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Diese Zustände sind in der Schweinemast leider keine Seltenheit

Kranke und verletzte Schweine, mangelnde Hygiene und unwürdige Haltungsbedingungen – das ist die bittere Realität für Millionen Schweine in Deutschland. Schweinemast ist kein dankbares Geschäft, das weiß auch die neu ernannte NRW-Landwirtschaftsministerin. Diese Bilder entstanden in einem von ihr geführten Betrieb.

Schnitzel, Salami, Würstchen – pro Kopf verzehren wir jährlich mehr als 36 Kilogramm Schweinefleisch. Woher die Produkte in der Kühltruhe kommen, wollen die meisten lieber nicht so genau wissen. Das Biosiegel ist darauf jedenfalls nur selten: Weniger als ein Prozent aller in Deutschland verarbeiteten Schweine stammen aus Biohaltung. Wie geht es also den anderen 99 Prozent der Schweine? Den 58.800.000 Schweinen, die alleine letztes Jahr hierzulande geschlachtet wurden und die ein kurzes Leben von wenigen Monaten fristeten – freilich ohne je das Freiland kennengelernt zu haben. Wie verbringen diese sensiblen intelligenten Tiere ihre fünf bis sechs Monate auf Erden? Die Antwort geben Bilder aus den Mastbetrieben, die niemand sehen will. Und doch sind sie wahr. Für Millionen Schweine, Tag für Tag.

Auch eingehaltene Vorschriften bedeuten schreckliche Bilder

Die Schweine-Bauer haben ein hartes Los. Sie sollen glückliche Schweine im Stall haben und auf das Tierwohl bedacht sein. Dafür gibt es Vorschriften. Kaum ein Fleischliebhaber ahnt wohl, dass – selbst wenn alle Vorschriften in Deutschland eingehalten werden – Schweine trotzdem unter unsäglichen Bedingungen leben: enge Ställe, eintöniges Futter, kaum Licht und schreckliche Langeweile – so sehr, dass sie sich gegenseitig angehen. Wovon die Rede ist, weiß auch Christina Schulze Föcking (CDU), die neu ernannte Landwirtschaftsministerin Nordrhein-Westfalens, die sich für mehr Verständnis für die Landwirte einsetzen will. Vor ihrer Ernennung zur Ministerin drehte sich ihr eigener Job vor allem um die Schweinemast. Die CDU-Politikerin war bis vor zwei Wochen an zwei Mastbetrieben in Steinfurt zu 50 Prozent beteiligt – zur anderen Hälfte ihr Mann. Beide Betriebe sind mit dem Qualitätssiegel QS ausgezeichnet, das für "Qualität und Sicherheit" in Lebensmitteln steht. Tierschützer haben sich die Ställe zwischen März und Juni 2017 angesehen. Es fanden sich bei Schulze Föcking zwar einige beinahe vorbildliche Ställe, in einem der Ställe sah es aber ganz anders aus. Die Aufnahmen der Aktivisten zeigen einen verdreckten Stall mit zum Teil stark verletzten Tieren: Schweine mit angefressenen, entzündeten Schwänzen und absterbendem Gewebe; Schweine mit schweren Gelenkentzündungen, die sich kaum noch bewegen konnten. Außerdem ist zu sehen, dass "in zwei dokumentierten Nächten das Wasser in den Nippeltränken abgestellt war", sagt Christian Adam von der Tierschutzorganisation tierretter.de e.V., dem die Aufnahmen von den Aktivisten übergeben wurden. Die Tiere hatten in dieser Zeit also keinen Zugang zu frischem Wasser. Ein Verstoß, denn ein Futter-Wasser-Gemisch, wie es in den Trögen schwamm, ist nicht ausreichend.

stern TV hat die Bilder der Tierärztin und Landwirtschaftspolitikerin Dr. Ophelia Nick (Grüne) gezeigt, die sagt: "Man ist als Tierarzt schon gewöhnt, Bilder zu sehen, die nicht schön sind. Aber das in dem Ausmaß und auch bei so vielen Tieren zu sehen, ist schon schwer erträglich. Grausame Bilder." In puncto Hygiene bemängelte Ophelia Nick, die selbst Landwirtin im Nebenerwerb ist, dass ein derart verdreckter Zustand, wie er in jenem Stall zu sehen war, Ursache für Krankheiten und Infektionen der Schweine sein kann. "Die Schweine haben ja sowieso Verletzungen – in dieser Haltung vermehrt – und wenn die dann im Dreck liegen, können sich da Infektionen bilden." Ihrer Meinung nach hätten einige der Tiere längst notgetötet werden müssen: "Viele Tiere in dem Video sind so stark verletzt, dass man schon fast von einem Heilungsvorgang nicht mehr ausgehen kann. Und dann müsste man die Tiere erlösen und sofort nottöten. So ein Tier darf zu gar nichts verwendet werden, auch nicht zu Hundefutter."

'Aus tiefer Überzeugung dem Wohl der Tiere verpflichtet'

Die Redaktion hat Christina Schulze Föcking um ein Interview gebeten, das jedoch kurzfristig abgesagt wurde. Vier Tage später erhielt stern TV eine schriftliche Stellungnahme – nicht vom Ministerium, sondern vom Hof selbst. Darin heißt es, man fühle sich 'aus tiefer Überzeugung dem Wohl der Tiere verpflichtet'. Außerdem wird erklärt: 'In einem kurzen Zeitraum des ersten Halbjahres 2017 kam es innerhalb der Mast des Betriebes zu außergewöhnlichen Krankheitsverläufen.' Der Betrieb habe sofort eine veterinärmedizinische Behandlung der Tiere veranlasst. 'Wir sahen uns gemeinsam mit der Tierärztin gezwungen, in einzelnen Fällen Nottötungen durchzuführen' schreibt Frank Föcking, Christina Schulze Föckings Ehemann. Von 940 Tieren seien insgesamt 31 Tiere bis zum 3.7.2017 notgetötet worden oder seien verendet.

Die Tierschützer stellten unter anderem eine deutlich erhöhte Ammoniak-Konzentration fest. Hier: 45 ppm. Das ist mehr als das Doppelte des erlaubten Wertes.

Die Tierschützer stellten unter anderem eine deutlich erhöhte Ammoniak-Konzentration fest. Hier: 45 ppm. Das ist mehr als das Doppelte des erlaubten Wertes.

Die Tierschutzaktivisten hatten auch die Ammoniak-Konzentration in den Ställen gemessen, in einem Stall waren es mehr als 40 ppm. Erlaubt sind 20 ppm. "Wenn man als Mensch in die Ställe geht, merkt man sofort, dass sich der Hals zuzieht, dass man husten muss. Und diese Tiere sind permanent und ihr gesamtes Leben dort eingesperrt. Das ist mit erheblichem Leiden verbunden und kann auch zu Lungenerkrankungen führen", so Tierschützer Christian Adam dazu. Frank Föcking erklärt das in der Stellungnahme wie folgt: 'Die Rechtslage sieht vor, dass der Wert von 20ppm dauerhaft nicht überschritten werden soll. Vereinzelte, kurzfristig erhöhte Werte können ungeachtet dessen durch die Wetterlage beeinflusst werden, vor allem nachts. Die Wetteraufzeichnungen des Flughafens Münster/Osnabrück belegen, dass es am 14.06. und am 21.06. ungewöhnlich warm war. In Steinfurt lagen die Außentemperaturen bei 25 bis 30 Grad und somit waren die Ställe extrem aufgeheizt.' Die Messungen allerdings wurden in der Nacht vom 6. auf den 7. März gemacht, als es in Steinfurt um 0 Uhr vier bis fünf Grad kalt war.

Zuständiger Kreisveterinär: "Auch für mich sind das erdrückende Bilder"

stern TV hätte mit der Ministerin gerne über all das gesprochen. Live in der Sendung äußerte sich anstelle ihrer der zuständige Kreisveterinär Dr. Christoph Brundiers, der sagte: "Auch für mich sind das erdrückende Bilder. Aber sie stellen eine Momentaufnahme dar." Eine Momentaufnahme aus einem Betrieb mit Qualitätssiegel. Wie verlässlich ist dieses Siegel, wenn Verbraucher doch davon ausgehen müssen, dass Schweine leiden und Höfe nicht kontrolliert werden. Brundiers sagte, dass sich die bei stern TV gezeigten Aufnahmen "nicht mit den bisherigen Erkenntnissen aus dem Betrieb decken." Die letzte Untersuchung vor Ort war zwei Tage nach der stern TV-Anfrage auf dem Hof erfolgt, im Rahmen eines so genanntes QS-Sonderaudits. Und davor? Der Veterinär musste tatsächlich einräumen, dass es zwischen dem 10.04.2014 und dem 08.07.2017 keine tierschutzrechtlichen Überprüfungen durch das  Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt Steinfurt in den Betrieben der Familie Schulze Föcking gegeben hatte. Das Kontrollintervall sei so üblich, aber natürlich ein Problem, so Christoph Brundiers. Dass dieser Betrieb dennoch ein QS-Siegel habe, das für "Qualität und Sicherheit" in Lebensmitteln steht, bezeichnete Christian Adam von tierretter.de e.V. als Augenwischerei. "Was so ein Prüfsiegel wert ist, sieht man an diesen Aufnahmen - nämlich nicht viel."

Sehen Sie hier das Studiogespräch vom 12.07.2017 noch einmal in voller Länge:


So leben die Tiere in der Schweinemast:

Das sind die rechtlichen Vorgaben (Quelle: stern, Ausgabe 24/2017):

Haltung und Auslauf

Haltung ohne Siegel oder mit QS-SiegelMit Bio-SiegelMit Bioland-KennzeichnungMit Neuland-Kennzeichnung
Auf Spaltenböden im Stall, je nach Gewicht 0,5 bis 1 qm pro Tier, kein AuslaufIm Stall auf Einstreu, höchstens 50 % des Stalls Spaltenböden, je nach Gewicht 0.8 bis 1,5 qm pro Tier, Auslauf mindestens 0,6 bis 1,2 qm pro TierIm Stall auf Einstreu, höchstens 50 % des Stalls Spaltenböden, je nach Gewicht 0.8 bis 1,5 qm pro Tier, Auslauf mindestens 0,6 bis 1,2 qm pro Tier

Im Stall auf Einstreu, keine Spaltenböden, je nach Gewicht 0,5 bis 1,6 qm pro Tier, Auslauf mindestens 0,3 bis 0,8 qm pro Tier

Futter

Haltung ohne Siegel oder
mit QS-Siegel
Mit Bio-SiegelMit Bioland-KennzeichnungMit Neuland-Kennzeichnung
Gentechnik und Fischmehl erlaubt
Bei QS: freiwilliges Zusatzlabel "Ohne Gentechnik"
Gentechnik verboten, Fischmehl erlaubtGentechnik und Fischmehl verbotenGentechnik und Fischmehl verboten

Schmerzhafte Eingriffe

Haltung ohne Siegel oder
mit QS-Siegel
Mit Bio-SiegelMit Bioland-KennzeichnungMit Neuland-Kennzeichnung
Ferkelkastration ohne Betäubung bis Ende 2018 erlaubt; routinemäßiges Schwänzekupieren und ZähnekürzenFerkelkastration mit Betäubung und/oder Schmerzmitteln, Zähnekürzen und Schwänzekupieren nur im Ausnahmefall erlaubtFerkelkastration mit Betäubung und/oder Schmerzmitteln, in Ausnahmefällen auch ohne erlaubt, Zähnekürzen und Schwänzekupieren verbotenFerkelkastration nur mit Betäubung, Zähnekürzen und Schwänzekupieren verboten

Transport zum Schlachthof

Haltung ohne Siegel oder
mit QS-Siegel
Mit Bio-SiegelMit Bioland-KennzeichnungMit Neuland-Kennzeichnung
In der EU maximal 8 Stunden, aber viele Ausnahmen, inkl. Pausen oft mehr als 24 StundenIn der EU maximal 8 Stunden, aber viele Ausnahmen, inkl. Pausen oft mehr als 24 StundenMaximal 4 Stunden oder 200 Kilometer StreckeMaximal 4 Stunden oder 200 Kilometer Strecke


Kommentare (9)

  • ravenesse
    ravenesse
    Wie gut, dass der Verbraucher sehr aktiv mitentscheiden kann, wenn er nur will.
    Vielleicht damit, etwas mehr Geld auszugeben und dann beispielsweise Fleisch vom Aktivstallschwein zu kaufen.
    Ich zumindest habe kein Interesse mehr an billigen Fleisch, das von billig bezahlten Leuten verarbeitet wird.

    Mich verwundert momentan auch eher, dass nun so verwundert getan wird. Seltsam, da sieht es bei der Landschaftsministerin so aus, wie in vielen anderen Mastbetrieben...
  • Tom625
    Tom625
    Traten die Missstände in einem Betrieb von Frau Schulze Föcking auf oder ist es wie im Artikel beschrieben: " ... wurden bei Schulze Föcking beinahe vorbildliche Ställe vorgefunden, in einem benachbarten Stall auf dem Hof allerdings sah es ganz anders aus: Die Aufnahmen der Aktivisten zeigen einen verdreckten Stall mit zum Teil stark verletzten Tieren."
    Gehört der Stall jetzt auch Frau Schulze Föcking oder ist das vielmehr der Stall eines anderen Eigentümers auf dem Hof? Die Formulierung finde ich hier etwas unklar.
  • heipli
    heipli
    ich bin selber Nebenerwerbslandwirt.
    Ich bin sozusagen mit Schweinehaltung aufgewachsen.
    Die Bilder aus den modernen Mastanlagen sind schockierend.
    Das Problem ist, das Deutschland Fleisch zu Weltmarktpreisen
    produziert. Immer größere Ställe immer weniger Zeit für das
    einzelne Tier!
    Hier müssen klare Regeln und Vorgaben zur Tierhaltung her.
    Bleiben Sie bitte dran an diesem Thema!!
  • Jornalist
    Jornalist
    Helfen tut doch nur wenn jeder wieder 2 Schweine unter der Haustürtreppe füttert und dann sieht wie gut es den Schweinen dann geht.
    Wirklich helfen würde nur wenn jeder wieder bereit wäre 40 % seines Einkommens oder mehr für das Tierwohl auszugeben wie früher, romantisch oder nicht. Dieses Geld müsste dann aber auch bei den Tierhaltern ankommen.
    Und selbst dann braucht eine Veränderung mind. 20 Jahre weil es so etwas wie Betriebswirtschaft gibt.
    Dann könnten viele neue Ställe mit viel Platz und Tierwohl im Aussenbereich entstehen oder dank offener Märkte können wir trotzdem billiges Essen aus der ganzen Welt holen unsere bösen Tierhalter müssten aufgeben, ein grünes Deckchen drüber und die Bevölkerung wäre dank unserer Medienvertreter glücklich über die im Ausland unter viel besseren Bedingung erzeugten Nahrungsmittel.
  • Christine L.
    Christine L.
    Schade, daß die Vorstellung des Themas nur nach dem inzwischen in den Medien leider üblichen "Hau-Drauf-Prinzip" ablief. Es gibt Misstände und es muß schnell ein (oder mehrere) Sündenböcke gefunden werden - da liegt es leider nahe, den Frust und Ärger an Landwirten und Tierärzten/Veterinärämtern abzuladen. Der schwarze Peter wird immer schön auf andere geschoben.

    Letztendlich liegt doch aber alles in der Hand der Verbraucher. Billiges Fleisch läßt sich nunmal leider nicht mit 10 Tieren auf einer sonnenbeschienenen, schmetterlingsumflatterten Wiese produzieren. Wie heißt es so schön? "Wer ein Hähnchen für 2,50€ kauft, gibt an der Kasse das Recht ab, sich über Massentierhaltung aufzuregen". Haltung mit viel Platz und noch mehr Tierwohl kostet nunmal Zeit und Geld und wenn Fleisch so produziert wird, kostet das leider mehr als 0,99€ für ein Päckchen Salami.

    Also: Statt immer nur auf Landwirte und Tierärzte zu schimpfen lieber mal weniger Fleisch essen und dafür beim regionalen Metgzer teurere Produkte kaufen, die dafür so produziert wurden, wie man sich das selbst wünscht.