire ist mit 19 Jahren an Schizophrenie erkrankt.

Marie Claire ist mit 19 Jahren an Schizophrenie erkrankt.


Halluzinationen, Denkstörungen, Verfolgungswahn: Es ist die Krankheit der unkontrollierbaren Gedanken. Die verbreitete Annahme, schizophrene Menschen hätten zwei Persönlichkeiten, seien schlicht "irre" und kämen aus sozial schwachen Familien, ist falsch. Tatsächlich kann es jeden treffen – obwohl es begünstigende Faktoren gibt. "Vor 100 Jahren wäre ich noch weggesperrt worden, auf nimmer Wiedersehen“, sagt Felix Longolius, der seit Jahren mit der Krankheit lebt. 

Allein in Deutschland leiden bis zu 800.000 Menschen an Schizophrenie. Wie kommt es zum Ausbruch der Krankheit? Und wie erleben Betroffene das, was mit ihnen passiert? 

"Ich habe in meinem Denken dieses Stimmenhören gehabt und habe mich dann immer weiter zurückgezogen", berichtet Felix Longolius von seinen Psychosen. "Und dann hieß es irgendwann: Ich muss mich umbringen, um den Atomkrieg zu verhindern." Der inzwischen 35-Jährige erkrankte mit 22 an Schizophrenie und war jahrelang wegen seiner wahnhaften Gedanken in psychiatrischen Kliniken. "Je länger die Psychose dauerte, desto mehr entfernte ich mich von der Realität" 

Schizophrenie ist eine Psychose, deren Ursache bis heute nicht erforscht ist. Man vermutet, dass viele Faktoren verantwortlich für die Entstehung sind. Einer davon ist ein gestörter Stoffwechsel im Gehirn: Die am Denkprozess beteiligten chemischen Botenstoffe, wie beispielsweise Dopamin, sind bei der Schizophrenie im Ungleichgewicht. Deshalb gerät auch das Denken durcheinander. 

Lebenskrise besonders empfindsamer Menschen

Felix Longoluis wuchs zusammen mit seinem großen Bruder Nikolas in einem Akademikerhaushalt auf. Die Eltern trennten sich schon früh, und als Felix 15 Jahre alt war, ließ die Mutter ihn während der Woche alleine, um in einer anderen Stadt zu arbeiten. Der Schüler konnte tun, was er wollte – er begann, Drogen zu nehmen. Dazu seine Pubertät, die Persönlichkeit im Umbruch. All das zusammen könnten die Entwicklung seiner Schizophrenie begünstigt haben. Prof. Thomas Bock von der Psychiatrieambulanz in Hamburg kennt Longolius' Geschichte: "Man kann eine Psychose als eine Lebenskrise besonders dünnhäutigen Menschen verstehen, in der der Selbstschutz verloren geht, die Grenze zwischen innen und außen durchlässig wird. Und das kann unterschiedliche Folgen haben und unterschiedlich erlebt werden." 

Auch Marie Claire Hoffmann kennt das Ringen mit den eigenen Gedanken. Sie wandte sich selbst an stern TV, um über die Krankheit aufzuklären. Bei der inzwischen 23-Jährigen zeigten sich erste Anzeichen schon in der Pubertät. Anfangs wachte sie nachts auf, wurde von Ängsten gequält. Tagsüber entwickelte sie einen Zwang, der ihr Denken zunehmend beherrschte. Bei Marie Claire spielten sich regelrechte Denkkreisläufe ab, aus denen sie nicht entkommen konnte, erzählt sie: "Wenn ich zum Beispiel zwei Mal in die gleiche Richtung geguckt habe, auf ein Regal oder so, dann musste ich etwas anders hinstellen. Und dann war es ok. Und wenn ich wieder hingeguckt habe, dann: Es war ein immer wieder kehrender Kreislauf."

Das Mädchen schlief nicht mehr und ging nicht mehr regelmäßig zur Schule. Sie war unfähig einen normalen Alltag zu leben. Ihr Denken hielt sie gefangen. "Dann habe ich mich ins Bett gelegt, aber es ging nicht: Die Gedanken waren wieder da. Und dann habe ich gedacht: Du musst dich umbringen", erzählt Marie Claire.

Der Dialog mit sich selbst hörte nicht auf, sie hörte eine Stimme, die ihr sagte: Bring dich um! Du musst dich umbringen. Dann wieder: Quatsch, leg' das Messer weg, leg' dich wieder hin. Und wieder: Bring dich um – leg dich wieder hin…

"Und das habe ich ungefähr 10 Mal gemacht, bis ich so verzweifelt war, dass ich meine Mutter angerufen habe und gesagt habe: 'Mama, ich weiß nicht, was mit mir los ist, komm bitte nach Hause ich hab Angst, dass ich mich umbringe'." 

Marie Claires Eltern hatten erste Wesensveränderungen bereits in der Pubertät bemerkt. Als ihr Kind immer aggressiver wurde  und sich zurückzog, suchten sie mehrere Psychologen auf. Doch niemand dachte an eine Psychose. Letztlich dauerte es zwei Jahre, bis ihr Zustand so lebensbedrohlich wurde, das Mädchen das Haus nicht mehr verließ und nur noch im Dunkeln liegen wollte. 

Nicht heilbar, aber behandelbar

Schizophrenie ist bis heute nicht heilbar, allerdings medizinisch durchaus behandelbar. Marie Claire kam in die Psychiatrie und hat die Krankheit nun dank entsprechender Medikamente im Griff. Marie Claire hat ein Studium begonnen und eine eigene Wohnung. Ihre Medikamente muss sie weiter nehmen, damit der Wahn nicht wiederkommt. "Das ist eine tiefe Verzweiflung, wenn man seine Gedanken nicht mehr runter Kontrolle hat. In dieser Krankheit denkt man, die Leute erzählen einem Unsinn, das ist nicht die Wahrheit, die lügen einen an. Das habe ich auch von den Ärzten gedacht. Aber ich habe mich aufgerafft, weil ich  wieder normal sein wollte, nicht mehr in Kreisläufen denken." 

Auch für Felix Longolius wurde es sehr bedrohlich, weil er sich und andere durch seine Wahnideen in Gefahr brachte – bis er das erste Mal in die Psychiatrie kam. Die Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Dazu gehören Wahnideen, Verfolgungs- und Kontrollwahn, Gedankenlautwerden, Stimmenhören und Angst. Er erinnert sich: "Krönender Höhepunkt war meine letzte Psychose, die vierte, als ich dachte, dass ich Geheimdienste überzeugt hätte, dass ich was drauf habe. Und dann dachte ich, dass die Geheimdienste die Überwachungsdaten von mir mit Kamera, Mikrofonen und Infrarotkameras und total fantastischen Möglichkeiten ins Fernsehen senden, weil ich so ein tolles Programm wäre für das Fernsehprogramm. Und dann lebte ich in einer Welt, in der es also einen Weltfernsehsender gab, auf dem ich zu sehen war."

"Man denkt ja, man ist im Recht"

Longolius wurde damals zwangsbehandelt, er bekam gegen seinen Willen Medikamente. "In dem Moment war ich sehr dagegen, es war richtig furchtbar, ein Kampf: Meinen Wahn aufgeben, das wollte ich nicht. Ich fühlte mich im Stolz verletzt. Man denkt ja, man ist im Recht", sagt er.

Doch wenn er seine Medikamente nicht nahm, kam es zum Rückfall. Inzwischen bekommt Felix Longolius regelmäßig Depotspritzen, die seine Schizophrenie unterdrücken. Er akzeptiert das, weil auch er wieder am Leben teilhaben möchte: "Es ist gut, wenn ich mich daran erinnere, wie es nach der letzten Psychose war. Es war mir wichtig, mit meinen Freunden und Verwandten wieder Kontakt zu haben, denn die hatte in der Psychose ich links liegen lassen. Mit den Medikamenten wollte ich wieder zeigen: Hallo, hier bin ich, ich will wieder mitmachen."

Felix Longolius kann jetzt auch wieder selbständig leben. Er hat ein Einzimmerappartement und versorgt sich selbst. Und er hat ein Buch über sein Leben mit Schizophrenie geschrieben, das ihm noch mehr im Kampf gegen dumme Gedanken geholfen hat. Er hat zwar keinen normalen Job und auch kein Geld. Aber er kann von sich sagen: "Ich bin mir zufrieden."

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