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Warum selbst junge Frauen ein hohes Thromboserisiko haben

Sie reguliert den Zyklus, macht schöne Haut und verhütet zuverlässig - die Antibabypille ist bei Frauen beliebt. Was viele nicht wissen: Neuere Pillen verursachen häufiger lebensgefährliche Blutgerinnsel, als alte Präparate. Ob Ihre Pille zu den risikoreicheren gehört, können Sie hier herausfinden.

  Selten angesprochenes Risiko: Die Antibabypillen der neueren Generation stehen im Verdacht, vermehrt lebensgefährliche Blutgerinnsel und Thrombosen auszulösen.

Selten angesprochenes Risiko: Die Antibabypillen der neueren Generation stehen im Verdacht, vermehrt lebensgefährliche Blutgerinnsel und Thrombosen auszulösen.

Als sich die 15-jährige Lena unsterblich verliebte, willigten ihre Eltern in einen Frauenarztbesuch ein. Lena bekam vorsorglich die Antibabypille verschrieben. Nach nur drei Monaten der Einnahme bemerkte das Mädchen plötzlich starke Schmerzen im Oberschenkel. Ihr Arzt glaubte zunächst an eine Zerrung. Eine Beinvenenthrombose, verursacht durch die Pille, zog zunächst niemand in Betracht. Als Lenas Beschwerden immer schlimmer wurden und sie kaum noch Luft bekam, wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Für sie kam jede Hilfe zu spät: Das Blutgerinnsel der Thrombose war in ihre Lunge vorgewandert. Das 15-jährige Mädchen starb an einer Lungenembolie. 

Die Umstände des plötzlichen Todes ihrer Tochter lassen Sonja Zwartjes bis heute nicht los. "Dass die Pille keine Bonbons  sind, war mir klar. Aber dass sie so risikoreich sind, dass man daran sogar versterben kann, ist den meisten Mädchen wohl nicht bewusst. Und ich als Mutter wusste das auch nicht", sagt Sonja Zwartjes. 

Lenas traurige Geschichte ist tatsächlich kein Einzelfall, wie es oft von Seiten der Pharmaunternehmen heißt. Auch Vivien Heuschkel wurde mit einer lebensbedrohlichen Thrombose und anschließender Lungenembolie ins Krankenhaus eingeliefert. Die 24-Jährige hatte Glück und überlebte. Sie hatte zuvor fünf Jahre die Antibabypille genommen. Über das damit verbundene erhöhte Risiko für ein Blutgerinnsel sei sie bei ihrer Frauenärztin nicht aufgeklärt worden, so die Studentin.

Lenas Mutter erinnert sich, dass auch das Beratungsgespräch ihrer Tochter damals kaum 10 Minuten dauerte. "Es war gleich klar, dass es eine Pille gibt. Eine, die gut verträglich ist, von der man nicht zunimmt, und die auch schöner für die Haut ist." Mögliche Risiken, die mit der Einnahme der Antibabypille verbunden sind, habe die Ärztin nicht genannt.

Pillen der neueren Generation sind risikoreicher

Seit Jahren warnen internationale Studien vor den erhöhten Thromboserisiken bei den Pillen der so genannten neueren Generation. Im Januar 2014 gab das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Rote-Hand-Brief heraus, in dem es auf diese besonderen Risiken und deren typische Symptome hinwies. Laut einer neuen Studie, dem "Pillenreport 2015", den Arzneimittelexperten der Universität Bremen und die Techniker Krankenkasse vor zwei Wochen vorlegten, haben Frauen, die eben jene neueren Präparate einnehmen, ein wesentlich größeres Risiko für die Bildung von Thrombosen.

Eine Thrombose entsteht, wenn in einer Vene oder Arterie das Blut verklumpt – es entstehen Blutgerinnsel. Die Vene weitet sich, weil sich das Blut im Engpass staut. Das Bein schwillt an und kann sich verfärben. Einzelne Blutgerinnsel, so genannte Thromben, können sich lösen und über den Blutkreislauf bis in die Lunge gelangen, wo sie sich festsetzen. Es kommt zu Atemnot und schließlich zu einer lebensbedrohlichen Lungenembolie.

Vor allem junge Frauen sind gefährdet

"Von den 40 am häufigsten verordneten Pillen gehören zwei Drittel zu den risikoreichen", sagt Prof. Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte an der Universität Bremen. Laut Untersuchung würden 75 Prozent der jungen Mädchen bis 20 Jahre diese Pillen verordnet bekommen.

Gemeint sind die Pillen der so genannten 3. und 4. Generation. Sie enthalten Gestagene (Hormone), deren Risiko entweder bisher ungeklärt ist oder die ein vielfach nachgewiesenes Thromboserisiko aufweisen. Diese Gestagene sind namentlich: Dienogest, Desogestrel, Chlormadinon, Drospirenon und Nomegestrol. Antibabypillen, die diese Stoffe enthalten, gelten als risikoreicher – werden aber besonders häufig verordnet. Mittlerweile würde die Antibabypille gar als eine Art Lifestyleprodukt angesehen, über negative Effekte und Risiken aber nur selten ausreichend aufgeklärt, kritisiert Prof. Gerd Glaeske. Wesentlich weniger bedenklich sind die Pillen der so genannten 2. Generation. Der entscheidende Inhaltstoff ist hier der hormonelle Wirkstoff Levonorgestrel. "Im Moment habe ich den Eindruck, dass viele Frauen in Gefahr sind und das selber nicht wissen können", so Glaeske. "Unter den 25 Produkten, die im Pillenreport als besonders risikoreich eingestuft werden, ist auch die Pille, die Lena damals verschrieben wurde und die Susan Tabbach vor einigen Jahren in Lebensgefahr brachte."

Susan Tabbach war 29 Jahre jung, sportlich, Nichtraucherin. Eines Nachts bekam sie heftige Stiche in der Lunge. "Mein ganzer Brustkorb tat weh. Ich musste mich gerade hinstellen und die Arme ausbreiten, um überhaupt Luft zu kriegen", erzählt sie. "Als der Rettungswagen kam, konnte ich nur stehend transportiert werden." Im Krankenhaus wurde sie trotzdem nur orthopädisch untersucht. Der Arzt vermutete eine Sportverletzung und schickte Susan Tabbach mit Schmerzmitteln nach Hause. Dort verbrachte sie drei Tage und Nächte im Sitzen, die Schmerzen wurden unerträglich. Zurück in der Klinik wurde dann eine Computertomografie vorgenommen. "Als ich ins CT kam, wurde mir nach zwei Minuten gesagt, ich solle liegen bleiben, mich bloß nicht bewegen", erinnert sie sich. Unter den Ärzten brach Panik aus, Susan Tabbach wurden Blutverdünner gespritzt. Die Diagnose: Lungenembolie und Herzrhythmusstörungen.

Aufklärung ist die wichtigste Verhütung

Es dauerte Jahre bis sich Susan Tabbach von dem traumatischen Ereignis erholt hatte. Dass ihre Pille Verursacher der Embolie gewesen sein könnte, erfuhr sie aus einem Fernsehbericht. Sie nahm Kontakt zu anderen Frauen auf, die dieselbe Pille genommen haben. Schließlich gründete sie das Internetportal www.risiko-pille.de, um Frauen und Mediziner für die Problematik zu sensibilisieren. Unter den zahlreichen Betroffenenberichten war auch der von Vivien Heuschkel.

Für Lena Zwartjes kamen diese Informationen zu spät. Wie sie nehmen weiterhin Tausende junge Frauen eine der risikoreichen Pillen der 3. und 4. Generation. Um derart tragische Verläufe zu vermeiden, fordern die Arzneimittelexperten eine bessere Aufklärung durch die Fachärzte. Alle Ärzte haben eine Aufklärungs- und Dokumentationspflicht, dass sie den Patientinnen bei der Verordnung einer solchen Antibabypille die damit verbundenen Risiken klargemacht haben. Der Hinweis auf den Beipackzettel reicht nicht aus. Die wichtigste Verhütung für Frauen sollte schließlich sein, selbst am Leben zu bleiben.

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