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stern TV begleitet deutschen Jesiden in den Krieg

Seit Wochen werden die Jesiden von IS-Terroristen im Irak verfolgt und vertrieben. Doch die religiöse Minderheit wehrt sich. stern TV hat einen deutschen Jesiden zu den Widerstandskämpfern begleitet.

Magdal Rasho aus Nordrhein-Westfalen (Bildmitte) mit anderen jesidischen Widerstandskämpfern.

Magdal Rasho aus Nordrhein-Westfalen (Bildmitte) mit anderen jesidischen Widerstandskämpfern.

Magdal Rasho ist Bäcker. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern seit 2001 in Nordrhein-Westfalen. Ursprünglich kommen die Rashos aus Singal im Irak. Nahe Verwandte der Familie leben dort jetzt mitten im Krieg, denn der Ort, aus dem die Rashos stammen, wird seit Monaten von der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) umkämpft.

Magdal und Nova Rasho und ihre Kinder Awas und Alex sind Jesiden. Sie gehören der Glaubensgemeinschaft an, die von den IS-Kämpfern unbarmherzig verfolgt und vertrieben wird. Immer wieder wird von neuen Toten und Verletzten im Nordirak berichtet. "Das ist die Hölle, eine Katastrophe! Ich kann nicht arbeiten, ich kann nicht essen, ich kann nicht mehr schlafen", sagt Magdal Rasho, während er die Nachrichten verfolgt. Die IS-Truppen gehen unermüdlich und gewaltsam gegen die Jesiden vor, um ihren Einfluss im Irak auszuweiten. Rund 500.000 Jesiden versuchen derzeit vor der Gewalt der Terroristen zu fliehen. Auch die Verwandten der Rashos: "Die meisten konnten sich in Sicherheit bringen", sagt Awas. "Aber ein Onkel und eine Tante sind verschleppt worden, weil sie kein Geld hatten und kein Auto zum Fliehen." Wie es ihnen geht, wissen die Rashos nicht. "Das ist das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Ich habe keine Ahnung, ob sie noch leben oder schon tot sind. Ich weiß gar nichts", sagt Mutter Nova, deren jüngster Bruder sich mit seiner Frau und den drei Kindern in der Gewalt der IS-Kämpfer befindet.

Bei Magdal Rasho ist die Verzweiflung in Wut umgeschlagen. Der Familienvater will nun selbst in den Krieg ziehen und sich denjenigen Freiwilligen anschließen, die im Irak den IS-Kämpfer Widerstand leisten. "Ich habe noch nie in meinem Leben gekämpft, ich habe noch nie eine Waffe in meiner Hand gehabt. Eigentlich kann ich gar nicht hassen und kämpfen. Aber wir sind am Ende", sagt der 38-jährige Bäcker. In sein Heimatland zurückzukehren, dort eventuell Menschen zu töten und sein Leben zu riskieren, ist für Magdal Rasho keine leichte Entscheidung. Dennoch hat er seinen Job gekündigt und die Reise mithilfe von Freunden organisiert. stern TV hat Rasho mit einem Reporterteam in den Irak begleitet.

500.000 Flüchtlinge, darunter unzählige Waisen

Rund um Zakho haben sich viele der Flüchtlinge in Bauruinen gerettet und werden von der UNO-Flüchtlingshilfe mit dem Nötigsten versorgt. Im größten Camp in Zahko leben zurzeit etwa 100.000 Flüchtlinge, darunter vor allem Frauen und Kinder. Viele ihrer Männer seien getötet worden, erzählen sie. Fast alle Jesiden im Irak sind aus ihren Heimatdörfern vor den fundamentalen Moslems geflohen. Viele der Frauen sollen von der IS-Miliz brutal vergewaltigt und verkauft worden sein. Unter den Flüchtlingen ist auch die achtjährige Nisrin, deren Schwester vor vier Wochen von der IS-Miliz verschleppt wurde. "Das ist alles so schlimm! Die ISIS hat uns alles weggenommen, sie haben alles zerstört", erzählt das Mädchen. "Ich habe tote Kinder, Frauen und Männer gesehen. Und einige von uns sind auf der Flucht verdurstet. Wir mussten sie begraben." Viele der Schutzsuchenden in den Lagern sind Waisen, weil die Eltern vor ihren Augen getötet oder verschleppt wurden.

Deutsche Jesiden kämpfen in Singal gegen die IS

Unweit der Gefechte trifft Magdal Rasho auf Gazi Hassan, mit dem er ein Treffen vereinbart hat. Hassan sorgt seit Anfang des Kriegs dafür, dass jesidische Freiwillige an die Front kommen; er kennt die Route durch das gefährliche IS-besetzte Gebiet. Magdal Rasho wird mit einer Waffe und Munition ausgestattet und erhält wenige Schießübungen, bevor die Reise an die Front für den 38-jährigen Familienvater und andere neue Freiwillige weitergeht.

Von einem Stützpunkt kurdischer Truppen, die die Jesiden im Widerstand gegen die IS unterstützen, sind die Terroristen nur wenige hundert Meter entfernt. Kurz nach seiner Ankunft dort erlebt Magdal Rasho erstmals einen Granateneinschlag. Dieses Mal ist es gut gegangen, doch er soll weiterreisen nach Singal, der Geburtsstätte des jesidischen Glaubens, aus der er selbst stammt. Der Ort wurde bisher am härtesten bekämpft. Seit August lebt hier auch der deutsche Gärtner Qasim Shesho – ebenfalls ein Jeside, der zurück in den Irak ging, um gegen die Dschihadisten zu kämpfen. "Meine Familie ist noch in Deutschland. Ich bin hier nach Singal gekommen, um meinen Leuten zu helfen", sagt er. "Wenn die Amerikaner uns mit den Luftangriffen nicht geholfen hätten, wären wir alle schon längst tot." Auch Qasim Sheshos Sohn ist dort, ebenfalls Deutscher, um seinen Vater zu unterstützen. "Angst ist immer dabei", sagt er. "Aber wenn wir das hier aufgeben, haben wir keine Geschichte mehr. Lieber sterben wir hier, als irgendwo anders."

Für die Jesiden ist der 63-jährige Qasim Shesho ein Held des Widerstands geworden, auch Magdal Rasho will sich ihm und seinen Leuten anschließen. Insgesamt sollen über 2000 Jesiden nach Singal gekommen sein, um sich gegen die IS-Kämpfer zur Wehr zu setzen. Darunter auch etwa 200 Deutsche, die wie Magdal Rasho ihre Familien in Deutschland zurück ließen, um mit und für ihre Landsleute zu kämpfen.

Marijke Santjer

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