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Hamburger Kutter wird zur Flüchtlings-Ersthilfe im Mittelmeer

Tausende Menschen sind bei ihrem Fluchtversuch nach Europa bereits im Mittelmeer verunglückt. Oft kam die Rettung zu spät. Privatleute möchten das ändern und mit ihrem Spezial-Boot zur Hilfe eilen.

Es ist eine ungewöhnliche Hilfsaktion, die sie Harald Höppner mit seiner Familie und Freunden überlegt hat: "Wir wollen dem Sterben nicht länger zusehen", erklärt der Familienvater. Zusammen mit seiner Frau Tanja und seinen Söhnen lebt er in einem kleinen Ort in Brandenburg. Die Familie besitzt zwei kleine Geschäfte in Berlin und kann recht gut davon leben. Doch Nachrichten und Bilder von Flüchtlingen, die auf dem Mittelmeer ihr Leben lassen müssen, machen Harald Höppner fassungslos: "Die kommen hierher, weil sie von Krieg, Verfolgung und Hunger geplagt sind. Sie haben jeden  Grund dafür." Das Ehepaar kann das gut nachvollziehen, beide sind in der DDR aufgewachsen, lebten 20 Jahre hinter der Mauer. Beim Versuch, sie zu überwinden, seien so viele Menschen gestorben, so Tanja Höppner.

Traditionsschiff soll erste Hilfe leisten

Mit einer Privatinitiative wollen sie Flüchtlingen, die unter gefährlichsten Bedingungen über das Mittelmeer nach Europa fliehen, nun persönlich helfen. Allein in 2014 kamen dort mehr als 3.500 Menschen bei ihrem Überfahrtsversuch ums Leben. "Wir werden dort hinfahren, mit ausgebildeten, motivierten Menschen. Und wir werden versuchen, eine Öffentlichkeit dafür zu schaffen und eine Art Ersthilfe zu geben. Und irgendwo auch ein 'ziviles Auge' auf dem Meer darstellen“, so Harald Höppner.

Für die Rettungsmission hat sich der 42-Jährige mit seiner Frau und einer befreundeten Familie für 60.000 Euro einen alten niederländischen Kutter gekauft. Harald Höppner hatte bisher keine Ahnung von Schiffen. Als geborener Autodidakt eignete er sich in kürzester Zeit aber viel Schiffsfachwissen an und tauschte sich mit Experten aus, so dass er schon nach zwei Monaten das richtige Schiff in Amsterdam fand: Die hundert Jahre alte Go 46. Der Fischkutter namens "MS Sea Watch" wird in wenigen Wochen im Hamburger Hafen seetüchtig gemacht und mit Hilfsgütern für 500 Menschen ausgestattet sein, so der Plan.

Freiwillige Helfer arbeiten täglich daran, sind aus ganz Europa angereist, um zu helfen. Darunter Ingenieure, Schiffs-Kapitäne, sogar ein Medizinprofessor meldete sich.

Jeder, der mit anpackt, ist von der Idee überzeugt: "Es ist etwas, das uns Seeleute seit Jahren beschäftigt. Die Tatsache, dass da Menschen im Mittelmeer sterben, obwohl es mit einfachen Mitteln vermeidbar wäre", sagt Helfer Tillmann Holsten. Dann sei Harald Höppner mit der Idee gekommen. "Das hat mir gesagt 'Ich will das unterstützen!'. Auch wenn die Finanzmittel beschränkt sind, auch wenn es nur ein kleines Boot ist. Es ist besser als gar nichts zu tun."

 Ausgerüstet mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Rettungsutensilien will die Mannschaft schon im Mai Richtung Malta in See stechen und vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa gefährdete oder verunglückte Flüchtlinge finden, Notrufe absetzen und erste Hilfe leisten. "Das Schiff hat das Potential Menschenleben zu retten", sagt Skipper Tillmann Holsten. "Und die Leute, die dort alles aufs Spiel setzen, um die paar Meilen nach Europa zu kommen, die haben es nicht verdient, dass sie dort jämmerlich ersaufen, nur weil man versucht sie zu ignorieren."

Hunderte Tote vor der Küste Lampedusas

Seit dem Arabischen Frühling 2011 sind die Flüchtlingszahlen im Mittelmeer rasant gestiegen. Im vergangenen Jahr waren es über 200.000. Viele starten aus Syrien, Eritrea und Somalia kommend in Libyen mit  dem Ziel Lampedusa oder Malta. Wer es mit dem Boot riskiert, hat oft keine Chance. Schlechtes Wetter, überfüllte Boote, schlechte Versorgung, Hitze – die Umstände forderten bereits tausende Opfer.

Im Oktober 2013 machte ein Unglück Schlagzeilen, bei dem mehr als 200 Flüchtlinge starben. Für Gergishu Yohannes aus St. Augustin war das ein persönlicher Schlag, denn auch ihre Cousine kam dabei ums Leben. "Ich wünsche niemandem, dass er diese Qualen erleiden muss, einen geliebten Menschen auf diese Weise zu verlieren", so die 49-Jährige.
Das Drama ereignete sich nur wenige hundert Meter vor der rettenden Küste Lampedusas. Nach dem Unglück reiste sie auf die italienische Insel, um ihre Cousine zu identifizieren. "Die haben dort die Leichen aus dem Wasser gezogen und man musste dann am PC die Bilder durchblättern und gucken: Ist das deine Schwester? Ist das deine Cousine? Ist der dein Bruder? Das war schrecklich!"

Gergishu Yohannes verlor bereits vor sechs Jahren ihren Bruder auf dem Mittelmeer, er gilt bis heute als vermisst. Der junge Mann Abel war 20 Jahre alt, als auch er aus Eritrea nach Europa wollte. Er war mit 81 anderen Afrikanern  wochenlang auf einem Boot unterwegs gewesen – nur fünf von ihnen überlebten die Odyssee. Auch damals fuhr Gergishu Yohannes nach Lampedusa, um ihren Bruder zu suchen. Sie sprach dort mit den Überlebenden und erfuhr: "Es sollen mindestens zehn Schiffe vorbei gekommen sein, ohne ihnen zu helfen", so Yohannes. "Es gab mehrere Totgeburten an Bord. Die Menschen haben die toten Babys und die Frauen hochgehoben und um Hilfe geschrien, aber keiner hat ihnen geholfen." Das Boot sei damals 20 Tage vor Sizilien im Meer getrieben. Als die maltesische Küstenwache kam, waren 76 Flüchtlinge bereits tot.

Einfach losfahren und helfen

Mit der Hilfe der MS Sea Watch sollen solche Unglücke künftig verhindert werden. Das Schiff soll mehrere Monate im Mittelmeer unterwegs sein. Die achtköpfige Crew will zunächst Flüchtlinge auf dem Meer orten und ihren Standort der zuständigen Küstenwache melden. Bis Hilfe eintrifft sollen die Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt werden, dafür haben die Hamburger für 500 Menschen die notwendigen Hilfsgüter an Bord. "Das bricht einem schon das Herz, wenn Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben sterben müssen, obwohl alle wissen, dass es passiert und sich keiner drum kümmert", so Tanja Höppner zu stern TV. "Dann weiß ich, dass es richtig ist, was wir da machen." Gemeint ist:  Einfach losfahren und helfen – die Idee einer ganz normalen Familie. Sie möchte mit ihrer Mission zeigen, dass es machbar ist: Menschen in Not zu helfen.

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