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Mutter ohne Glück

Ulrike Schrimpf und ihr Mann erwarteten ein Wunschkind. Als der kleine Junge auf der Welt war, verfiel die Mutter jedoch in Lethargie. Wochen und Monate quälten sie Ängste und Schlaflosigkeit. Schließlich dachte sie sogar ans Sterben.

  Ulrike Schrimpf litt nach der Geburt ihres zweiten Kindes an einer Depression.

Ulrike Schrimpf litt nach der Geburt ihres zweiten Kindes an einer Depression.

Ich habe Angst, meinen Kindern keine gute Mutter zu sein.

Ich habe Angst meine Beziehung zu ruinieren.
Ich habe Angst vor dem Leben.

Diese Worte schrieb Ulrike Schrimpf in der schwersten Zeit ihres Lebens. Als sie 2010 ihr zweites Kind Michael zur Welt brachte - ein Wunschkind - wollte sich das Mutterglück nicht einstellen. Die damals 35-Jährige hatte unbeschreibliche Angst, schlief nicht mehr, litt an Appetitlosigkeit und plagte sich Tag und Nacht mit unerklärlichen Schuldgefühlen. 

Wie Ulrike Schrimpf geht es schätzungsweise jeder siebten Frau in Deutschland nach der Entbindung. Anders als beim klassischen Babyblues, der viele Frauen kurz nach der Geburt befällt und von selbst abklingt, dauert eine postnatale Depression (medizinisch auch "postpartale" Depression) oft Wochen und Monate an. Wie schlecht es den Frauen geht, verschweigen die meisten unter dem vermeintlichen Erwartungsdruck, eine gute Mutter zu sein und sein zu wollen. Ulrike Schrimpf schrieb ihre Geschichte auf – den ganzen Verlauf ihrer schleichenden, postnatalen Depression.

Die Probleme begannen, als die Berlinerin hochschwanger nach Wien zog. Ihr fehlten Freunde, sie fühlte sich allein. Mit Beginn der Depression fehlte ihr damit auch der Halt. Auch von ihrem Partner fühlte sie sich unverstanden, schämte sich vor ihm und für ihre Gefühle. "Mein Mann hat immer zu mir gesagt: 'Du hast doch alles. Eine schöne Wohnung, gesunde Kinder, mich – ich liebe dich'." Doch das war es nicht, was sie plagte. Trotz der Liebe, die sie für ihren Sohn empfand, fühlte sie eine innere Leere. Sie tat alles für ihn und trotzdem blieben die unerklärlichen Sorgen und Schuldgefühle. "Ich hatte immer Angst, ich bin keine gute Mama. Ich dachte, meinem Kind geht es nicht gut, es wird vielleicht krank, ich mache zehntausend Fehler. Und das hat mich wahnsinnig gemacht."

Der Wahnsinn, nichts falsch zu machen, führte zu absurden Zuständen, so dass sogar die Haustreppe zur vermeintlichen Gefahr wurde. Ulrike Schrimpf traute sich nicht mehr, sie herunter zu gehen. Um sicher zu sein, dass ihrem Kind dabei nichts passiert, rutschte sie sie hinunter. Die einst lebensfrohe Frau erkannte sich selbst nicht wieder. Noch heute schmerzt die Erinnerung daran: "Man spürt sich nicht mehr. Man steht vorm Spiegel und sieht einen komplett fremden Menschen", erzählt Ulrike Schrimpf. "Es ist wie eine Mauer dazwischen, durch die man keinen Zugang hat. Man weiß 'Das bin ich', aber man fühlt sich nicht als 'Ich'. Ja, das ist furchtbar."

Übersteigerte eigene Ansprüche führen zur Erschöpfung

Laut Psychiaterin Dr. Claudia Reiner-Lawugger von der Wiener Spezialambulanz für perinatale Psychiatrie scheitern vor allem leistungsorientierte, späte Mütter an ihren eigenen Ansprüchen. Die große Belastung, alles richtig machen zu wollen – selbst wenn Babys nicht nach einem bestimmten Stundenplan funktionieren – führe zwangsläufig zur Erschöpfung: "Die Frauen trauen sich dann auch oft nicht zu schlafen, weil sie Sorgen haben, dass sie irgendetwas überhören könnten, dass sie dem Kind nicht sofort jeden Wunsch erfüllen."

Auch Ulrike Schrimpf schlief bald nur noch zwei Stunden täglich. Aus Müdigkeit wurden lebensmüde Gedanken: "Jedes Mal, wenn ich eine Straße überquerte und ein Auto kommen sah, stellte ich mir vor, dass es mich einfach überrollen würde. Was für eine Erleichterung das wäre – keine Schmerzen mehr zu empfinden. Ich sah einfach keinen Ausweg mehr aus meiner Krankheit, aus dem traurigen Leben", so die Mutter.

Nach drei Nächten ganz ohne Schlaf suchte sie psychiatrische Hilfe. Aus Angst, verrückt zu werden. "Das ist wie eine anwährende Panikattacke, das geht stundenlang. Wahrscheinlich hat man letzten Endes Angst, dass man sich umbringt oder dass man stirbt, dass man für seine Kinder nicht mehr da sein wird."

Professionelle Hilfe unerlässlich

Im Allgemeinen Krankenhaus Wien erhielt die damals 35-Jährige die Diagnose: Postnatale Depression. Das half auch ihrem Ehemann, sagt er: "Es hat mir geholfen, als die Oberärztin im Krankenhaus zu mir gesagt hat: 'Sie können das gar nicht erst verstehen. Man muss es einfach akzeptieren und man muss damit umgehen."

Ulrike Schrimpf begann eine dreiwöchige Gesprächs- und Medikamententherapie, die auch ihr aus dem Tief heraus half.

Auch Manuela K. hat sich in professionelle Hände begeben. Die junge Frau konnte nach ihrer traumatischen Entbindung keine Nähe zu ihrem Neugeborenen aufbauen. Darüber entwickelte sie eine postnatale Depression. "Die Liebe war einfach nicht da und man fragt sich, was man falsch gemacht hat", beschreibt sie ihre Gefühle. Die kleine Lilly ist ihr zweites Kind, beim ersten hatte sie keine Depression. Deshalb hatte sie mit einem solchen Tief nicht gerechnet, da sie wusste, was auf sie erwartete.

In einer Gesprächstherapie an der LWL Mutter-Kind-Klinik in Herten verarbeitete Manuela K. ihre traumatische Entbindung und sprach über ihr Verhalten gegenüber ihrer Tochter. Die Bindungsstörung ist nur ein Symptom der Krankheit, andere Anzeichen sind: "die typische depressive Stimmung, wie eine Lähmung. Es fällt schwer den Tag zu bewältigen, eine entsprechende Appetitstörung und wir haben typischerweise Schlafstörungen, sowohl Einschlafstörungen wie auch frühmorgendliches Erwachen", erklärt Dr. Luc Turmes, der Leiter der Klinik.

Ulrike Schrimpf hat ihr Mutterglück jetzt – fünf Jahre nach ihrer postnatalen Depression – wiedergefunden. Sie führt ein ganz normales Familienleben. "Für mich ist es eine wunderbare Wendung des Schicksals, dass es so gekommen ist." Ihren beiden Söhnen Johannes und Michael geht es gut, die Depression hat keine Spuren hinterlassen. Und: Vor fünf Monaten hat sie ihren dritten Sohn Felix zur Welt gebracht. Ohne einer postnatalen Depression zu verfallen.

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