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Ist die neue Hartz-IV-Erhöhung angemessen oder armselig?

Seit Jahresanfang bekommen Empfänger des ALG II per Regelsatz fünf Euro mehr, um ihren Lebensunterhalt zu decken. Viele Hartz IV-Empfänger und auch Sozialverbände halten das für realitätsfern.

  Hartz IV-Empfänger Jörg Ehrhardt (57). Auch er sagt: "Die fünf Euro fühlen sich lächerlich an. Die retten mich nicht."

Hartz IV-Empfänger Jörg Ehrhardt (57). Auch er sagt: "Die fünf Euro fühlen sich lächerlich an. Die retten mich nicht."


Fünf Euro mehr für Hartz IV-Empfänger. Zum 1. Januar wurde der Regelsatz von 399 Euro auf 404 Euro erhöht. Für viele Arbeitslose ist das aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wie für Jörg Ehrhardt, der sagt: "Fünf Euro Erhöhung sind lächerlich. Die retten mich nicht."

Der 57-Jährige ist seit drei Jahren arbeitslos. In seinem Leben hatte er bis dahin bereits 37 Jahre lang gearbeitet. Ursprünglich aus Leipzig stammend machte er dort eine Lehre als Baumaschinist, war dann Eisenflechter. Nach der Wende zog er ins Sauerland, wo er in einer Wäscherei, als LKW-Fahrer und Staubsaugervertreter arbeitete. In den vergangenen die Jahren hat er mehr als 100 Bewerbungen geschrieben – alle erfolglos. Nun lebt Jörg Ehrhardt mit seiner Katze auf 42 Quadratmetern. Das Tier ist ein per Regelsatz nicht kalkulierter Luxus. Die Alternative wäre das Tierheim, so Ehrhardt.

Regelsatz deckt den Bedarf nicht

Der Mann lebt auf dem Land, wo die Mieten günstig sind. Da es kaum öffentliche Verkehrsmittel gibt, sei er ohne Auto aufgeschmissen, sagt er. Ohne das Auto käme er zu den Bewerbungsgesprächen gar nicht erst hin. Allerdings kostet das auch 127 Euro pro Monat. Dazu kommen die Abzahlung eines Darlehen für Zahnersatz mit 50 Euro, ein teurer, aber verbindlicher Telefonvertrag, sowie Kosten für das Sportstudio mit 23 Euro für seine Gesundheit. Insgesamt hat Jörg Ehrhardt also Fixkosten von 388 Euro. "Damit bleiben mir 15,59 Euro zum Ernähren", erklärt er. Nur durch die Unterstützung seiner Lebensgefährtin komme er über die Runden.

Grundlage für die Berechnung des Regelsatzes sind Einkommens- und Verbraucherstichproben. Die derzeitigen stammen aus dem Jahr 2008, in dem 60.000 Haushalte nach ihren Ausgaben befragt wurden (siehe Details). Daraus ergibt sich das erklärte Existenzminimum, das entsprechend der jährlichen Inflationsrate angepasst wird. Für 2016 demnach 404 Euro, cent-genau aufgeschlüsselt nach den Ausgabenbereichen Nahrung, Freizeit, Nachrichtenübermittlung, Bekleidung, Energie, Haushalt, Dienstleistungen wie Friseur, Verkehr und Gesundheitspflege. Für Jörg Ehrhardt geht das an der Realität vorbei, für ihn läge der Mindestsatz bei 600 Euro.

Zusatzleistungen als Ersparnisse rechnen

Müsste der Hartz IV-Satz also insgesamt deutlich angehoben werden, um dem realen Bedarf gerecht zu werden? Nadine Arens hält das für absurd. Sie weiß, was es heißt Hartz IV zu bekommen. Als stern TV die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern 2014 erstmals traf, lebte sie seit vier Jahren von Hartz IV, weil sie für ihre Kinder länger in Elternzeit bleiben wollte. "Ich finde nicht, dass Hartz IV zu wenig ist", sagt sie. "Man darf ja nicht nur diese 404 Euro berücksichtigen, die es jetzt gibt, sondern eben auch diese ganzen Zusatzleistungen: Dass man weniger bezahlt, wenn man ins Schwimmbad möchte, in den Zoo oder Ähnliches. Dass man keine GEZ bezahlt, dass man weniger Spritkosten hat, dass man die Bahnfahrkarte günstiger bekommt, dass man zur Tafel gehen kann… Das sind alles Ersparnisse, die man noch oben drauf rechnen muss. Und dann sind wir nicht bei 404 Euro, sondern bei wahrscheinlich um die 600 Euro, die es einfach so geschenkt gibt." 

Seit letzten September geht Nadine Arens wieder arbeiten. Die 35-Jährige leistet 20 Stunden pro Woche als Erzieherin in einem Heim – obwohl sie jetzt nicht viel mehr Geld hat, als zuvor. Inklusive Kindergeld nämlich nur 240 Euro. "Ich habe etwas mehr, aber ich habe eben auch höhere Kosten wie Kinderbetreuung, Sprit oder GEZ – da minimiert sich das Geld doch wieder. Aber das ist egal, ich mache meinen Beruf einfach wahnsinnig gerne."

Eine Erhöhung von Hartz IV schaffe dagegen für viele gar keinen Anreiz, sich wieder um Arbeit zu bemühen, so Nadine Arens bei stern TV: "Ich habe von vielen gehört, dass Hartz IV mehr als ausreichend ist und es ja ganz bequem ist, wenn die bezahlen. Man kann zwar keine großen Sprünge damit machen, aber man kann davon gut leben. Und wenn die jetzt immer mehr geschenkt bekommen, warum sollten sie dann arbeiten?"

Zahl der Darlehen für Hartz IV-Empfänger steigt

Dass Hartz IV bequem sein soll, kann sich Juliane Mangum nicht vorstellen. Die 52-Jährige bezieht wegen einer Schwerbehinderung seit Jahren Arbeitslosengeld II. "Man wird behandelt wie ein Stück Dreck – egal, ob man gearbeitet hat, ob man Kinder großgezogen hat – oder nicht", sagt sie. Früher arbeitete die Mutter von zwei Söhnen Vollzeit im Vertrieb, zog die Kinder nebenbei alleine groß. Die Familie kam mit ihrem Verdienst aus. Doch dann musste ihre Firma schließen und sie verlor ihren Job. Als ihr 18-jähriger Sohn 2010 auch noch tödlich verunglückt, warf es Juliane Mangum vollends aus der Bahn. Um die Erinnerungen hinter sich zu lassen, zog sie um. Dafür benötigte sie eine Mietkaution – und ein erneutes Darlehen vom Jobcenter.
Inzwischen ist die 52-Jährige hoch verschuldet, stottert die Geldleihen noch immer mit 50 Euro monatlich von ihrem Regelsatz ab. Eigentlich gilt der Hartz IV-Satz bereits als Existenzminimum. "Das Jobcenter ist die Schuldenfalle Nummer 1!“, so Juliane mangum. Erst als sie Hilfe bei der Beratungsstelle der Diakonie in Esslingen suchte, erhielt sie dort einen Überblick über ihre erschreckend hohen Gesamtschulden: seit 2005 insgesamt 9000 Euro, von denen Juliane Mangum bis heute immerhin 6500 Euro aus ihrem Regelsatz zurückbezahlte. 

Wie bei Juliane Mangum werden Darlehen immer häufiger zum Problem für Hartz IV-Empfänger, insbesondere für Stromnachzahlungen müssten sie sich häufig Geld leihen, da der veranschlagte Betrag nicht ausreiche, so Experte und Diakonie-Berater Frieder Claus.
Tatsächlich steigt die Zahl der genehmigten Darlehen für Hartz IV-Empfänger seit Jahren: 2012 waren es noch circa 208.000 Darlehen, 2015 bereits 274.000. Diese Darlehen seien notwendig, da der Hartz IV-Satz nicht reiche, kritisieren die Sozialverbände und fordern eine Erhöhung auf knapp 500 Euro. Um auch für Notfälle sparen zu können, müssten es sogar 550 Euro sein, meint Juliane Mangum. "Ich fühle mich allein gelassen mit meinen Problemen und Sorgen, weil man mit Hartz IV den Stempel hat: Jetzt hat man was man braucht und das langt!"

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