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Wie traumatisierte Jesidinnen wieder leben lernen

Es geschah vor den Augen der Weltöffentlichkeit, als IS-Kämpfer im Sommer 2014 im Nordirak Dörfer überfielen und Tausende jesidische Frauen und Kinder versklavten. Sie wurden geschlagen, verkauft und zigfach vergewaltigt. Schwer traumatisiert bekamen Sheila, Leyla und andere Opfer durch ein Sonderprojekt in Deutschland die Chance auf ein zweites Leben.

  Leyla ist 26 Jahre alt und dreifache Mutter. Ihre damals zweijährige Tochter wurde von dem Kämpfer, dem Leyla "gehörte" so schwer misshandelt, dass das kleine Mädchen vor ihren Augen starb.

Leyla ist 26 Jahre alt und dreifache Mutter. Ihre damals zweijährige Tochter wurde von dem Kämpfer, dem Leyla "gehörte" so schwer misshandelt, dass das kleine Mädchen vor ihren Augen starb.

Leyla ist 26 Jahre alt. In ihrem jungen Leben wurde sie über ein Jahr lang gefoltert, vergewaltigt und musste schließlich mit ansehen, wie ihre zweijährige Tochter über Tage zu Tode gequält wurde.

Was Leyla nach ihrer Entführung im Irak erlebt hat, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Die junge Jesidin ist eine von vielen tausend Frauen, die 2014 von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verschleppt und versklavt wurden. "Frauen sind als Beute genommen worden, vergewaltigt worden oder 'verheiratet' worden", berichtet Psychologe und Trauma-Experte Dr. Jan Kizilhan. "Die Frauen haben Massenexekutionen von ihren Familienmitgliedern gesehen. Und kleine Kinder ab 8 Jahren, Mädchen, kleine Mädchen, sind vergewaltigt worden." Jan Kizilhan war im letzten Jahr 14 Mal im Irak, um mit den Frauen zu sprechen, denen es wie Leyla erging. "Die Art und Weise, wie der IS mit diesen Menschen umgeht, ist nicht nachvollziehbar. Jedes Mal, wenn ich eine Frau untersucht habe, habe ich gesagt: Jetzt habe ich das Schlimmste meines Lebens gehört, noch schlimmer kann das gar nicht gehen. Und dann kam eine andere Frau und erzählte mir eine Geschichte, die noch viel schlimmer ist."


Die 26-jährige Leyla konnte mit ihren anderen zwei Kindern nach 14 Monaten Martyrium fliehen. Tausende sind noch in der Gewalt der Terroristen, freigekaufte oder befreite Frauen und Kinder leben jetzt in Flüchtlingslagern ringsum Dohuk, die zweitgrößte Stadt in der autonomen Region Kurdistan im Irak. Das von kurdischen Peshmerga geschützte Gebiet ist eine sichere Zone in der Region. Kizilhan, der Leiter eines einzigartigen Hilfsprojekts des Landes Baden-Württemberg sprach mit 1400 Frauen dort. 1.100 dieser schwerst traumatisierten Frauen und deren Kinder holte er zur Therapie nach Deutschland. Darunter auch die 19-jährige Shirin. Sie wird seit neun Monaten in Deutschland therapiert. Noch immer sagt sie: "Ich habe Albträume. Ich habe Angst. Ich kann es nicht vergessen."

  Shirin ist 19 Jahre alt. Sie stand kurz vor dem Abitur und wollte Jura studieren, als 2014 der sogenannte IS ihr Dorf im Nordirak überfiel und sie mit anderen Frauen und Kindern entführte und versklavte. Die grauenhaften Erinnerungen daran holen sie immer wieder ein.

Shirin ist 19 Jahre alt. Sie stand kurz vor dem Abitur und wollte Jura studieren, als 2014 der sogenannte IS ihr Dorf im Nordirak überfiel und sie mit anderen Frauen und Kindern entführte und versklavte. Die grauenhaften Erinnerungen daran holen sie immer wieder ein.


"In derselben Nacht hat er mich noch vier Mal vergewaltigt"

Shirin war erst 17 und stand kurz vor dem Abitur, sie wollte Jura studieren. Im August 2014 überfielen IS-Milizen systematisch jedsidische Dörfer im Nordirak – auch Shirins Heimatort. Sie und viele andere Frauen wurden entführt und Kämpfern wie auf einem Basar zur Auswahl geboten. Einer nahm Shirin mit. Er sperrte das Mädchen in einen winzigen Raum mit einer Luke und einer Matratze. "Einen Tag und eine Nacht hat er mich eingesperrt", erzählt Shirin. "Dann kam er zu mir. Er hat mich geschlagen, bis ich ohnmächtig wurde. Als ich wieder zu mir kam, habe ich bemerkt, dass Es passiert war. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, hatte Schmerzen. In derselben Nacht hat er mich noch vier Mal vergewaltigt – bis zum Morgengrauen."

Für Shirin war diese Nacht erst der Anfang ihres Leidensweges: Innerhalb von neun Monaten wurde sie neun Mal verkauft – ein typisches Schicksal, sagt Dr. Kizilhan: "Es ist keine Seltenheit bei den Frauen, die ich untersucht habe. Sie sagten mit, dass sie zehn bis zwölf Mal verkauft worden sind.", so der Trauma-Experte. "Das bedeutet, dass sie jedes Mal über Monate drei- bis viermal am Tag vergewaltigt wurden. Viele junge Frauen wollten so nicht mehr leben: Sie haben einen Finger in die Steckdose gesteckt, haben versucht ihre Pulsadern aufzuschneiden. Sie haben versucht sich aufzuhängen oder sich zu verbrennen. Weil sie dieses Leid und diese Entwürdigung einfach nicht aushielten."

"Sie würden sonst nicht überleben"

Im Januar 2016 reiste Jan Kizilhan zum letzten Mal nach Dohuk, wo er immer wieder in halbstündigen Gesprächen mit den Frauen darüber entscheiden musste, wer noch nach Deutschland darf und wer nicht. Dafür mussten drei Voraussetzungen gegeben sein: Die Frauen wurden Opfer des IS, sind traumatisiert – und haben immerhin noch eine Aussicht auf Besserung oder Heilung durch eine entsprechende Therapie. "In Dohuk gibt es eine einzige Psychotherapeutin in einer Stadt mit 400.000 Einwohnern. Dort ist es schwierig. Entweder bringen sich viele um, oder sie werden schizophren oder entwickeln andere chronische Erkrankungen. Sie würden sonst nicht überleben. Und deswegen ist es notwendig, dass sie nach Deutschland zur Behandlung kommen und ihnen geholfen wird."

Das Trauma ist Teil ihrer Vergangenheit, aber nicht ihrer Zukunft

Leylas Geschichte ging dem Arzt besonders nahe: Sie ist die einzige der Frauen, die Kizilhan selbst therapiert. Leyla erzählt, wie sie immer wieder den Koran rezitieren musste. Leyla konnte nur kurdisch und nicht arabisch lesen – und bei  jedem kleinen Fehler wurden erst sie, dann auch ihre zweijährige Tochter bestraft. Immer brutaler. "Sie hat sich an mich geklammert", weint Leyla. "Dann hat er meine Kleine in eine Blechkiste gesperrt."

Jan Kizilhan weiß, wie die Geschichte ausging: Der Peiniger habe das Kind im August bei sengender Hitze sieben Tage lang in der Blechbox gelassen. "Dann kam er wieder wie verrückt und hat das zweijährige Mädchen mitgenommen und immer wieder auf seinen Rücken geschlagen. Irgendwann war ein Knacks zu hören und ihr Rückgrat war gebrochen." Die Mutter musste noch zwei Tage mit ansehen, wie ihre Tochter mit dem Tode rang. "Meine Tochter lag auf der Couch, ich hab ihre Hand gehalten. Ich hab sie genommen. Ihr ganzer Körper war kalt. Sie war tot."

Mit der Trauma-Therapie soll Leyla geholfen werden, das Grauen zu verarbeiten. "Was wir häufig unterschätzen ist, wie stark wir Menschen sind, wenn es ums Überleben geht. Und diese Kraft wollen wir in der Therapie nutzen", erklärt Jan Kizilhan. Es gehe nicht ums Vergessen, das sei kaum möglich. Allerdings würden die Frauen lernen, dass das Trauma Teil ihrer Vergangenheit sei, nicht aber ihrer Zukunft ist.  

Leyla lebt seit zwei Monaten mit ihren beiden anderen Kindern in einer Einrichtung in Baden-Württemberg und nach und nach finden die drei zurück in einen Alltag ohne Gewalt. Auch Shirin hat Hoffnung geschöpft. Sie hat über ihre Gefangenschaft beim IS ein Buch geschrieben, in dem sie Erlebte verarbeitet. Außerdem macht sie einen Deutschkurs – und träumt wieder von einem Jura-Studium.

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