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Hinter türkischen Mauern: "Mein Enkel sollte in den Kindergarten gehen, jetzt ist er im Gefängnis"

Der Großvater des kleinen Serkan kann noch immer nicht fassen, dass sein Enkel in einem türkischen Frauengefängnis ist. Die Mutter des Jungen - seine Tochter - Mesale Tolu wird seit zwei Monaten von den Behörden dort festgehalten.  Ihr Vater Ali Tolu empfindet das als reine Schikane.

Mesale Tolus Vater Ali (58) vor den Mauern des Gefängnisses in Istanbul: Seine Tochter und sein Enkel sind dort seit knapp zwei Monaten inhaftiert.

Mesale Tolus Vater Ali (58) vor den Mauern des Gefängnisses in Istanbul: Seine Tochter und sein Enkel sind dort seit knapp zwei Monaten inhaftiert.

Ali Tolu ist mittlerweile verzweifelt. Seine Tochter sitze seit zwei Monaten zu Unrecht in der Türkei im Gefängnis, sagt er. Und mit ihr der kleine Serkan, ihr zweieinhalbjähriger Sohn. Sie dürfe dort eigentlich nicht festgehalten werden. Mesale Tolu stammt aus Ulm und besitzt nur den deutschen Pass, ihren türkischen Pass gab sie vor zehn Jahren selbst ab. Wie anderen Journalisten werden auch ihr "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" und  "Terrorpropaganda" von den türkischen Behörden vorgeworfen.

Die türkischstämmige Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu lebt und arbeitet seit zwei Jahren in Istanbul. Am 30. April hatte ein Spezial-Kommando der Polizei plötzlich ihre Wohnung gestürmt und führte die 33-Jährige mitten in der Nacht ab - vor den Augen des kleinen Serkan. Ein traumatischer Moment für beide. "Bevor meine Tochter ins Gefängnis kam, wollte mein Enkel, dass ich ihm ein Polizeiauto kaufe. Nach der Festnahme hat er dieses Spielzeug genommen und auf dem Boden kaputtgeschlagen", erzählt Serkans Großvater, Mesale Tolus Vater. Der Zweijährige machte sich große Vorwürfe und glaubte, seine Mutter könnte böse auf ihn sein und sei deshalb nicht mehr bei ihm. Nach dem Erlebnis mit der Polizei habe der Junge angefangen mit sich selbst zu reden und zu stottern. Deshalb habe die Familie entschieden, den Jungen zu seiner Mutter zu bringen. Doch mittlerweile ist es für Ali Tolu nur noch schwer zu ertragen, dass seine Tochter und vor allem sein kleiner Enkelsohn nach sieben Wochen noch immer im Gefängnis sind: "Er ist ein Kind. Und ein Kind in dem Alter muss spielen, malen, sich wohlfühlen."

Warum wurde Mesale Tolu festgenommen? stern TV traf kurz nach der Verhaftung ihren Bruder Hüseyin Tolu in Ulm, der erzählte, dass noch gar keine Anklage gegenüber seiner Schwester vorliege: "Die Anwältin hat immer noch nicht keine Akteneinsicht. Es gibt keine Akten, die man einsehen kann. Sie wurde einfach verhaftet. Und ich denke nicht, dass meine Schwester einen fairen Prozess kriegen würde." Ob und wann es in Mesale Tolus Fall weitergeht und sie und ihr Sohn freigelassen werden, ist weiterhin ungewiss. Die Verhandlungen mit der Türkei gestalten sich derzeit schwierig. 

Deniz Yücel weiter in Einzelhaft

Unverändert ist auch die Situation im Fall des in der Türkei inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel, der bereits seit Anfang des Jahres im Gefängnis ist. Die Vorwürfe gegen den Journalisten mit deutschem und türkischem Pass lauten "Volksverhetzung" und "Terrorpropaganda" – auch bei ihm gibt es seit 130 Tagen keine Anklage. Seine Schwester Ilkay Yücel hat ihn im Gefängnis besucht: "Wir durften uns auch nicht umarmen, wir hatten eine Glasscheibe zwischen uns und haben über Telefonhörer miteinander gesprochen." Deniz Yücel ist wie ein Schwerverbrecher in einer Isolierzelle untergebracht, was er wie Folter empfände. Der deutsch-türkische Korrespondent war offenbar schon länger im Visier der türkischen Behörden, denn Yücel hatte schon vor seiner Verhaftung den Umgang der Türkei mit ausländischen Journalisten offen kritisiert. Dennoch sei das Verhalten der Polizei willkürlich, meint Ilkay Yücel, es hieße dann einfach 'Ihr unterstützt den Terrorismus!' – "Da fragt man sich doch: Warum machen die das? Alles, was in letzter Zeit passiert ist, hätte niemand in dieser Form vorhersehen können, das ist unberechenbar." Nach türkischem Recht könnte Deniz Yücel nun bis zu fünf Jahre einfach in Untersuchungshaft bleiben.

Mehr zu der Kampagne #fightforourwrite erfahren Sie auf: www.fightforourwrite.de

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Gottschalk: "Es geht auch um den Kampf für das freie Wort"

Live bei stern TV äußerte sich am Mittwochabend TV-Moderator Thomas Gottschalk zu den in der Türkei inhaftierten Journalisten: Das sei nicht nur menschlich extrem traurig, sagte Thomas Gottschalk im Gespräch mit Steffen Hallaschka. "Es geht auch um den Kampf für das freie Wort." Er selbst sei nie jemand gewesen, der je demonstriert oder Fahnen geschwungen habe. "Aber ich glaube, die Zeiten sind vorbei, in denen man sich feige zur Seite dreht und sagt: Damit habe ich nichts zu tun", so Gottschalk, der am Donnerstag für Deniz Yücel und andere betroffene Journalisten in Köln eine Lesung abhält. "Ich lese dort einen Text, der widersprüchlich und provokativ ist." Man müsse nicht alles, was Deniz Yücel schreibt, gut finden. Aber: "Wir müssen aushalten, dass Menschen ihre Meinung sagen."  

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