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Fragen & Antworten

Was sie über den Hirnschrittmacher und die Tiefenhirnstimulation wissen sollten

Seit einigen Jahren wird eine elektrische Stimulation auch bei schwer depressiven Menschen getestet. Die Erkenntnisse aus ersten Studien sind vielversprechend. Noch ist die Behandlung nicht offiziell zugelassen. stern TV hat die wichtigsten Fragen dazu beantwortet.

Was ist eine schwere Depression?

Depressionen sind eine Volkskrankheit, insbesondere bei Menschen aus reicheren Industrienationen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass im Jahr 2030 die häufigste Krankheit in Industrieländern sein wird. Schätzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen unter einer Depression. Bisher sind etwa 25 Prozent der Deutschen von Depression betroffen, bekommen oder haben mindestens einmal im Leben eine Depression - also ungefähr 20 Millionen Deutsche. 30 Prozent der Betroffenen müssen behandelt werden, davon kann etwa einem Drittel trotz Antidepressiva, Psychotherapie und Elektrokrampftherapie nicht geholfen werden. Sie gelten bislang als nicht therapierbar. Die Tiefenhirnstimulation könnte für diese Menschen in Zukunft eine Chance sein.

Wie funktionieren der Hirnschrittmacher und die Tiefenhirnstimulation?

Die so genannte Tiefe Hirnstimulation (kurz: ) wird schon seit ein paar Jahren an schwer depressiven Menschen erforscht. Ursprünglich wurde die Methode zur Behandlung von Parkinsonkranken entwickelt, um die typischen Bewegungsstörungen zu mildern. Während einer mehrstündigen Operation implantieren Mediziner Elektroden in bestimmte Hirnregionen. Dazu muss die Schädeldecke unter örtlicher Betäubung geöffnet werden. Die Elektroden sind mit einem Schrittmacher verbunden, der den Betroffenen unter der Haut eingesetzt wird, entweder unter dem Schlüsselbein oder der Bauchdecke. Der Schrittmacher sendet regelmäßig und vollautomatisch Impulse von geringen drei bis fünf Volt in das Gehirn. Dadurch können die Ärzte dauerhaft die Funktion bestimmter Hirngebiete beeinflussen.

Die Forschungsgruppe der Universität Bonn um die Psychologin Dr. Bettina Bewernick und der Universität um Prof. Dr. Thomas Schläpfer und Prof. Dr. Volker Coehnen steuern gezielt den superolateralen Zweig des medialen Vorderhirnbündels an, der für die Wahrnehmung von Freude verantwortlich ist und auch die allgemeine Motivation stimuliert. Dadurch hoffen die Mediziner, eine noch bessere Lebensqualität für die Patienten zu erreichen, bei geringeren Nebenwirkungen.

Ist die Wirkung des Hirnschrittmachers bewiesen?

In den ersten drei Studien konnten bereits Erfolge dokumentiert werden. Im Abstand von vier Wochen mussten die Probanden, denen der Schrittmacher implantiert wurde, einen Fragebogen beantworten: nach der etablierten Montgomery-Asberg-Rating-Scale (MARDS), die die Schwere einer Depression ausdrückt. Bereits nach den ersten vier Wochen sank der Wert im Durchschnitt um 18 Punkte ab, die Probanden hatten also nur noch eine leichte Depression (12 Punkte). Sieben der ersten acht behandelten Personen in einer ersten Vorstudie hatten nach vier Jahren noch immer eine anhaltende Verbesserung der Symptome. "Andere Therapieformen verlieren oft im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit. Damit ist die Tiefenhirnstimulation ein vielversprechender Ansatz für Menschen mit bisher nicht behandelbarer Depression", sagte Studienleiter und Psychiater Prof. Thomas Schläpfer dazu.

Mit welchen Risiken und Nebenwirkungen ist diese Behandlung verbunden?

Beim Einsetzen des handelt es sich um eine Operation am offenen Schädel und am Gehirn. Das ist mit gewissen Risiken verbunden. Eine Verletzung von Gefäßen, Krampfanfälle, Blutungen oder Infektionen des Gehirns sind möglich, aber sehr selten. Bei der anschließenden Stimulation durch die Elektroden treten Nebenwirkungen häufiger auf, allerdings werden durch mehrfache Nacheinstellung des Schrittmachers behoben und sind somit nur vorübergehend. Das können ein gestörtes Temperaturempfinden, Muskelanspannung, Sprech- oder Sehstörungen sein. In den Studien löste die Hirnstimulation bei manchen der behandelten Patienten kurzzeitig eine verschwommene Sicht oder Doppelbilder aus. Diese Sehstörungen konnten die Ärzte jedoch beheben, indem sie die Stimulus-Stärke anpassten. Die antidepressive Wirkung sei dadurch nicht beeinflusst worden. Keiner der Patienten habe Persönlichkeitsveränderungen, Denkstörungen oder andere Nebenwirkungen gezeigt, sagen die Forscher. Es kann auch passieren, dass sich der Schrittmacher unter der Haut entzündet. In solchen Einzelfällen muss er entfernt und nach einer gewissen Heilungsphase operativ ersetzt werden. In der Phase dazwischen bleibt die Stimulation somit aus.

Ab wann können sich Menschen mit Depressionen so behandeln lassen?

Noch ist die Methode in der Testphase. Das bedeutet: Es müssen weitere Studien durchgeführt werden. Volker Coenen, Neurochirurg an der Uniklinik Freiburg, geht davon aus, dass sich die Tiefenhirnstimulation bei schwer depressiven Menschen, die keine anderen  Therapieoptionen mehr haben, in Zukunft als Standardverfahren durchsetzen könnte. Dafür müssten sich die vielversprechenden Ergebnisse der ersten Langzeitstudie (seit 2011) allerdings in der neuen, fünfjährigen Studie, die 2017 mit 50 Probanden angelaufen ist, bestätigen. Dann sieht Prof. Coenen die Möglichkeit, dass das Verfahren einer europäischen Registrierung erhält, so dass es auch bei Patienten außerhalb einer klinischen Studie angewendet werden darf. Letztlich geht es darum, die Kassenzulassung zu erreichen. Dankbar wäre das also ab 2022 / 2023.

Wo finde ich weitere Informationen zu den aktuellen Studien?

Die Arbeitsgemeinschaft Tiefe Hirnstimulation e. V. engagiert sich für die Realisierung von Forschungen dazu und hat hier ausführliche Informationen für Patienten zusammengestellt.

Internet: www.tiefehirnstimulation.de

Auch die Universitätskliniken Bonn und Freiburg haben Patienteninformationen zusammengestellt, die Sie sich unter dem Titel Tiefe Hirnstimulation des medialen Vorderhirnbündels zur Behandlung der therapieresistenten Depression hier herunterladen/ansehen können (PDF).