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Schlüssellose Technik macht Autodiebstahl zum Kinderspiel

Die Technik moderner Autoschlüssel macht vor allem Autodieben das Leben leicht. Das Signal des Funkschlüssels lässt sich mit einem einfachen Gerät abgreifen und der Wagen so auch von Fremden öffnen und wegfahren. Dieser stern TV-Test zeigt es.

  Keyless-Systeme werden in immer mehr Autos eingesetzt - das Funksignal zwischen Auto und Fernbedienung ist praktisch, da es den Wagen ab einer gewissen Entfernung automatisch ab- und auch wieder aufschließt. Unbefugte können das Signal jedoch abgreifen und das Auto wieder öffnen.

Keyless-Systeme werden in immer mehr Autos eingesetzt - das Funksignal zwischen Auto und Fernbedienung ist praktisch, da es den Wagen ab einer gewissen Entfernung automatisch ab- und auch wieder aufschließt. Unbefugte können das Signal jedoch abgreifen und das Auto wieder öffnen.


Mit diesem Komfort wird bei neuen Autos gerne geworben: Wer ein Keyless-System hat, muss seinen Schlüssel nicht mehr herauskramen, um seinen Wagen aufzuschließen und zu starten. Der Schlüssel in der Hosen- oder Handtasche sendet automatisch ein Funksignal ans Auto: Türen auf, Wagen per Knopfdruck starten – los geht's. Den Komfort zahlen Autobesitzer allerdings mit eklatanten Sicherheitsmängeln: Autodiebe können das Signal abfangen und haben beim Diebstahl leichtes Spiel, sagt der Sicherheitsberater Udo Hagemann: "Der Schlüssel kommuniziert mit dem Fahrzeug. Mit einem speziellen Gerät, einem Signal-Verstärker, kann man sich dazwischen hängen und das Funksignal des Schlüssels abgreifen, sodass das Fahrzeug glaubt, der echte Schlüssel befände sich in der Nähe", so der Experte. "Fast alle Autohersteller weltweit nutzen das gleiche Keyless-System. Somit sind auch weltweit alle Fahrzeuge, die Keyless benutzen, betroffen – egal welches Fabrikat."

Udo Hagemann arbeitet normalerweise für Polizeien und Behörden im In- und Ausland. Er beschäftigt sich schon seit fünf Jahren mit den Sicherheitsmängeln der Funkschlüssel-Technik. Mit frei erhältlichem Zubehör aus dem Fachhandel, das weniger als 500 Euro kostet, haben Hagemann und sein Team eine Hardware gebaut, die das Keyless-System problemlos austrickst. "Professionelle Autodiebe brauchen nur noch einen Komplizen. Dieser hält sich mit der Verstärkertechnik in der Nähe des Originalschlüssels desjenigen Wagens auf, der gestohlen werden soll. Das Gerät scannt alle Daten, die der Schlüssel aussendet und sie zu einem Empfangsgerät beim eigentlichen Autodieb. Damit kann der das Fahrzeug öffnen und genau das gleiche machen, was der Originalschlüssel auch kann. Er kann die Wegfahrsperre entriegeln, er kann  die Alarmanlage deaktivieren und kann das Fahrzeug starten."

Autoklau durch Signalerweiterung:

  Auch der ADAC fand in einem aktuellen Test mit 20 Modellen (vom SsangYong Tivoli über den neuen Golf bis zum BMW der Siebener-Reihe) kein Auto, dass sich nicht überlisten ließ.

Auch der ADAC fand in einem aktuellen Test mit 20 Modellen (vom SsangYong Tivoli über den neuen Golf bis zum BMW der Siebener-Reihe) kein Auto, dass sich nicht überlisten ließ.

 

Das verstärkte Signal gaukelt dem Auto also vor, dass der Fahrer in unmittelbar Nähe ist. Der Dieb kann ganz lässig zum Auto schlendern, einsteigen und den Wagen starten. Das Fahrzeug stoppt auch nicht, wenn es den Umkreis von Originalschlüssel oder Verstärker verlässt. Solange das Auto beim Anfahren nicht abgewürgt wird, kann der Dieb fahren, soweit der Sprit im Tank reicht. Nur neu starten kann er das Fahrzeug nicht.  

In den meisten Fällen werden die Wagen in einem Rutsch ins Ausland gebracht, wo die Sicherheitselektronik von Spezialisten für einen anderen Schlüssel neu eingerichtet wird.

Diebstahl vor den Augen der ahnungslosen Besitzer

Wie einfach der Autoklau tatsächlich ist, zeigte ein stern TV-Test: Auf einem Parkplatz am Flughafen Berlin-Tegel und auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums haben wir Autofahrer vor ihrem Wagen in ein Gespräch verwickelt. Der Tonassistent fungierte als "Komplize" und war mit einer Komponente des Knack-Systems ausgerüstet, das das Schlüsselsignal abfängt. So konnten die Funkwellen an Udo Hagemann übertragen werden, der mit dem Empfangsgerät seinerseits die Autos vor den staunenden Augen der Besitzer "stehlen" konnte. Man fühle sich "ein bisschen veräppelt", so einer der Autobesitzer mit einem BMW entrüstet: "Man zahlt ja für angeblich sichere und moderne Technik und im Endeffekt ist man schon enttäuscht und ernüchtert, wenn das Autoklauen noch leichter wird als es vorher war. Man muss ja noch nicht mal eine Scheibe einschlagen."

Auf diese Weise konnte der Sicherheitsberater Hagemann bei sechs von sieben fremden Autos einsteigen und ohne Probleme den Motor starten. Bei einem Wagen konnten nur die Türen geöffnet werden.  Auch die Fahrerin eines Citroen C4 war regelrecht schockiert, ihren gerade einmal  drei Monate alten Wagen wäre sie damit schon wieder los. "Das haben die mir bei Citroen zum Beispiel nicht verraten", sagt sie.  Hätte sie das vorher gewusst, hätte sie das Auto so nicht gekauft. 

Signal für 100.000 Euro-Audi aus der Wohnung abgefangen 

Ahnungslos war auch Hans-Peter Müller: Ihm ist sein Audi für über 100.000 Euro vor einem halben Jahr direkt vor seiner Haustür geklaut worden – für den 62-jährigen Arzt aus Oberschwaben ein Schock. "Wir haben davon gar nichts mitbekommen. Das hat mich auch erstaunt, dass die Alarmanlage im Auto nicht anging, dass keine lauten Geräusche zu hören waren, nichts."

Hans-Peter Müller fand bei seiner eigenen Recherche heraus, dass sein Audi wohl  über das Keyless-System geklaut wurde. Das LKA Friedrichshafen hält das auch für möglich: Der Arzt hatte seinen Autoschlüssel in der Nähe der Haustür abgelegt. Von dort haben die Täter wohl das Funksignal abgegriffen. "Mir war das vollkommen unbekannt", so Hans-Peter Müller. "Ich bin davon überzeugt, dass 50 bis 70 Prozent der Haushalte ihren Schlüssel gleich neben der Eingangstür deponieren." 

Beim Kauf des Wagens hatte der Arzt das Keyless-System als über 1000 Euro teures Extra dazu bestellt. Als sich Hans-Peter Müller bei Audi beschwerte, sei dort abgestritten worden, dass die neue Elektronik der Grund gewesen sein könnte. 

"Von den Autoherstellern wird das Problem geleugnet"

stern TV hat auch das Szenario von Hans-Peter Müller mit Hilfe eines Freiwilligen nachgestellt: Der berliner stellt seinen Renault jeden Tag vor seinem Haus ab. Wie immer legte Ogden Hanke den Schlüssel auch während unseres Tests oben in seiner Wohnung auf dem Schuhschrank ab. Der Renault steht dreifach so weit entfernt vom Schlüssel, als es beim Audi des Arztes der Fall war. Der Komplize musste sich wieder nur der Wohnungstür nähern, schon konnte Udo Hagemann vier Stockwerke tiefer das Funksignal empfangen und den Wagen öffnen und wegfahren.

Laut Sicherheitsexperten Hagemann ist den Autoherstellern das Problem bekannt. Er selbst hat sie nach eigenen Tests auf die gravierenden Sicherheitsmängel aufmerksam gemacht, bat sogar den Verband der Automobilindustrie, Verkehrsminister Dobrindt und das Wirtschaftsministerium um Unterstützung. "Die Antworten aus der Politik waren mit Ignoranz gepflastert", so Hagemann. "Von den Autoherstellern gab es überhaupt keine Antworten  oder es wurde gar geleugnet, dass dieses Problem überhaupt in der Welt ist." 


Auch wir haben die Hersteller mit unserem Testergebnis aus Berlin konfrontiert: Toyota, der Mutterkonzern von Lexus, antwortete: Wir arbeiten (…) ständig an der Weiterentwicklung der Sicherheits- und Sicherungssysteme unserer Fahrzeuge.

Audi ließ uns wissen: Audi rüstet seine Fahrzeuge mit hochmodernen Diebstahlsicherungssystemen aus, (…). Das Ziel bei der Entwicklung solcher Schließ- und Sicherungssysteme ist es, dem Dieb immer mindestens einen Schritt voraus zu sein.

Mercedes Benz räumte immerhin ein, das Problem zu kennen: Unter bestimmten Umständen und mit dem entsprechenden technischen Equipment kann das Funksignal zwischen Schlüssel und Fahrzeug gegebenenfalls verlängert werden.

Citroen gab zu, dass ihre Fahrzeuge theoretisch mit der beschriebenen Methode gestohlen werden könnten, schränkte allerdings ein: …, dass es viele begünstigende externe Faktoren geben muss, um diese Methode mit Funkwellenverlängerung erfolgreich einzusetzen. Diese Umstände sind eher selten und daher in der Praxis nicht sehr erfolgversprechend. 

In den stern TV-Tests hat es jedenfalls in allen Fällen funktioniert – egal unter welchen Umständen. Und auch Udo Hagemann hat die Sicherheitslücke oft genug nachgewiesen. Nun ist es an den Herstellern, den teuer bezahlten Komfort auch sicher zu machen. 

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