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Wie Smartphones unseren Alltag bestimmen

Auf der Straße, an Bushaltestellen, in Restaurants - überall das gleiche Bild: Menschen, deren Blick sich gesenkt auf ihr Smartphone richtet. Welche Auswirkungen hat das auf unser Leben? Und: Was haben wir früher bloß gemacht? stern TV hat einen Alltagsvergleich angestellt.

Es ist ein ganz alltägliches Bild auf deutschen Straßen, an Bus- und Bahnhaltestellen, in Cafés und Restaurants: Menschen, deren Blicke nicht nach vorne, sondern auf ihr Smartphone gerichtet sind. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit haben wir das Telefon am Ohr, in der Hand oder vorm Gesicht. "Im Schnitt verbringen wir etwa drei Stunden pro Tag mit dem Smartphone", weiß Prof. Christian Montag. Der Psychologe hat in einer Studie untersucht, wie oft und wie lange Menschen ihr Handy im Alltag nutzen. Mittels einer entsprechenden, für Nutzer kostenlosen App, über die sich das eigene Nutzungsverhalten kontrollieren lässt, haben Christian Montag und sein Team die nötigen Daten gesammelt. 

Zeitfresser soziale Netzwerke

"Die Hauptzeitfresser, die wir beobachten können, sind soziale Netzwerke, vor allem Facebook und WhatsApp", so Prof. Montag. Genau genommen sind es im Schnitt 32 Minuten WhatsApp und 15 Minuten Facebook pro Tag. Vor allem, wenn wir warten oder vermeintlich nichts zu tun haben, ist das Smartphone eine willkommene Ablenkung und jederzeit griffbereit. "Ich bin überzeugt, dass wir uns im Leben um viele schöne Momente bringen", erklärt Montag. Selbst auf Konzerten nähmen viele das Ereignis nur noch über den Kamerabildschirm ihres Smartphones war. "Und dann machen wir im Dunkeln schlechte Fotos und Videos, die wir nie wieder ansehen", so der Professor. Die Konzerte oder Freizeitereignisse sind nur ein Beispiel von vielen, in denen wir mehr mit unserem Smartphone beschäftigt sind, als das reale Leben um uns herum wahrzunehmen. Zeit, um den eigenen Gedanken nachzuhängen oder schöne Situationen zu genießen, bleibe den meisten Menschen kaum noch.

stern TV ist dem Phänomen auf den Grund gegangen: Wie haben sich das Stadtbild und Alltagssituationen durch die stete Smartphonenutzung verändert? Wie haben sich die Menschen früher auf Einkaufsstraßen, an Ampeln und Bahnsteigen, in Lokalen oder auf Konzerten verhalten – womit beschäftigt? Die Archivaufnahmen von stern TV aus den Jahren 1999 bis 2003 zeigen: Im Gegensatz zu heute gaben sich die Wartenden an derselben Ampel am Kölner Neumarkt vor 20 Jahren solider Langeweile hin. Stilles Warten auf das grüne Männchen. Volle Konzentration. Auch in einer U-Bahn in Berlin im Jahr 2003 wartete man noch anders: Zwei Leute lesen, die anderen machen schlicht… Nichts.

Die Berliner U-Bahn heute: So gut wie jeder hat sein Smartphone in der Hand oder am Ohr. Am Busbahnhof Zoo kaute man vor 14 Jahren Kaugummi, rauchte. Mittlerweile wird eigentlich nur noch auf das Handy eingetippt. Es gilt die einhellige Meinung: Das Smartphone verkürzt die Wartezeit. „Facebook, WhatsApp, Instagram – wenn man mal ein bisschen Ruhe braucht fürs Gehirn", so eine Passantin.

Den Gedanken auch mal freien Lauf lassen

Ruhe fürs Gehirn durch das Smartphone? Laut Christian Montag ist das Gegenteil Fall: "Nach einem anstrengenden Arbeitstag, wenn man dann im Bus, in der Bahn sitzt oder im Auto vor einer Ampel wartet, ist es gut, seinen Gedanken auch mal nachzuhängen", so der Psychologe. "Wir sprechen von 'Mindwandering'. Dass man einfach mal seinem Geist freien Lauf lässt: Ich schau aus dem Fenster, denke an nichts Besonderes und dann stellen sich Momente ein, in denen wir kreativ werden können. In denen wir plötzlich Lösungen für Probleme finden, die wir lange nicht lösen konnten, weil wir unserem Gehirn einfach ein bisschen mehr Freiraum lassen, in unterschiedliche Richtungen zu denken."

Die Studie der Universität Bonn ergab, dass jeder von uns durchschnittlich alle 18 Minuten das Smartphone zur Hand nimmt. Bei vielen beginnt bereits der Tag mit dem Griff zum Handy. Man schlägt die Augen auf, macht den Wecker aus "und dann guckt man auch direkt, wer geschrieben hat, was gerade online passiert, wie das Wetter wird. Und abends schlaf ich schon ein mit dem Handy", erklärt ein Frühaufsteher am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Wie dieser Mann haben rund 40 Prozent aller Smartphone-Nutzer ihr Gerät in den letzten fünf Minuten vor dem Schlafengehen und in den ersten fünf Minuten nach dem Aufwachen in der Hand.

Seit acht Jahren ist das Smartphone mit Internetanbindung unter uns und hat das Leben in vielen Bereichen verändert. 1999 beispielsweise freute man sich am Ende einer Rolltreppe aus einer Kölner U-Bahn noch über frische Luft oder gutes Wetter – heute freut man sich über fünf Balken Empfang. Mittlerweile verbringen wir zwei Stunden und 42 Minuten täglich mit dem Smartphone – fast drei Stunden, in denen uns vielleicht das ein oder andere schöne Erlebnis entgeht.

Von der digitalen Abhängigkeit ist fast jeder in unterschiedlichem Maße betroffen. Doch wie kann man sich besser disziplinieren? Hier sind ein paar hilfreiche Tipps für mehr Kontrolle über die Online-Sucht:

Tipps gegen die digitale Abhängigkeit
Stinknormale Unterhaltungsmedien

Immer auf dem neuesten Stand sein, sich unterhalten lassen. Das ist mit dem Handy und seinen unterschiedlichen Applikationen einfach. Statt sich über WhatsApp, Facebook, Twitter und Co. auf dem Laufenden zu halten, nehmen Sie doch mal ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung mit. Sie werden sich wundern, was Sie darüber im Anschluss zu berichten haben.

Uhrzeit analog

Die Studienumfrage hat erwiesen: Wer eigentlich nur die Uhrzeit checken wollte, bleibt schnell an den Nachrichten hängen, die auf dem Display angezeigt werden.  Wenn Sie sich vom Smartphone unabhängiger machen wollen, sollten Sie vorbeugen und eine Taschen- oder Armbanduhr tragen.

Die eigenen Gedanken wertschätzen

Statt sich von den Tätigkeiten und Nachrichten anderer inspirieren zu lassen, nehmen Sie doch einen Tag lang Christian Montag beim Wort und hängen Sie in Wartemomenten den eigenen Gedanken nach. Der Blick ins Leere fördert die eigene Kreativität und ganz neue Problemlösungsansätze.

Bargeld statt Smartphone

Die Idee des "Mobile Payment", des Bezahlens per Handy, ist zwar praktisch und wird immer verbreiteter. Doch diese Bezahlfunktionen verleitet dazu, bei jedem Bezahlvorgang noch schnell die Nachrichtenlage zu checken. Starten Sie einen Versuch. Sie werden merken: Wer Kleingeld in der Tasche hat, erledigt viele Alltagskäufe schneller und effizienter.

Benachrichtigungen ausdünnen

Müssen Sie wirklich jede Info von jeder App oder aus jedem sozialen Netzwerk gemeldet bekommen? Womöglich auf dem Sperrbildschirm angezeigt? Gehen Sie Ihre Apps und Online-Profile durch und überlegen Sie – ehrlich mit sich selbst – worüber Sie wirklich über den Tag permanent benachrichtigt werden müssen. Die ein oder andere Funktion auszuschalten und nur einmal täglich diese Apps zu checken bringt bereits Entspannung und spart garantiert Zeit.

Mehr als einen Griff entfernt

Tragen Sie Ihr Handy auch immer direkt am Mann oder an der Frau? Liegt es stets eine Armlänge von Ihnen entfernt im Büro oder in auf dem Tisch? Ändern Sie das! Stecken Sie es in Ihre (Hand)Tasche, legen Sie es in eine abschließbare Schublade (Büro) oder an einen anderen Ort, an dem Sie nicht beim ersten Aufblinken oder Pling abgelenkt und aufmerksam werden.

Feste Check-Zeiten

Mal ehrlich: Kaum eine Nachricht oder ein Posting muss binnen Minuten beantwortet oder kommentiert werden. Richten Sie sich feste Zeiten ein, in denen Sie sich für eine Zeit von maximal 5-10 Minuten den Onlineaktivitäten widmen: Morgens (z.B. in Bus und Bahn), dann stecken Sie das Handy in die Tasche und holen es zur Mittagspause wieder heraus. Ebenso nach Feierabend oder nach dem Abendprogramm. 4-5 Mal am Tag reichen aus, um alle wichtigen Konversationen zu erledigen. Probieren Sie es aus!

Alle in einem Boot

Da trifft man sich endlich mal im echten Leben – schon zücken alle wieder ihre Handys, präsentieren Fotos, Postings oder checken Mails. Der Ansatz eines Passanten im stern TV-Interview: "Wir haben zum Beispiel eine Regel im Freundeskreis: Wenn wir ein Bier trinken gehen, dann stapeln alle die Handys auf dem Tisch übereinander. Und wer sein Handy berührt, muss eine Bierrunde für alle ausgeben."

Bewährte Höflichkeitsformen bewahren

Liegt selbst beim Essen oder im Café Ihr Smartphone griffbereit neben der Tasse oder dem Besteck? Wie oft greifen Sie oder Ihr Gegenüber beim ersten Mucks danach? Ihre Gesprächspartner 'im echten Leben' sollten Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit erhalten. Lassen Sie das Gerät in der Tasche und checken Sie es eventuell kurz, wenn der andere zur Toilette geht.

Mit den Augen aufnehmen

Überall Fotos und Videos aufnehmen zu können, um sie später vorzuzeigen – das ist schon praktisch. Aber brauchen Sie jede einzelne Aufnahme in ein paar Wochen wirklich noch? Oft handelt es sich ja doch lediglich um "Beweisfotos" à la 'Guck mal, wo ich war'. Wie wäre es, wenn Sie das Konzert tatsächlich genießen, für das Sie bezahlt haben? Oder den Landschaftsrundumblick im Urlaub, auf die Sie sich so lange gefreut haben? Auch Ihren Beschreibungen werden andere später Glauben schenken, wenn Sie das Ereignis wirklich erlebt haben.

Mal auf stumm schalten?

Haben Sie schon mal probiert, das Smartphone stumm zu schalten? Weder Klingelton noch Vibration – und Sie werden nicht jedes Mal bei einer noch so unwichtigen Meldung abgelenkt. Es gilt: aus den Ohren, aus dem Sinn.

Sich den Flugmodus gönnen

Machen Sie mal den Suchttest und verordnen Sie sich selbst Entzug. Es kommt ein guter Film im Fernsehen? Sie wollen einen Abend mit der Familie verbringen? Oder einen ganzen Tag? Prima Gelegenheit, um sich eine Auszeit zu nehmen und den Flugmodus zu aktivieren. Noch besser: Beim Restaurantbesuch mit den Liebsten oder bei einer Sause mit Freunden durch die Kneipen bleibt das Handy zu Hause. Niemand stört, und es geht nicht verloren. Ganz so wie früher!

 

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