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Warum Verbraucherschützer vor "Parship" warnen

Das Versprechen, sich binnen Minuten verlieben zu können, klingt für viele Kunden der Partnervermittlung "Parship" wie ein Hohn. Denn statt sich über tolle Kontakte zu freuen, ärgern sie sich über horrende Kosten für unbrauchbare Gegenleistungen.


Wie Millionen andere Menschen hatte auch Christian Stoll gehofft, im Internet die große Liebe zu finden. Deshalb meldete er sich bei "Parship" an, die hierzulande wohl bekannteste Online-Partnervermittlung. "Ich wollte mich auch schnell verlieben, in 11 Minuten, wie sie immer so schön sagen. Stattdessen habe ich in fünf Tagen Mitgliedschaft fast 300 Euro verloren", so der enttäuschte 46-Jährige.

Statt Herzklopfen und Dates bekam Christian Stoll nur das Gefühl, abgezockt worden zu sein. Auch Sabine N. soll über 350 Euro bezahlen. Sie hatte nach acht Tagen ihre Mitgliedschaft widerrufen. "Ich habe gemerkt, dass dieses Matching-System nichts für mich ist, denn man bekommt nur Vorschläge, kann aber selbst nicht suchen. Man ist also darauf angewiesen, wer vorgeschlagen wird", sagt sie.

Wie diesen beiden geht es vielen Nutzern von "Parship": Nachdem sie die Plattform kennen gelernt haben, möchten sie ihre Mitgliedschaft nach wenigen Tagen widerrufen. Dann kommt die Rechnung. Bei der Verbraucherzentrale Hamburg würden sich fast täglich Leute melden, die sich über "Parship" beschweren, so Leiterin Julia Rehberg. Dahinter stecke ein System: Wer fristgerecht widerruft, beendet zwar umgehend die Mitgliedschaft. Für die bis dahin erhaltenen "Leistungen" in Form von Kontakten zu anderen Mitgliedern soll man aber trotzdem zahlen. Parship nennt das: Wertersatz.

40 Euro pro Kontakt

Aus den Werbeversprechen hatte die Plattform auf Christian Stoll einen seriösen Eindruck gemacht. Nachdem er sich zunächst kostenlos angemeldet hatte, stellte er aber fest, dass er so wenig Nutzen hatte: Die Profilbilder potenzieller Kandidatinnen waren verpixelt und Nachrichten konnte er auch nicht schreiben. "Man bekommt als kostenloses Mitglied nicht viel zu sehen. Und so wird man automatisch da hingelenkt, Premiummitglied zu werden. Denn man will ja jemandem schreiben und Kontakt aufnehmen. Und daraufhin habe ich diese Premiummitgliedschaft abgeschlossen", so Stoll.

Der Single wählte die Variante über sechs Monate für Abokosten von 310 Euro. Christian Stoll ging davon aus, dass er nun alle Bilder würde sehen und mit dem Flirten beginnen können. Aber auch für Premium-Mitglieder sind die meisten Fotos verpixelt – es sei denn, der jeweilige Kontakt schaltet das Bild frei. "Nach fünf Tagen hatte ich einfach die Nase voll, denn ich möchte die Bilder sehen." Stoll wusste von dem 14-tägigen Widerrufsrecht und widerrief seine Premiummitgliedschaft. In der Antwort von "Parship" hieß es allerdings, dass er für seine bereits geschlossen Kontakte einen so genannten "Wertersatz" zahlen müsse. In seinem Fall lag der bei mehr als 200 Euro, obwohl er die Online-Partnervermittlung nur wenige Tage genutzt hatte. "Ich fühle mich irgendwie abgezockt", so Christian Stll dazu. "Wofür gibt es ein 14-tägiges Widerrufsrecht, wenn ich davon nicht Gebrauch machen kann, wenn ich trotzdem bezahlen muss?" 

Ein "garantierter Kontakt" ist von Seiten "Parship" schnell erfüllt, auch wenn der Kontakt im Grunde keiner ist...

Ein "garantierter Kontakt" ist von Seiten "Parship" schnell erfüllt, auch wenn der Kontakt im Grunde keiner ist...

Konkret verlangte "Parship" den Wertersatz für die zustande gekommenen Kontakte, die ihm vertraglich garantiert wurden. Aber was ist so ein Kontakt? Wenn ein Mann einer Frau ein Smiley schickt – und diese daraufhin schlicht mit "Danke" antwortet, gilt das als Interaktion. Für "Parship" ist das bereits ein "garantierter Kontakt". Für Christian Stoll hieß das: Fünf Kontakte, fünf Mal kein Erfolg und etwa 40 Euro Kosten pro Kontakt.

Eine derartige Berechnung eines Wertersatzes ist für Verbraucherschützerin Julia Rehberg widerrechtlich: "Die Wertersatz-Berechnung ist in vielen Fällen zu hoch", sagt sie. Der Wertersatz könne nicht nach Kontakten erfolgen, wenn Kunden einen Zeitvertrag abschließen und diesen widerrufen. "Es gibt bei einem Jahr Laufzeit beispielsweise eine Kontaktgarantie von sieben Kontakten. Das heißt, wenn ich sieben Mal irgendjemanden angeschrieben habe, oder mich jemand angeschrieben hat, dann ist diese Garantie erfüllt. Dann soll ich zahlen, und zwar bis zu 75 Prozent des ursprünglich vereinbarten Betrages. Das kann unserer Meinung nach nicht sein, weil man ja einen Laufzeitvertrag abschließt. Also muss man auch nur für die genutzte Zeit zahlen, für die ein, zwei, drei Tage, die man das Angebot genutzt hat." Zum Beispiel: Bei einer Jahresmitgliedschaft über 350 Euro wären die Kosten für einen Tag 96 Cent. Bei einer Kündigung nach fünf Tagen müsste der Nutzer demnach nur 4,80 Euro bezahlen. 

Gerichtsurteil: Wertersatz-Forderungen überzogen

Die Verbraucherzentrale hatte bereits 2014 gegen die Wertersatz-Taktik von "Parship" vor dem Landgericht Hamburg geklagt. Der Richter urteilte: Kein Nutzer würde für die Garantie, für 5 bis 7 Kontakte, die auch in einer Absage bestehen können, mehrere hundert Euro investieren. (…) Das Verhältnis der bis zum Widerruf erfolgten Leistungserbringung ist (…) zeitanteilig zu berechnen.

Das Urteil ist allerdings noch immer nicht rechtskräftig, weil "Parship" dagegen in Berufung ging und sich der Prozess seitdem hinzieht. stern TV fragte beim Unternehmen nach, was sie zu den Vorwürfen sagen. Schriftlich antwortete "Parship": Unsere Rechtsauffassung unterscheidet sich ganz klar von der des Landgerichts Hamburg (…) Als seriöse Online-Partnervermittlung entsprechen unsere Widerrufs- und Wertersatzbestimmungen selbstverständlich den geltenden deutschen Gesetzesvorgaben(…)

Julia Rehberg sieht das anders: "Die lange Verfahrensdauer ist natürlich ärgerlich, weil Parship erstmal so weitermachen kann", so Julia Rehberg. "Wir raten Betroffenen deshalb, nicht zu bezahlen. Und wenn schon gezahlt wurde, dann sollten die Leute ruhig auf Erstattung klagen. Das Amtsgericht Hamburg hat den Verbrauchern ja schon Recht gegeben. Man sollte also mutig sein und ruhig klagen." Das Problem sei nämlich, dass die Ansprüche nach drei Jahren verjähren. Wer sich das Geld später wieder holen will, wenn der Prozess für die Verbraucherzentrale gewonnen ist, könnte dennoch leer ausgehen.

Das sollten Sie wissen
Anmeldung kostenlos

Damit locken viele der Flirtportale. Doch: Nach der bloßen Registrierung lernt man selten jemanden kennen. Die meisten Funktionen wie Fotos anschauen, Kontaktanfragen verschicken oder Nachrichten von Mitgliedern an sich selbst lesen sind nur gegen Bezahlung – meist nach Abschluss eines ganzen Abonnements oder einer Mitgliedschaft – möglich.
Laut Verbraucherzentrale verführen einige Portale zu Registrierung, indem Sie behaupten, es wären bereits Anfragen im eigenen Postfach – die man als kostenloses Mitglied aber leider nicht lesen kann.

Testzeiträume

Wer das Angebot einiger Portale annimmt, eine vergünstigte Testphase zu nutzen, sollte darauf achten, dass sich die Testphase meist "automatisch verlängert". Geht sie in eine Mitgliedschaft über, kann das teuer werden. Lesen Sie sich also ganz genau durch, unter welchen Bedingungen Sie die Testphase wirklich zu dem Preis nutzen können – und kündigen Sie rechtzeitig, am besten umgehend nach Anmeldung.

Ganz wichtig: Alle Widerrufe und Kündigungen stets dokumentieren, indem Sie E-Mails speichern, Screenshots anfertigen und Briefe per Einschreiben/Rückschein versenden.

Widerruf wird verwehrt

Auch in der Flirtbranche wird mit dem Widerrufsrecht getrickst. Durch versteckte Einverständniserklärungen will man die Kunden dazu bewegen, Einschränkungen einzuwilligen. Etwa: Dass das Widerrufsrecht erlischt, sobald man nach der Registrierung aktiv wird (Nachrichten verschickt oder Kontakte anschiebt). Im Grunde genommen also: sobald man das macht, was normal ist. Die Verbraucherzentrale Hamburg schreibt dazu auf ihrer SeiteDoch nach dem eindeutigen Gesetzeswortlaut erlischt das Widerrufsrecht bei Dienstleistungen nur dann vorzeitig, wenn der Vertrag von beiden Seiten auf ausdrücklichen Wunsch des Kunden vor Ablauf der Widerrufsfrist vollständig erfüllt wurde. Dies ist bei Partnervermittlungsverträgen, bei denen der Unternehmer sich ja über Monate zur Leistungserbringung verpflichtet, nicht möglich.

Mehr dazu finden Sie hier.

Wertersatz-Forderung nach Widerruf

Wie von stern TV berichtet, verlangt "Parship" auch nach Widerruf der Mitgliedschaft wenige Tage nach der Anmeldung horrende Beträge für die vermeintlich erbrachte Leistung (garantierte Kontakte). Das können bis zu dreiviertel des Gesamtbetrags der Mitgliedschaft sein. Verbraucherschützer haben das bereits angemahnt. Ähnlich macht es übrigens auch "Elitepartner" (Infos der VZH dazu). 

Kündigung unwirksam

Einige Partnerbörsen verlangen, dass eine Kündigung/ein Widerruf nur postalisch – also per Brief – ergehen kann. Die Verbraucherschützer in Hamburg halten diese Klausel für unwirksam. Um sicher zu gehen, kann sich ein Einschreiben/Rückschein jedoch lohnen, um die eigenen Schritte für den Streitfall auch zu dokumentieren. Widerrufen Sie unbedingt auch ausdrücklich die Lastschrift­-Er­mächtigung.

Für wirksame und rechtssichere Kündigungen hilft auch der Verbraucherservice "Aboalarm".

Druck durch Drohungen

Viele Portale, deren Geschäftsmodell teure Mitgliedschaften sind (stern TV berichtete bereits über "Zamaro"), drohen den ehemaligen Kunden gerne per Mahnung oder Inkassounternehmen, die das Geld einfordern sollen. Lassen Sie sich davon nicht beirren, sondern klären Sie zunächst, ob die Forderungen rechtens sind. Handelt es sich um Abofallen oder unwirksame Verträge, sollte man standhaft bleiben. "Man muss erst nervös werden, wenn man eine gelbe Vorladung vom Gericht bekommt", sagt Anwalt Christian Solmecke in der Diskussion um Zamaro.

Mehr dazu finden Sie hier.

Weitere Informationen und Hilfe

Weitere Informationen zu diesem und anderen Problemen mit Online-Portalen finden Sie auf der Seite der Verbraucherzentrale.


Beim Kündigen und Widerrufen hilft der Verbraucherservice Aboalarm und hält kostenlose Kündigungsschreiben bereit.


Widerrufs-Musterschreiben für Parship (online) auf der Seite von Aboalarm 


Kündigungs-Musterschreiben für Parship (online) auf der Seite von Aboalarm

"Alle 10 Minuten kündigt ein Parship-Mitglied"
Mit angeblich 4,5 Millionen Mitgliedern ist "Parship" eine der größten Online-Partnervermittlungen Deutschlands. Auf seiner Internetseite behauptet das Unternehmen, dass statistisch 38 Prozent der Mitglieder die große Liebe findet. Können das ehemalige Mitglieder bestätigen? stern TV sprach mit dem Münchener Verbraucherservice "Aboalarm", der mit über 20.000 Firmenadressen eine der größten Datenbanken in Deutschland besitzt. Der Dienst führte auch eine Umfrage unter 500 ehemaligen Parship-Mitgliedern durch. Auch nach dem Erfolg mit "Parship" haben sie gefragt: "Nur 12 Prozent der Befragten geben an, dass sie sich auf Parship verliebt haben", sagt Bernd Storm. "Parship wirbt mit dem Spruch, dass sich alle 11 Minuten ein Single dort verliebt. Aus unserer Datenbank haben wir feststellen können, dass alle 10 Minuten ein Parship-Mitglied kündigt. In den letzten 12 Monaten hätten sich 64.000 Kunden bei Aboalarm wegen einer Kündigung gemeldet. "Und wir haben festgestellt, dass 70 Prozent der Umfrage-Teilnehmer die Wertersatzklauseln als Abzocke sehen."

Moniert wird von Julia Rehberg auch, dass die Klauseln zum Wertersatz von vielen Nutzern übersehen werden könnten, in denen dieses heikle Detail erklärt wird: "Parship sagt: Wir geben eine Kontaktgarantie. Das heißt: Wenn ich nicht soundso viele Kontakte hatte im Laufe der Mitgliedschaft, dann darf ich nochmal kostenfrei verlängern. Und anhand dieser so genannten Kontaktgarantie ermitteln sie dann den Wertersatz" so die Verbraucherschützerin. "Das können 90 Euro sein, das können aber auch 600 Euro sein."
Mit diesem Vorgehen würden immer mehr Kunden verärgert und Parship bringe sich selbst um den Ruf.