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stern TV-Reportage

Eine Nacht in Idomeni

Norbert Blüm, unser Katar-Kritiker, der ungeschönt ausspricht, was er sieht - mit stern TV reiste er in das Flüchtlingscamp an der griechisch-mazedonischen Grenze. Er verbrachte zwischen den Gestrandeten eine Nacht im Zelt. Live in der Sendung sprach er über seine Eindrücke. 

Norbert Blüm mit stern TV in Idomeni

Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm machte sich mit stern TV selbst ein Bild von der Lage im Auffanglager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze.


Er konnte kaum fassen, was er sah. Und auch für dieses menschliche Desaster fand Norbert Blüm angesichts der Absperrungen rund um das Flüchtlingslager Idomeni wieder klare Worte: "Stacheldraht gegen Kinder, nicht gegen Armeen! Das ist keine Panzersperre, das ist eine Menschensperre. Europa, schäm dich!"

Der frühere Bundesarbeitsminister hat 16 Jahre lang für Solidarität gekämpft. Das Flüchtlingsdrama in Griechenland empört und berührt ihn gleichermaßen. "Mit den Orbans ist kein Europa zu machen. Mit der österreichischen Regierung auch nicht, mit der polnischen auch nicht, und der tschechischen auch nicht. Mit denen kannst du kein Europa machen. Höchstens ein Europa der Abholer. Wenn es Geld gibt, dann sind die Europäer!"

Ohne genau zu wissen, was ihn  erwartet, war Norbert Blüm am vergangenen Wochenende mit stern TV nach Griechenland  gereist. Er wolle sich ein eigenes Bild von der Lage machen, "damit man nicht nur reden kann über das, was man erzählt bekommen hat." Idomeni ist derzeit die Endstation für mehr als 12.000 Flüchtlinge auf ihrer langen Reise Richtung Europa. Seit einer Woche gibt es für sie auch dort nun kein Durchkommen mehr.  Seit Tagen hat es geregnet, die Kälte macht den Menschen zu schaffen, der Zustand vieler ist gesundheitlich kritisch.

Beim Rundgang durch das Camp in Idomeni zeigte sich der 80-Jährige sichtlich angefasst.  Er traf auf Menschen, die alles zurückgelassen haben und auf Kinder, deren Leben hier im Lager begann. Auch die fünffache Mutter Fatma Ahmad aus Syrien hat in ihrer Heimat alles verloren und nur noch wenig Hoffnung: "In Syrien sterben wir schnell. Jetzt sterben wir langsam. Meine Kinder sind krank, wir können nicht schlafen, es gibt wenig zu Essen. Es gibt hier einfach nichts!" 

Gegen ein Politik der Unmenschlichkeit

Obwohl sich zahlreiche Hilfsorganisationen vor Ort um das Wohl der Menschen bemühen, ist die Versorgung der 12.000 Flüchtlinge mit Kleidung und Lebensmitteln problematisch und nicht ausreichend. Es sind überwiegend Frauen und Kinder, die Not leiden. Viele seien krank, wie Daniela Finsterer von "Ärzte ohne Grenzen" dort berichtete: "Lungenentzündungen, dann diese Atemwegserkrankungen, und es sind viele Kinder, die Traumata und psychosomatische Erkrankungen haben. Zum Glück haben bisher alle hier überlebt."

Nur wenige haben einen Platz in den großen Zelten der Hilfsorganisationen gefunden. Fast alle leben in kleinen Zelten. Matsch und feuchte Kälte machen das Leben unwirtlich. "Die Kinder hier, die haben ihr Leben noch vor sich", so Norbert Blüm bekümmert. "Der Vater ist in Deutschland und das Baby und die Mutter sind hier! Also wer nicht ein Herz aus Stein hat, der muss den Aufstand wagen – gegen eine Politik, die so viel Unmenschlichkeit verbreitet".

Ein Stück Dasein – das Elend – teilen

Norbert Blüm hat kein Herz aus Stein. Er wolle sich zumindest ein bisschen solidarisch zeigen und eine Nacht im Camp mit den Flüchtlingen zelten: "Ich möchte ein Stück Dasein teilen, das Elend teilen. Wenn auch nur für kurze Zeit", so Blüm.
Und so schlug er sein Zelt im Randbereich des weitläufigen Camps zwischen den unzähligen kleinen Behelfszelten auf. Seine neue Nachbarschaft packte gleich mit an und half dem 80-Jährigen, sein Nachtquartier aufzurichten. Innerhalb weniger Minuten war das Zelt errichtet. Die Flüchtlinge gaben ihm Pappe, mit der er den Boden gegen Kälte und Feuchtigkeit isolieren sollte.
Die Nacht im Zelt war für Norbert Blüm eine Strapaze, an Schlaf war kaum zu denken, die ganze Zeit habe er nur Kinder um sich herum husten gehört. "Was ich eine Nacht kaum aushalte, das halten die hier zum Teil schon seit Wochen aus. Immer in der Hoffnung, dass sich die Tore hier öffnen werden." 

Doch die Tore öffneten sich auch an diesem Tag nicht. Dennoch wollen die meisten Flüchtlinge weiter ausharren – wo sollen sie auch sonst hin? Das fragt sich auch Muhammad Jarushi aus Syrien: "Für mich gibt es nur zwei Optionen in dieser Situation. Entweder ich überquere diese Grenze, oder ich sterbe hier im Regen und in der Kälte. Denn ich habe nichts mehr. Mein Haus in Syrien ist zerbombt, alles was ich je in Syrien hatte ist weg. Ich habe all mein Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, für die Reise hierher." 

Norbert Blüm hatte sich während seiner politischen Karriere stets für ein grenzloses Europa eingesetzt. Was er in Idomeni hautnah erlebte, macht ihn fassungslos: "Es geht einfach um Menschen. Offenbar glauben manche, man könnte sich des Problems entledigen, wenn man die Grenzen immer weiter rausschiebt. Das Problem wird nur verschoben – im wahrsten Sinne des Wortes werden Menschen verschoben." Mit seinem Besuch in Idomeni wolle er auf die Not der Menschen dort aufmerksam machen. 

Kein Weg nach Europa

Am Montag tauchte im Flüchtlingslager ein mysteriöses Flugblatt auf, das rund 2000 Flüchtlingen Anlass gab, das Camp zu verlassen und einen neuen Weg über die Mazedonische Grenze zu suchen. Unter einer Wegbeschreibung auf Arabisch fand sich die Fußzeile "Kommando Norbert Blüm". "Ich habe keine Ahnung, was es damit auf sich hat. Ich habe mit dem Flugblatt nichts zu tun", so Norbert Blüm.

Sophia Maier ist eine der freiwilligen Helferinnen im Camp von der Organisation "Swisscross" und begleitete die Menschen auf ihrem Weg ins Ungewisse. "Ich habe das Flugblatt selber nicht gesehen, aber andere Helfer. Darauf wurde der Weg beschrieben: Über den Fluss, über die Berge, bis nach Mazedonien. Ich bin dann einfach mit der Menschenmasse mitgegangen", erzählt die 28-Jährige.

Der Weg führte Sophia Maier mit rund 500 Flüchtlingen durch einen eiskalten Fluss. Eltern hätten versucht, ihre Kinder hindurch zu tragen und seien teilweise mit ihnen gestürzt, hätten nass und durchgefroren bei Temperaturen um null Grad ihre Kleidung wechseln müssen. Andere lagen erschöpft am Wegesrand. "Es war wirklich schrecklich." Nach fünf Stunden und acht Kilometern Fußweg überquerte die Journalistin mit den Flüchtlingen die mazedonische Grenze. Doch das mazedonische Militär war auch hier zur Stelle. "Es ging nicht mehr weiter", so die Helferin. "Das Militär war sehr resolut, sie haben gesehen, dass ich ein Video gemacht habe und mich dann gezwungen, die Videos zu löschen. Einige der Helfer wurden verhaftet", sagt Sophia Maier. 

Erneut erwies sich eine Route als versperrt. Die Flüchtlinge wurden nach Idomeni zurückgeschickt. Dort werden sie weiter warten. Vielleicht so lange, bis eine Europäische Lösung gefunden ist. Wie lange auch immer das für die Menschen in den Flüchtlingslagern noch dauern mag. "Ich finde, kein Mensch, egal woher er kommt und warum er diesen Weg auf sich nimmt, sollte unter solchen Umständen leben müssen." 

Norbert Blüm live bei stern TV in der Sendung:
"Güter haben Vorfahrt vor den Menschen, das kann nicht sein!"

Blüms Kritik richtete sich beim Studiogespräch erneut gegen die europäische Politik. "Europa hat 500 Millionen Menschen - wenn wir 5 Millionen aufnehmen würden, muss niemand besondere Leistungen erbringen", so Blüm bei stern TV. "Und was macht das Europa? 28 Staatsmänner kommen zusammen und diskutieren zwei Nächte lang über die Sozialleistungen von Großbritannien, damit die bei Laune bleiben, während zugleich die Menschen im Mittelmeer ertrinken." Auch sei es ein Skandal, dass Geschäftemachen wichtiger sei, als den Menschen zu helfen. "Durchs Lager in Idomeni fährt regelmäßig ein Güterzug, der wird durchgelassen, während die Menschen eingesperrt sind. Das halte ich für pervers, das ist eine verrückte Welt. Güter haben Vorfahrt vor den Menschen, das kann nicht sein." Er wünsche sich vielmehr ein Europa, das solidarisch sei. "Ansonsten kann man den Laden auch schließen. Nur um Geschäfte zu machen, brauche ich kein Europa!"


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