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Warum die Ausbildung von Heilpraktikern unzureichend ist

Wer heilt, hat Recht? Diese Auffassung wird zwischen Fans der Heilpraktiken und ihren Gegnern immer wieder diskutiert. Fest steht: Heilpraktiker dürfen praktizieren, ohne eine entsprechende Qualifikation nachweisen zu müssen. Warum und wie sich das ändern sollte.

Auch Chiropraktik und Osteopathie gehören zu den Tätigkeitsfeldern der Heilpraktiker.

Auch Chiropraktik und Osteopathie gehören zu den Tätigkeitsfeldern der Heilpraktiker.

Als der heute sechsjährige David auf die Welt kam, wusste niemand, warum der Junge immerzu schrie. Da organisch alles in Ordnung war, wusste auch der Kinderarzt keinen Rat. In ihrer Verzweiflung wandten sich Davids Eltern mit dem einjährigen Jungen schließlich an eine Heilpraktikerin, die bei David einen Impfschaden diagnostizierte. "Sie hat ihn mit ein Stimmgabel behandelt, um damit Energien auszuleiten. Dann hat sie uns erklärt, dass die Impfung einen Darmschaden angerichtet hat", erzählt Davids Mutter Kerstin Hermann-Ernst. Die Heilpraktikerin empfahl eine Darmsanierung bei dem Jungen, das würde den Jungen beruhigen.

Kritiker des Heilpraktiker-Berufs, wie der Mediziner Dr. Benedikt Matenaer, halten die Diagnose "Darmschaden" für völlig abwegig
"Was ist diesem Kind alles zugemutet worden? Für solche Darmsanierungen gibt es gar keine Grundlagen", so Matenaer. "Das ist Mittelalter. Und ich finde es schlimm, dass solche Dinge heute noch angewendet werden, noch dazu bei so schwer kranken Kindern." 

Der Schmerztherapeut Benedikt Matenaer arbeitet an der ambulanten Palliativ-Station der Klinik in Bocholt, wo er auch Krebspatienten behandelt. Das Schicksal eines Familienvaters habe ihn besonders mitgenommen, da er nicht hätte sterben müssen, so Matenaer. Doch der Mann war selbst Heilpraktiker und davon überzeugt, er sei gesund, weil sein Darm gesund war. "Das war seine Kernaussage: Mein Darm ist gesund, das ist kein Krebs." Trotz klarer Belege für seinen Hirntumor lehnte der krebskranke Heilpraktiker alle medizinischen Therapien ab – trotz bester Heilungschancen: "Er hatte eine Tumorerkrankung, die wir gut behandeln können. Viele Menschen sterben nicht daran", sagt Dr. Matenaer. "Er ist verstorben. Und ich glaube, er könnte heute noch leben." Er habe stundenlang mit dem Mann geredet – von Vater zu Vater – und habe ihn dennoch nicht erreicht.

Drei Todesfälle durch nicht zugelassenes Krebsmittel

Andere Krebspatienten setzten auf einen Heilpraktiker, der mit einem nicht zugelassenen Medikament den Krebszellen die Energie rauben wollte. Klinische Studien, die das belegen, gibt es bisher nicht, ebenso wenig wie gesicherte Erkenntnisse über Nebenwirkungen des Mittels.

Der Fall schlug im Sommer hohe Wellen. In Brüggen-Bracht an der niederländischen Grenze verabreichte der Heilpraktiker Klaus R. Patienten das Mittel namens 3-Bromo-Pyrovat (kurz 3-BP), in dessen Folge drei Patienten gestorben sein sollen. Zwei weitere Patienten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen Klaus R. wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung. "Wenn das der Stein der Weisen wäre, dann wäre die Onkologie schon längst darauf gekommen", so Oberstaatsanwalt Axel Stahl.

Da das Medikament nicht zugelassen ist, dürften Mediziner es nicht einsetzen. Ein Heilpraktiker macht sich absurderweise jedoch nicht strafbar, wenn er es spritzt – solange er das Einverständnis des Patienten hat. "Das ist ethisch höchst fragwürdig", sagt Benedikt Matenaer. "Als Arzt wären sie ziemlich schnell ihren Job los. In der Medizin gibt es so viele Kontrollen und Beschränkungen, dass man sich fragen muss, wie ein Menschen behandelnder Berufsstand existieren kann, der so ziemlich alles tun darf, was der Patient zulässt."

Voraussetzung: keine Gefahr für die Volksgesundheit

Was Kritiker wie Matenaer außerdem bemängeln: Heilpraktiker kann in Deutschland jeder werden, der mindestens 25 Jahre alt ist, einen Hauptschulabschluss hat und ein unauffälliges polizeiliches Führungszeugnis vorlegen kann. Dann kann man sich beim Gesundheitsamt für die Prüfung anmelden, in der der Prüfling einem Amtsarzt gegenüber beweisen muss, dass er "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt (gem. Heilpraktikergesetz aus dem Jahr 1939). Wie sich die heilpraktisch Interessierten das Wissen für die Kenntnisüberprüfung aneignen, bleibt ihnen selbst überlassen. Entsprechende Kurse an privaten Schulen sind freiwillig. Hauptsache man hat das Wissen. 

"Von da an haben Sie freie Bahn", sagt die Buchautorin Anousch Müller. "Sie können auch Ihre eigenen Theorie aufstellen, zum Beispiel wie Krebs entsteht. Es ist im Prinzip alles erlaubt, was nicht verboten ist. Und es ist nur ganz wenig verboten." Anousch Müller aus Berlin hat selbst eine Ausbildung zur Heilpraktikerin durchlaufen. Sie litt an Angststörungen und hat sich heilpraktisch behandeln lassen. Die Weiterbildung sei ihr ideal erschienen: "Ich dachte, ich durchlaufe diese Ausbildung, lerne mich und meinen Körper besser kennen, erfahren auch noch Heilung – und kann dann selbst Menschen heilen." In einer der privaten, nicht verbindlichen Heilpraktiker-Schulen ließ sie sich auf die Prüfung beim Gesundheitsamt – in der lediglich medizinisches Wissen abgefragt wird – vorbereiten. Wer die Prüfung besteht, kann sofort als Heilpraktiker anfangen – ohne jede weitere Ausbildung.

Anousch Müller besuchte die Heilpraktiker-Schule zwei Jahre lang, dann brach sie kurz vor der Prüfung ab und verfasste stattdessen ein Buch: "Die Unheilpraktiker". Für ihre kritischen Aussagen zur Ausbildung des Heilpraktikerberufs wird die 36-Jährige über E-Mails und in den sozialen Netzwerken massiv angefeindet. Dabei gehe es ihr gar nicht darum, den Beruf schlecht zu machen oder gar alle Heilpraktiker als Scharlatane abzustempeln. Sie wolle lediglich darüber aufklären, dass es fehlende Kontrollen gäbe – beginnend bei der Ausbildung. "Man geht ja davon aus, dass ein so sensibler Bereich wie die Gesundheit staatlich überwacht wird. Die meisten Patienten wissen das aber nicht. Ich wusste auch nicht, dass das alles nicht abgesichert ist. Dass jemand ohne Ausbildung fast so viele Befugnisse hat, wie ein Arzt, der Jahre studiert hat."

"Es ist nicht gut, dass sich viele Menschen in der Schulmedizin schlecht aufgehoben fühlen"

Immerhin scheint es vielen Menschen nach einer Behandlung durch einen Heilpraktiker tatsächlich besser zu gehen, viele machen gute Erfahrungen. Gerade als klassische Naturheilkunde leistet Alternativmedizin gute Dienste. Selbst Dr. Matenaer räumt ein: "Es ist nicht gut, dass sich so viele Menschen in der Schulmedizin schlecht aufgehoben fühlen und sich deshalb anderweitig Hilfe suchen. Ich will den Beruf nicht grundsätzlich abwerten, solange wir sicherstellen können, dass den Patienten kein Schaden widerfährt."

So war es der Mutter des kleinen David ergangen. Kerstin Hermann-Ernst setzte große Hoffnung in die Heilpraktikerin, da der Kinderarzt keine Ursache für das Schreien des Jungen fand. Sie sei zunächst froh gewesen, als die Frau eine Darmsanierung vorschlug: "Ich habe das nicht infrage gestellt. Das klang auch plausibel. Ich war aber auch müde und wollte nur, dass es David besser geht. Und wenn es der Darm gewesen wäre, wäre ich glücklich gewesen. Aber es war nicht der Darm", so die dreifache Mutter. David schrie weiter. Erst als eine Erzieherin in Davids Kindergarten empfahl, den inzwischen Dreijährigen auf Autismus untersuchen zu lassen, konnte David geholfen werden. Er und seine Mutter besuchten eine Autismus-Therapie, in der Kerstin Hermann-Ernst lernte, wie sie mit dem Jungen umgehen muss, damit er sich wohlfühlt und nicht mehr schreien muss.

Debatte bei stern TV

Live bei stern TV diskutierte Dr. Benedikt Matenaer seinen Standpunkt mit der Vizepräsidentin des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, Ursula Hilpert-Mühlig. Sie hält eine Änderung der Gesetzeslage für nicht notwendig, da "wir Heilpraktiker ja den Gesetzen unterstehen. Wir können auch jetzt schon haftbar gemacht werden. bei Behandlungsfehlern müssen wir uns auch vor dem Gesetz rechtfertigen." Eine geregeltere Ausbildung würde der Verband jedoch ebenfalls befürworten. Allerdings müsse diese Änderung vom Berufsstand selbst geregelt werden, nicht durch die Schulmedizin: "Das würde die Heilpraktiker nur in ihren Methoden einschränken", so Hilpert-Mühlig. Zudem würden vom Verband regelmäßig Fortbildungen angeboten und von den Heilpraktikern zahlreich genutzt.

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