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"Eine Flasche Vierzigsieben Zehneins, bitte!"

Der Bochumer Professor Lothar Gerritzen will die Aussprache von Zahlen revolutionieren: 21 soll künftig Zwanzigeins heißen. stern-TV erprobte das Modell im wirklichen Leben - mit kuriosen Ergebnissen.

Hand auf’s Herz: Wer hat sich noch nie die falsche Telefonnummer notiert? Einen Zahlendreher in die Banküberweisung getippt? Oder Kopfschmerzen bekommen, als es galt, die Restaurantquittung nachzuprüfen? Vermutlich ließe sich die Fehlerrate im Umgang mit Zahlen drastisch senken, wenn Lothar Gerritzen, Mathematikprofessor an der Universität Bochum, seine „Zahlsprechreform“ durchsetzen könnte. Er plädiert dafür, Zahlen strikt von links nach rechts, also der Größe nach auszusprechen. „Wenn Schüler die Aufgabe bekommen, Seite 79 in einem Buch aufzuschlagen, schlägt die Hälfte Seite 97 auf. Und das stört den Unterricht doch sehr“, sagte Gerritzen im stern TV-Magazin. Mit der Anweisung „Schlagt Siebzigneun auf“, würde das vermutlich nicht passieren.

Wie sollen wir Zahlen aussprechen?

Ein kleiner Realitätstest an der Supermarktkasse, den stern TV durchführte, zeigte jedoch, dass Gerritzens Modell (noch) nicht alltagstauglich ist. Der Kassierer, der die Rechnungsbeträge nach Gerritzens Methode aufrief – „Das macht Zwanzigzwei Euro, Sechzigsieben“ - stieß auf kollektives Kopfschütteln. „Ich dachte, der ist nicht mehr ganz frisch in der Birne“, sagte eine Kundin. Eine andere fragte den Kassierer verwundert: „Welcher Landsmann sind sie denn?“ Ein zweiter Test in Drogerien fiel noch desaströser aus. Niemand verstand den Wunsch des stern TV-Käufers nach einer Flasche „Vierzigsieben Zehneins“ (4711). Eine Verkäuferin räumte die richtige Flasche gar wieder ins Lager, als sie die Order zum zweiten Mal hörte.

Professor Gerritzen ficht das jedoch nicht an. „Es wird wahrscheinlich eine Generation dauern, bis ein nennenswerter Teil der Bevölkerung die neue Zählweise spricht“, sagte er Moderator Günther Jauch. Auch der Hinweis, dass in anderen Sprachen ebenfalls wunderliche Zahlennamen kursieren – im Französischen beispielsweise heißt „99“ „quatre-vingt-disneuf“ (auf Deutsch etwa: „vier mal Zwanzig plus Neunzehn“) – kann Gerritzen nicht erschüttern: „Es gibt natürlich auch in anderen Sprachen Unregelmäßigkeiten. Aber es gibt keinen Grund für uns, diesem Beispiel zu folgen.“

Tatsächlich folgen die meisten europäischen Sprachen, auch wenn sie für Zahlen bis 19 besondere Worte haben, ab der Zwanzig dem Zwanzigeins-Schema. In Norwegen wurde diese Sprechweise 1951 per Gesetz eingeführt und hat sich mittlerweile durchgesetzt. Ähnliches schwebt auch Gerritzen und seinen Mitstreitern vor: Die unterschiedlichen Sprechweisen könnten zunächst nebeneinander existieren. In der Schule aber sollte die neue Methode unterrichtet werden. Schließlich gäbe es in Deutschland mittlerweile viele Migrantenkinder, die den „Neusprech“ aus ihrer Muttersprache bereits gewöhnt seien, dann aber auf das unlogische deutsche System umsteigen müssten, so Gerritzen.

Wie die Wochenzeitschrift „Zeit“ berichtet, wurde Gerritzens Modell in der frühen Nachkriegszeit in einzelnen Pilotprojekten sowohl in der DDR als auch in Westdeutschland erprobt – und die Ergebnisse waren ermutigend, weil die Schüler gut damit zurecht kamen und weniger Rechenfehler machten. Aber dann erging es der „Zahlsprechreform“ wie so vielen anderen klugen Erfindungen: Die Macht der Gewohnheit begrub sie unter sich.

Weitere Informationen über Lothar Gerritzen und seine Zahlsprechreform finden Sie unter: www.verein-zwanzigeins.de

lk

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