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Verbessertes Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien

Homosexuelle in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft dürfen künftig ein von ihrem Partner angenommenes Kind adoptieren. Ein schwules Paar mit zwei Kindern erzählt, was das Urteil für sie bedeutet.

Die fünfjährige Lucie und ihr achtjähriger Bruder Julius sind Adoptivkinder. Sie haben aber nicht Mutter und Vater, sondern Vati Thomas und Papa Ingmar. Das schwule Paar ist seit 21 Jahren zusammen und verheiratet. Per Gesetz ist Thomas der offizielle Vater - Adoptivvater. In den Geburtsurkunden der Kinder ist nur er als Vater eingetragen und hat demnach allein die Rechte und Verpflichtungen eines Vaters. Denn: In Deutschland durfte bei gleichgeschlechtlichen Paaren bisher nur einer der Partner adoptieren – bis zum Urteil des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts am vergangenen Dienstag, den 19. Februar, als diese Regelung für verfassungswidrig erklärt wurde.

Eine (un)gewöhnliche Familie

Bei dieser Vati-Papa-Tochter-Sohn-Familie ist unter der Woche Papa Ingmar für die Kinder zuständig. Seine Augenarztpraxis kann er schon am Nachmittag schließen, damit er sich um die beiden kümmern kann. Für Julius und Lucie ist es ganz normal, dass sie zwei Väter haben. "Familie ist, wo Kinder sind", findet Ingmar. Auch eine Studie des Bundesjustizministeriums hat festgestellt: "Entscheidend für die Entwicklung der Kinder ist nicht die Struktur der Familie, sondern die Qualität der innerfamiliären Beziehungen."

Die Kinder leben quasi von Geburt an bei dem Paar. Als in der Beziehung zwischen Ingmar und Thomas eines Tages der Kinderwunsch aufkommt, machen sich die Beiden über eine Adoption schlau. Ingmar Zöller findet eine Agentur in den USA, die ihnen helfen will. Über ein Jahr das Paar warten, dann ist es soweit: In Chicago dürfen sie den vier Tage alten Julius annehmen, Ingmar wird offiziell Vater. Die beiden kümmern sich um den Säugling, verpflegen und betreuen ihn rund um die Uhr. "Auf einmal war das Kind nicht mehr das Kind, sondern Julius und irgendwann merkte ich, diese vielen Gefühle und Emotionen, auch dass ein Säugling einen zum Wahnsinn treiben kann, wenn er nachts um drei schreit. Da habe ich irgendwann gemerkt, ich liebe dieses Kind", sagt Ingmar, der per Gesetz bislang nicht einmal ein verwandtschaftliches Verhältnis zu dem Jungen hat.

Als Julius drei Jahre alt ist, beschließen die Väter noch ein Kind zu adoptieren. Diesmal ein kleines Mädchen: Lucie. Auch sie kommt in ihren ersten Lebenstagen zu Thomas und Ingmar. Mit ihr ist die Familienplanung abgeschlossen. Für Thomas Welter und Ingmar Zöller ist alles so, wie sie es sich immer gewünscht haben – bis auf eines: Sie wollen auch gesetzlich als das anerkannt werden, was sie sind: eine Familie. "Ich möchte auch eine Anerkennung bekommen für den Job, den ich hier mache, dass ich zwei Kinder großziehe. Ich möchte endlich auch offiziell ein Vater sein", sagt Ingmar.

Kaum Rechte für den zweiten Elternteil

Der inzwischen achtjährige Julius weiß, was die bisherige, gesetzliche Regelung für ihn und seine Schwester bedeuten könnte: "Wenn Thomas vor ein Auto läuft, haben wir ein Problem." Denn: Ein einzeln adoptiertes Kind müsste wieder ins Heim, wenn die Adoptivmutter oder der Adoptivvater stirbt, ungeachtet, dass es ja einen zweiten Elternteil gibt. Der ist im Fall der Fälle geradezu machtlos: "Es ist so, dass ich der Vater bin, der zweite Vater, und es im praktischen Leben keinen Unterschied macht", so Ingmar Zöller. "Aber wenn man mal darüber nachdenkt, wir werden ja älter, vielleicht passiert einem von uns mal was, und es müssen rechtliche Entscheidungen getroffen werden. Dann bekommen die Kinder vielleicht keine Waisenrente, ich bin da ganz außen vor, und deswegen ist das für mich wichtig." Dazu kommt: grundsätzlich kein Auskunftsrecht beim Arzt zu haben, wenn das Kind krank ist; keine Entschuldigung für die Schule schreiben oder Elternabende besuchen zu können. In vielen Punkten ist Ingmar benachteiligt, obwohl er genauso Vater ist, wie Thomas, der in den Papieren steht. "Familienpolitik ist reaktionärer und konservativer, als die Gesellschaft ist", so Thomas Welter. "Leiden tun darunter ganz besonders alleinerziehende Mütter - und wir."

Agentur

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