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Wie arglos sind Frauen beim Online-Dating?

Die Fälle von Misshandlungen unter Internetbekanntschaften nehmen weiter zu. Die Schreckensgeschichte schlechthin ist der Tod zweier Frauen unter der Gewalt des Ehepaars aus Höxter: Frauen, die nach einem Online-Flirt arglos zu ihren Peinigern nach Hause gingen. stern TV hat weibliche Singles im Netz herausgefordert – mit diesem Ergebnis.

Nach einem kurzen Anfangsflirt hat unser Lockvogel auch deutlich sein wahres Ich gezeigt.

Nach einem kurzen Anfangsflirt hat unser Lockvogel auch deutlich sein wahres Ich gezeigt.

Der Fall des Folterpaares aus Höxter hat deutschlandweit für Entsetzen gesorgt: Wilfried W. und Angelika W. sollen mindestens acht Opfer über Kontaktanzeigen in ihr Haus gelockt und dort über Monate schwer misshandelt haben. Zwei Frauen starben unter ihrer Gewalt auf grausame Art. Der Prozess gegen das Paar wurde am vergangenen Mittwoch aufgenommen. Der Psychiater Michael Osterheider hat im Auftrag des Gerichts ein vorläufiges Gutachten über Wilfried W. erstellt und attestiert dem Mann eine "sadistische Persönlichkeitsstörung in Verbindung mit einer stark ausgeprägten psychopathischen Persönlichkeit".

Wilfried W. hatte bei seiner Partnersuch über Kontaktanzeigen und auf Dating-Plattformen seinen Charakter bereits deutlich offenbart, indem er etwa schrieb: Ich such halt eine heißblütige Frau für eine feste Partnerschaft. Die auch versaut ist, im Bett auch versaut ist. Es fällt auch auf, dass W. die Frauen in den Chats bald seiner Kontrolle unterwirft, sie herumkommandiert oder mit eifersüchtigen Vorwürfen traktiert.

Die Diplom-Psychologin Christina Zimmermann kann erklären, wie derart gewickelte Menschen vorgehen. Die Therapeutin, die in einer  Trauma-Klinik bei Hamburg arbeitet, hat häufig mit Beziehungsopfern von Psychopathen zu tun: Frauen, die psychisch und körperlich gequält, missbraucht und gedemütigt wurden. Ihre Erkenntnis aus der langjährigen Arbeit: Niemand ist davor gefeit, einem Menschen mit psychopathischer Persönlichkeit zu verfallen: "Psychopathen sind menschliche Raubtiere, die genau wissen, was sie tun müssen. Sie gehen sehr kaltblütig vor, sehr strategisch, gleichzeitig haben sie aber eine sehr gewinnende Art an sich. Diese Kombination ist genau das Fatale, das treibt seine Opfer in eine Abhängigkeit."

"Ich will eine Frau, die ganz mir gehört"   

stern TV wollte wissen: Wie schnell lassen sich Frauen auf Fremde ein, die sie über Dating-Portale kennen lernen? Wie reagieren sie auf das manipulative Vorgehen mancher Männer? Gemeinsam mit Christina Zimmermann hat Lockvogel und Schauspieler Alexander Heimbach einen Spielcharakter entwickelt, der typisch psychopathische Züge aufweist. Die Anmeldung auf verschiedenen Dating-Portalen und bei Tinder unter falschem Namen "Andreas B.", falschem Alter und Beruf gelang Lockvogel Heimbach ohne Probleme. Und so stand der angebliche Beamte bereits nach kurzer Zeit mit mehreren Frauen* zwischen 39 und 53 Jahren in Kontakt. Aus seinem psychopathischen Charakter machte er keinen Hehl, wechselte zwischen Komplimenten, ganz intimen Fragen und Besitzansprüchen wie "Du hast ein wundervolles Lächeln" / "Ich bin seeehr eifersüchtig." / "Wie viele Sexpartner hattest du schon?" / "Ich will eine Frau, die ganz mir gehört."   

Als er dann mit Nachdruck nach der Telefonnummer fragte, kassierte er eine Abfuhr. Die erste Kandidatin sprang ab. Eine andere Frau verlor ihr Interesse, als der Mann darauf drängte, ihn beim ersten Besuch zu Hause zu besuchen: Mag sein dass du gut kochst, aber ich besuche keine Wohnungen von Männern, von Fremden schon gar nicht.:-) schrieb sie.

Brisante Situation wird spät klar

Es folgten aber auch andere Reaktionen: So gab eine Frau gleich zu Beginn Auskunft über ihre letzte unglückliche Beziehung, in der sie "Zweitfrau" gewesen sei und es erst Monate später bemerkt habe. Als unser Lockvogel mit ihr per WhatsApp schreiben wollte, schickte sie ihm ohne zu zögern ihre Telefonnummer. Kurz darauf forderte Andreas alias Schauspieler Heimbach von ihr ein "aussagekräftigeres" Foto – und erhielt gleich mehrere. Seine Einladung zu sich nach Hause lehnte sie allerdings ab. Zum Schein ließ er sich auf ein Treffen in einem Café ein. Kaum saß die Frau unserem Mann gegenüber, versuchte er sie mit einem Trick doch noch zu sich zu locken: Er sei Kunstliebhaber und Hobbykoch. "Du willst mich unbedingt zu dir nach Hause locken!", so die Frau. Auf "ich möchte dir was zeigen.." ließ sie sich darauf ein.

In seiner Wohnung stellte Andreas ihr prompt die Frage, ob jemand wisse, dass sie bei ihm sei. Allmählich wurde der Frau klar, in welch brisante Situation sie sich gebracht hatte – wohl nicht zum ersten Mal: "Oh, Gott! Du erinnerst mich stark an einen Mann, den ich vor drei, vier Monaten kennengelernt habe. Bei dem war ich auch beim ersten Treffen zuhause. Und das war ein brutaler Typ. Der hat schon mehrere Anzeigen gekriegt. Er wurde sogar mit Haftbefehl gesucht." Trotzdem blieb sie. Selbst als der Lockvogel von seinem krankhaften Verhalten gegenüber seinen Ex-Partnerinnen erzählte, etwa, sie gestalkt zu haben, ihr Handy kontrolliert und sie schließlich geschlagen zu haben. Psychologin Christina Zimmermann kann erklären, warum die Frau sich wie gelähmt verhielt: Der Schauspieler bestreitet jegliche Schuld an seinem verhalten – typisch für einen Psychopathen. "Er konfrontiert die Frau mit einer Tat, in der er Gewalt ausgeübt hat. Er rahmt das Ganze aber ein, indem er behauptet, das Opfer zu sein. Damit verdreht er die Tatsachen und die Frau gerät dadurch in Verwirrung: Was stimmt denn jetzt? Ist er Täter, ist er Opfer? Und das macht hilflos." Die Frau bei Andreas zu Hause reagierte nach 25 Minuten schließlich versiert – und verließ die Wohnung.

Psychopathische Mechanismen durchschauen

Christina Zimmermann erklärt, wie wichtig es ist, die Mechanismen dieser psychopathisch veranlagten Menschen zu durchschauen und zu entlarven: " Wenn ich es besser verstehe, dann bin ich auch gewappnet, wenn ich auf so einen Kandidaten treffe, der versucht, mich zu manipulieren und zu kontrollieren, um rechtzeitig aus so einer Situation gut herauszukommen und nicht zu einem Opfer zu werden." Das sei nicht immer einfach, räumt sie ein.

Denn auch die nächste Chat-Partnerin unseres Lockvogels nahm die Einladung zu einem Treffen an – obwohl er sie neben ein paar Nettigkeiten auch mit Vorwürfen und Unterstellungen konfrontierte. Ebenfalls ein typisches Verhaltensmuster, sagt Christina Zimmermann: "Psychopathische Züge hat es beispielsweise auch, wenn der Mann mit einer allgemeinen Aussage über Frauen provoziert, etwa 'Ihr Frauen auf Dating-Seiten seid doch alle nur da, weil ihr Sex wollt' – und im nächsten Atemzug die Frau süßholzraspelnd aus dieser Behauptung ausschließt: 'Du bist da ganz anders, das sehe ich an deiner Art'."
Doch offenbar hatte er es geschafft, in ihr echte Gefühle zu wecken, denn sie schrieb spätabends noch: In deine Augen könnt ich mich direkt verlieben.

Kurz vor dem verabredeten Treffen meldete sich Lockvogel Andreas dann bei ihr mit einer Lügengeschichte: Sein Warmwasserboiler sei ausgefallen, er könne nicht aus dem Haus, weil er dringend auf den Klempner warte. Nach einem kurzen Hin und Her ließ sich die Frau auf diese "Ausnahme" ein. Auch ihr gegenüber lässt er nach kurzer Zeit den Irren durchblicken – er sei krankhaft eifersüchtig, ein Kontrollfreak. Doch da sei doch nichts bei. Dann verlangte er noch ihr Handy, um alle anderen Chat-Verläufe zu checken. Statt sich zu weigern und ihm jetzt Grenzen zu setzen, zeigte sie es Andreas. Schließlich sagt er: "Es kommt kein Gas-/Wasser-Installateur, das war gelogen." Die Frau empörte sich nicht einmal, sondern sagte: "Das wusste ich." Eine Frau, die weiß, dass sie belogen wurde und dennoch zu dem Lügner in die Wohnung ging – so widersinnig das scheint, Christina Zimmermann weiß um diesen Realitätsverlust bei Verliebten. "Viele verlieben sich bereits am Telefon oder durch das Schreiben von Nachrichten. Es wird dann so viel da hinein interpretiert, dass sich ein ganz positives Bild von dem Mann ergibt. Und die Frau meint, ihn gut zu kennen und gibt ihm einen großen Vertrauensvorschuss." Dazu werde oftmals mehr in die Situation hineininterpretiert, als dahinter ste Wer sich gegenüber solchen Menschen behaupte, habe trotz der Aggressivität des Gegenübers ein besseres Standing: "Eine Frau muss sich nicht alles gefallen lassen. Man muss klarer und deutlicher Nein sagen und seine eigene Meinung durchsetzen. Dabei sollte man keine Angst haben, sein Gegenüber in eine üble und damit gefährliche Verfassung zu versetzen. Man bringt den Anderen damit aus dem Konzept und kann somit der Situation entfliehen."

Lockvogel enttarnt

Die nächste Frau, die unser Lockvogel zu sich nach Hause einlud, war Ilona. Sie lehnte ab, da sie ihn kaum kenne und kein Auto habe. Als der Andreas ihr schließlich anbot, sie abzuholen, willigte sich doch ein. Als er dann mit Blumen vor ihrer Tür stand, um sie mitzunehmen, kam es anders: Ilona bat ihn in ihre Wohnung.  Und sie konfrontierte ihn mit dem, was sie über ihn im Internet gefunden hatte: Seinen echten Namen und seinen echten Beruf! Sie hatte außerdem nicht nur das Foto des Schauspielers gefunden, sondern auch eine Freundin über das Treffen informiert.

Am Ende des stern TV-Experiments* hat sich von den insgesamt sieben Frauen, die der vermeintlich Psychopath zu sich eingeladen hat, nur diese einzige Frau empfehlenswert umsichtig verhalten.  

 

*Hinweis: Zum Schutz der Frauen haben wir im Beitrag die Originalfotos ausgetauscht und die Form der Textnachrichten verändert. Für die Frauen bestand zu keiner Zeit eine Gefahr. Die Psychologin Christina Zimmermann hat das Experiment begleitet. 


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