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Wenn der andere Elternteil keinen Unterhalt zahlt

Alleinerziehende sollen in Zukunft vom Staat länger einen Vorschuss bekommen, wenn sich der andere Elternteil um den Kindesunterhalt drückt. stern TV hat Familien besucht, die davon profitieren sollen. Ist die Gesetzesänderung wirklich eine Verbesserung? Oder macht sie es Unterhalts-Drückebergern nur noch leichter?

Unterhaltsvorschuss bis zum 18. Lebensjahr des Kindes: Für viele Alleinerziehende verbessert die neue Regelung die Perspektiven.

Unterhaltsvorschuss bis zum 18. Lebensjahr des Kindes: Für viele Alleinerziehende verbessert die neue Regelung die Perspektiven.


Erst kürzlich präsentierte die Bertelsmann-Stiftung ein Forschungsergebnis mit erschreckenden Zahlen: Die Hälfte aller unterhaltspflichtigen Väter oder Mütter zahlen nicht für ihre Kinder, weitere 25 Prozent nur teilweise. Ganz ähnlich stellte es sich in einer aktuellen stern TV-Umfrage unter mehr als 7000 Alleinerziehenden dar: Darin gaben fast 80 Prozent der befragten Mütter an, dass sie bisher gar keinen (52 %) oder nur teilweise Unterhalt (27 %) von ihrem Ex-Partner für gemeinsame Kinder bekommen haben. Der deutlich kleinere Anteil an alleinerziehenden Vätern erhielt zu über 90 Prozent keinen oder teilweise Unterhalt von der Mutter.

Für den Elternteil, bei dem das Kind lebt, ist das eine erhebliche Belastung. Anja Sandig kann ein Lied davon singen: Sie hat seit der Trennung vom Vater ihrer drei Söhne noch keinen einzigen Cent gesehen. "Er sagte zu mir, dass er nie Unterhalt zahlen wird, wenn ich mich trenne", so die alleinerziehende Mutter.
Anja Sandig verdient in ihrem Job zu wenig, um für alle Kosten der Familie aufzukommen. Allein durch das Ausbildungsgehalt des 18-jährigen Sohnes Daniel kommen die Vier finanziell über die Runden. Daniel macht das, was eigentlich die Aufgabe seines Vaters wäre: Er unterstützt seine Mutter und die beiden 13 und 14 Jahre alten Brüder finanziell – mit seinen rund 750 Euro, die er verdient. Daniel verzichtet auf Vieles, was für andere 18-Jährige ganz normal ist: "Wenn meine Freunde sagen, sie gehen in eine Disco, dann stecke ich halt zurück und bleibe daheim", erzählt der Junge.

Die bisherigen Umfrageergebnisse im Detail
Ich bin: alleinerziehende Mutter - oder alleinerziehender Vater? Insgesamt haben diese erste Frage 7.151 TeilnehmerInnen beantwortet. Dem deutschen Durchschnitt entsprechend waren es nur gut 10 Prozent der Väter, bei denen die Kinder leben, knapp 90 Prozent der befragten sind alleinerziehende Mütter.

Ich bin: alleinerziehende Mutter - oder alleinerziehender Vater? Insgesamt haben diese erste Frage 7.151 TeilnehmerInnen beantwortet. Dem deutschen Durchschnitt entsprechend waren es nur gut 10 Prozent der Väter, bei denen die Kinder leben, knapp 90 Prozent der befragten sind alleinerziehende Mütter.


Können oder wollen die getrennten Elternteile für ihre Kinder nicht zahlen? Jeder Unterhaltspflichtige, der mehr als 1080 Euro im Monat einnimmt, müsste eigentlich zumindest teilweise für sie aufkommen. Die Erfahrung der Fachanwältin für Familienrecht Edith Schwab aus Speyer ist: "Viele verschleiern ihr Einkommen – oder sie wollen einfach nicht bezahlen." Schwab hat schon Dutzende Unterhaltspreller vor Gericht gebracht. Laut ihrer Schätzung würden sich rund 30 Prozent schlicht vor der Zahlung drücken. Vor allem Selbständige leicht, ihr Einkommen klein zu rechnen. Und das seien meist Männer, da die Kinder in der Regel bei den Müttern blieben.
Vermutlich fühlen sich auch deshalb die meisten Alleinerziehenden nicht ausreichend von den Behörden unterstützt – das gaben Dreiviertel der Befragten bei stern TV an. Auch Anja Sandig findet, dass die Behörden Nichtzahlern mehr Druck machen sollten, "weil einfach nichts passiert und man immer abgewiesen wird – von jedem Amt. Egal wo man hingeht", so ihre Erfahrung.

Das Amt für Soziales in Köln teilte stern TV mit: Die meisten würden Unterhalt zahlen wollen – viele lägen jedoch unter der Einkommensgrenze. Die Zahl derer, die versucht zu betrügen, läge bei geschätzten fünf Prozent. Andere Städte äußerten sich ähnlich. Tatsächlich treiben die Behörden bundesweit nur zu 19 Prozent den Unterhaltsvorschuss vom zahlungssäumigen Elternteil wieder ein.

"Dass viele Ämter den Betrügern nicht mehr Druck machen, liegt sicher auch an der personellen Ausstattung der Behörden", so Edith Schwab. "Und es gibt kaum Anzeigen gegen Unterhaltssäumige, Urteile noch viel seltener. Die Idee, solchen Menschen etwa den Führerschein abnehmen zu können, finde ich gut."

"Es gibt viele Möglichkeiten, Betrügern auf die Spur zu kommen"

Das Amt für Kinder, Jugend und Familie in Aurich allerdings hat den Ruf, besonders strikt gegen Unterhaltsbetrüger vorzugehen – und sie mit allen gesetzlich möglichen Mitteln zum Zahlen zu bewegen: Kontenabfragen, enge zeitliche Taktung von Behördenschreiben, Zusammenarbeit mit anderen Ämtern, Hausbesuche, Internetrecherchen, Strafanzeigen. Die Rückholquote liegt hier bei 41 Prozent: "Es gibt schon viele Möglichkeiten, Betrügern auf die Spur zu kommen", sagt Amtsleiter Thomas Buss. "Wir schaffen es jährlich bis zu 800.000 Euro des Vorschusses von den Unterhaltssäumigen zurück zu holen."

Die Mitarbeiter dieser Behörde fahnden auch bei den Unterhaltsprellern zu Hause, schauen, wie sie leben, welches Auto sie fahren und ob sie möglicherweise mit ihrem Arbeitgeber ein Übereinkommen haben. Etwa indem der Arbeitgeber die wahre Höhe des Verdienstes verschleiert. "Die verlassen sich einfach häufig auf den Staat – als Hängematte", sagt Mitarbeiterin Annika Rase.

Hinzu kommt, dass viele Unterhaltspflichtige dem Ex-Partner das Geld nicht gönnen und glauben, es ihr bzw. ihm zu zahlen – und nicht den Kindern.
Den staatlichen Unterhaltsvorschuss allerdings trägt letztlich der Steuerzahler: 2016 waren das rund 840 Millionen Euro. Dass er künftig länger gezahlt werden soll, ist für die betroffenen Kinder und den Elternteil, bei dem sie leben, natürlich eine gute Nachricht. Hunderttausende Kinder werden davon profitieren – und es ist ein Ansturm auf die Behörden zu erwarten. Das Gesetz ist genau deshalb noch nicht in Kraft getreten: Die Finanzierung der explodierenden Kosten ist unklar. Trotzdem sollte es das Ziel bleiben, den getrennt lebenden Partner zur Unterhaltszahlung zu bewegen. Das Jugendamt in Aurich zeigt, dass es durchaus möglich ist. Und Anwältin Edith Schwab geht noch weiter: Sie schlägt eine so genannte Kindergrundsicherung vor, bei der Kindergeld, Unterhaltsvorschuss und andere Gelder entfallen und stattdessen jedes Kind in Deutschland eine solche Grundsicherung bekäme: "Die Kindergrundsicherung wäre ein hervorragendes Mittel, um Kinder in Deutschland wirklich zu unterstützen. Sie müsste so bei 620 Euro liegen – das würde den Staat nicht arm machen, und viel Verwaltungsaufwand einsparen." 


Kommentare (6)

  • Unzählige Alleinerziehende warten vergeblich auf die Unterhaltszahlungen des anderen Elternteils. Manche können nicht zahlen, andere wollen einfach nicht und drücken sich davor, für die Kinder aufzukommen.

    Haben Sie auch Erfahrungen damit?

  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe Zuschauer, vielen Dank für Ihre Erfahrungen und Meinungen an dieser Stelle. Für heute werden die Kommentare geschlossen. Wer mag, kann auf unserer Facebookseite weiter diskutieren oder eine E-Mail schreiben an info@sterntv.de. Allen eine gute Nacht!
  • Henner1954
    Henner1954
    Mein Sohn zahlt für die Kinder regelmäßig Unterhalt. Den zahlt er aus seinem Pflichtbewusstsein, weil er sich der Verantwortung stellt. Sich der Verantwortung zu entziehen, daran wurde nie gedacht. Was er aber mit dem Jugendamt des Landkreis mitmacht spottet jeder Beschreibung. Die Mutter verbreitet Lügen, sodaß das Jugendamt sich immer wieder beim Kindesvater meldet. Daher kann man auch verstehen, warum sich Kindesväter der Zahlung entziehen, weil man sich nicht nachhaltig um die Nichtzahler kümmert, sondern nur denen die pünktlich zahlen das Leben noch schwerer macht.
  • KSQ
    KSQ
    Dieser Bericht war allein gegen Väter gerichtet. Wie leicht es Mütter haben, Kinder als Schutzschild zu benutzen, wird nicht berichtet. Mütter setzen Kinder als "Waffe" ein. Kontaktabbruch, Stimmungsmache, Beeinflussung. Es gibt Anleitungen in sozialen Medien, wie man Väter fertig macht. Unterhalt und Umgang sind völlig unterschiedliche Dinge, aber Mütter beginnen spätestens mit Spielchen, wenn Väter nicht zahlen (können? schon mal nachgedacht, dass es das gibt?). Wie sieht es mit unterhaltspflichtigen Müttern aus? Meine Ex hat sich nach dem Umzug unserer Tochter zu mir strikt geweigert, Unterhalt zu zahlen. Zitat bei Gericht: "Ich will nichts zahlen" Mütter werden bei Familiengerichten bevorzugt und Väter in den Ruin getrieben werden. Krankheit, Arbeitslosigkeit, alles keine Gründe, um Zahlungen zu reduzieren oder auszusetzen.
    Tatsache ist, dass ein Bild der armen, benachteiligten allein erziehenden Müttern gepflegt wird, wogegen Väter nicht mehr ankommen. Ehe oder Kinder sind keine Lebenslange Rente/Lebensversicherung. Und die angesprochenen Tricksereien haben Mütter auch drauf. So bewohnt man ein schönes Haus, das dem Bruder der Mutter gehört, fingiert einen Mietvertrag und kassiert damit auch noch ALG 2 und lässt sich das Haus vom Steuerzahler bezahlen. Miete wird so festgelegt, dass es gerade den zulässigen Grenzen entspricht. Väter müssen Vollzeit arbeiten und noch einen Nebenjob annehmen. Mütter bekommen nach der Kindererziehung erst mal "Schonzeit", Und dann Teilzeit und zu wenig Einkommen für Unterhalt. Väter werden finanziell an das Existenzminimum geführt. Wer sich - wie im Bericht gezeigt - ohne Unterhalt zu bekommen noch Hollister Klamotten leisten kann, dem kann es nicht so schlecht gehen. Dieser Bericht war einseitig und unausgewogen und hat eine ganze Gruppen von Menschen, nämlich Väter, übelst diskriminiert. Wenn das umgekehrt passieren würde, wie groß wären die Aufschreie?! Mal einen Vater interviewen? So ist Journalismus billige Stimmungsmache.
  • DieterME1968
    DieterME1968
    Das Unterhaltsrecht ist auch ziemlich unfair! Ich zahle seit 10 Jahren Unterhalt und finde es richtig, dass der Vater des Kindes sich am Lebensunterhalt des Kindes beteiligt, gar keine Frage. Ich bin auch froh und dankbar, in der Situation zu sein, problemlos Unterhalt zahlen zu können, ein Kind kostet Geld! Aber die Beträge in der Düsseldorfer Tabelle sind zu hoch und können nur von Menschen gemacht werden, die über ein hohes Einkommen verfügen. Dem Vater droht Kürzung seines Einkommens auf 1080 Euro. Für ein Leben in Armut, soll der Vater nun 40 Stunden arbeiten und das jahrelang. Nur an das gute Gewissen eines Vaters zu appelieren reicht doch nicht aus. Geringverdiener sollten entlastet werden um die Väter an die Arbeit zu bekommen und Geringverdiener sollten daher weniger zahlen müssen. Im Schlimmsten Fall sollen Väter bis zum 25. Lebensjahr des Kindes Unterhalt zahlen. Kann man dem Kind denn auch mal zumuten im volljährigen Alter selbst ein paar Stunden etwas zu verdienen? Ein Vater mit einem durchschnittlichem Gehalt und 2 Kindern ist finanziell ruiniert. Oftmals bewegen sich die Mütter auch selbst keinen Meter um etwas zu verdienen, obwohl Sie es Aufgrund des Alters der Kinder längst könnten und schreien nur nach Geld vom Vater. Sehe schon etliche Fälle in meinem persönlichen Umfeld. Es gibt längst nicht nur Mütter mit kleinen Kindern, die ganztägig betreut werden müssen. Kommt auch vor das Mutter neuen Freund mit Einkommen hat und zusammenlebt. Sie verdient, er verdient und Vater zahlt noch Unterhalt. Ziemlich gutes Einkommen! Bei der Unterhaltsberechnung sollten auch die Lebensumstände der Mutter berücksichtigt werden. Kann nicht sein, dass Mütter in Saus und Braus leben und der Vater am Hungertuch nagt. Auch diese Fälle gibt es zuhauf, nicht nur die, die Sie gesendet haben.
  • sonntagskind
    sonntagskind
    Ich habe umgekehrte Erfahrungen gemacht. Mein Mann ist seinem heute 28 jährigen Sohn bis vor einem Monat (als der Sohn nämlich heiratete) unterhaltspflichtig gewesen. Er hat auch immer gezahlt, sogar zeitweise deutlich mehr, als er hätte zahlen müssen. Einfach, weil ihm sein Sohn wichtig ist. Vor zwei Jahren ist nun die leibliche Mutter verstorben und der Sohn hat als Alleinerbe alles geerbt (inkl. abgezahlter Eigentumswohnung). Diese vermietet er seitdem. Die Mieteinnahmen hat er nirgends gemeldet und so immer weiter Unterhalt bezogen. Als wir dieses Jahr unsere Steuererklärung machten, hat er dem Finanzamt gemeldet, dass er Mieteinnahmen habe und die von uns gezahlten Unterhaltszahlungen freiwillige Zahlungen gewesen seien. Er hat seit zwei Jahren somit unberechtigt weiterhin den vollen Unterhalt bezogen. Und wir durften die gezahlten Leistungen nicht einmal mehr geltend machen. Seit der Hochzeit bekommt er nun keinen Unterhalt mehr und wir dafür keinen kontakt mehr zu ihm. Auch so kann Unterhalt aussehen! Es ist immer schade, wenn einer immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Eltern sind ihren Kinder gegenüber unterhaltspflichtig, dass ist so auch richtig, aber es muss auch machbar sein, den Unterhalt zu kürzen oder zu stoppen, wenn er ermogelt wird oder aber auch dann, wenn dem Unterhaltspfllichtigem der Kontakt zum Kind vom anderen Elternteil untersagt wird.

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