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Das steckt hinter den Empfehlungen

Hat ein Produkt viele gute Bewertungen, fällt der Kauf leichter. Doch die Erfahrungsberichte anderer Kunden sind oftmals gefälscht. stern TV zeigt, wie wir in Online-Shops manipuliert werden.

  Haufenweise gute Bewertungen: das bewegt viele Kunden von Online-Shops zum Kauf.

Haufenweise gute Bewertungen: das bewegt viele Kunden von Online-Shops zum Kauf.

Elektronik, Bücher oder Musik-CDs - ob wir ein Produkt kaufen oder nicht, hängt oftmals davon ab, wie andere Kunden es beurteilt haben. Doch wie verlässlich sind die Kundenbewertungen in Online-Shops wirklich? stern TV hat den Test gemacht: Ist es möglich, eine gerade erschienene CD mit überschwänglichem Lob gezielt zu bewerben? Reporter Hinrich Lührssen hat es ausprobiert – mit einer eigens gegründeten Band und eigenwilliger Musik. Er nennt sich Rock Prince One und hat in kaum zwei Stunden Arbeit im Tonstudio eine CD aufgenommen. Leider beherrscht der Künstler nur einen Gitarren-Riff, und das auch nur schlecht als recht. Der Text besteht lediglich aus Textfetzen. Heraus gekommen ist kein Meisterwerk, dafür soll der Titel locken: Love it!

Fünf Sterne für ein grottenschlechtes Stück

Ist es trotzdem möglich, mit solchen minimal musikalischen Kenntnissen beim Versandhändler Amazon die Höchstbewertung zu erreichen? Zwecks Vermarktung hat Lührssen 15 Kunden-Accounts angelegt, durchweg fünf Sterne vergeben und Produktbewertungen mit erdachter Lobhudelei verfasst. Er weiß: Fast 70 Prozent aller Internet-Shopper lesen diese Empfehlungen, bevor sie auf "Kaufen" klicken. Mehr als jeder zweite User hält sie für vertrauenswürdig. Und: Produkte mit positiven Bewertungen können einen Umsatzanstieg von rund 30 Prozent verzeichnen, wie eine Studie der Agentur BIG Social Media zeigen konnte.

Kein Wunder also, dass Hersteller und Anbieter ein großes Interesse haben, mit vielen und vor allem positiven Rezensionen zu punkten. Immer mehr davon sind jedoch bewusst gefälscht. Experten schätzen, dass 25 bis 30 Prozent aller Rezensionen nicht echt sind, im Durchschnitt also mindestens jeder vierte Kommentar. So sollen Hersteller ihre Produkte beispielsweise selbst in den höchsten Tönen loben, während sie die Konkurrenzprodukte nieder schreiben. Schleichwerbung – hier werden werbliche Inhalte verschleiert. Und das ist verboten, wie der Fachanwalt für IT-Recht Michael Terhaag weiß: "Bei Online-Bewertung ist es wie bei jedem Eintrag im Internet, dass immer nur wahre Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen erlaubt sind", sagt er. "Und ganz wichtig: Wenn ich Werbung für Produkte mache, dann muss ich die als solche kennzeichnen."

150 Bewertungen auf Knopfdruck

Umso verwunderlicher ist es, dass hinter dieser verbotenen Praxis eine ganze Dienstleistungsbranche steht. "Das ist ganz normal, das gehört zum Marketing und das wird so genutzt. Ich habe zig Hundert Kunden, wir machen das tagtäglich", erklärt ein Informant aus der Branche stern TV auf Anfrage. Ganz unverhohlen werden mittlerweile auch per Anzeige Personen gesucht, die Bewertungen schreiben, für 50 Cent pro Text. Denn bei einigen Online-Shops, zu denen auch Amazon zählt, kann jeder eine beliebige Bewertung abgeben – selbst für Produkte, die man gar nicht kennt. "Ob im Monat 100 Stück oder 150 Stück – das ist ein Knopfdruck, dann können wir die generieren", so der Informant. "Wir können die soweit einstellen, dass wir pro Tag 20, 30, 40 Bewertungen machen können am Anfang". Doch wer sich für gefakte Bewertungen bezahlen lässt, der handelt illegal. Und auf falsche Tatsachenbehauptungen, insbesondere wenn sie Produkte bewusst negativ darstellen, kann der Hersteller Unterlassungsansprüche stellen, erklärt Michael Terhaag.

Arrangements, guter Rhythmus, eine bezaubernde Stimme – für mich schon jetzt der Sommerhit 2014. Auch falsche Tatsachen kann er behaupten: Ich habe gerade gelesen, dass Angus Young von AC/DC in der englischen Zeitung Sun erklärt hat, dass Rock Prince sein legitimer Nachfolger sei, will "Clarissa90" geschrieben haben. Oder: Rock Prince One liegt in den italienischen Charts ja schon auf Platz zwei, und die Tendenz zeigt weiter nach oben. Wer einmal die Suchmaschine bemüht, kann den Schwindel leicht auffliegen lassen. Gründlich geprüft werden die Bewertungen tatsächlich nicht ."Erst wenn die Portale darauf hingewiesen werden, müssen sie tätig werden und auch falsche Eintragungen entfernen", so Terhaag.

Trotzdem haben viele Online-Shops ihr Bewertungs-System mittlerweile umgestellt und erlauben nur denjenigen eine Produktbewertung, die es gekauft haben. Und auch Fake-Bewertungen lassen sich oftmals anhand einiger Hinweise, wie diesen, leicht identifizieren.

Kostenloser Download

Auch bei der CD "Love it" von Rock Prince One ist der Versandhandel Amazon offenbar stutzig geworden: Alle 15 Kunden-Accounts, die Reporter Hinrich Lührssen für seine Bewertungen angelegt hatte, waren mit derselben Kreditkarte verknüpft. Es kam keine weitere Lobeshymne für den Song mehr durch. Zum Glück ist das Lied jetzt dafür kostenlos verfügbar:

Love it - Download (mp3)

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Love it - Download (mp3)

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