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Wie sich ein Reproduktionsmediziner heimlich selbst vermehrte

Inge Herlaar ist die Tochter eines Samenspenders. Wer es ist, weiß die 36-Jährige allerdings erst seit Kurzem: Der Reproduktionsmediziner selbst soll sich in seiner Klinik vermehrt haben. Schweigend verwendete er in zahlreichen Fällen sein eigenes Sperma bei der künstlichen Befruchtung. Und so erfuhr Inge Herlaar nun von 21 möglichen Geschwistern.

Für viele Frauen ist die künstliche Befruchtung die einzige Möglichkeit, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Allein in Deutschland geht man von rund 100.000 Spenderkindern aus. Doch manchmal kommt es dabei offenbar zu Fehlern, von denen die Betroffenen erst Jahre später erfahren. Für die Kinder einer Samenspende fühlt sich eine solche Verwechslung an, wie ein falsches Leben, ein vertauschtes Leben. Das weiß vor allem Kristina V. Die 26-Jährige erfuhr vor drei Jahren, dass ihrer Mutter eine falsche befruchtete Eizelle eingesetzt worden war. Weder die Frau, die sie geboren hat, noch ihr Vater sind leibliche Eltern. Wer ihre biologischen Eltern sind, weiß Kristina V. indes nicht.

Kristinas Leben hatte im IVF Zentrum Bregenz begonnen, einer Klinik des renommierten Fortpflanzungsmediziners Prof. Herbert Zech. Dort war ihrer Mutter 1990 eine falsche Eizelle eingesetzt worden, wie die Klinik inzwischen einräumte, nachdem ein DNA-Test das Unglaubliche bestätigt hatte. Seitdem sucht die 26-jährige Schweizerin nach ihren leiblichen Eltern – konkret nach Paaren, die zwischen 1988 und dem 17. Juli 1990 im IVF-Zentrum in Behandlung waren. Mehrere Paare haben sich bereits zu einem DNA-Abgleich bereit erklärt; sie wollten ebenfalls wissen, ob bei ihnen alles mit rechten Dingen zuging. Doch bisher ergaben die Tests keine Übereinstimmung mit Kristina. Deshalb versucht die junge Frau nun ihre genetischen Eltern mit Hilfe der Kriminaltechnik zu finden. Im Schweizer IGENEA-Institut ließ sie ihr eigenes mit hunderttausenden anderen DNA-Profilen vergleichen, um zumindest zu erfahren, woher ihre biologischen Eltern stammen.

Bis zu 60 Kinder von einem Mann

Eine ähnlich unglaubliche Botschaft hat auch Inge Herlaar zu verkraften: Ihre Mutter hatte sich einst für eine anonyme Samenspende in der Klinik des Fortpflanzungsmediziners Jan Karbaat in Rotterdam entschieden, sagte es ihrer Tochter aber erst, als Inge Herlaar schon 25 Jahre alt war. Der Mann, der sie mit viel Liebe großgezogen hatte, ist also nicht ihr biologischer Vater. Inge Herlaar überwand den Schock, indem sie sich den Spender als Superhelden vorstellte: "Nachdem man weiß, man ist ein Samenspenderkind, malt man sich seinen Vater mit allen Charakterzügen aus, überlegt, was man wohl von ihm hat", erzählt die inzwischen 36-Jährige. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Vor kurzem erfuhr Inge Herlaar ungewollt mehr über ihren biologischen Vater. Denn: Der renommierte niederländische Samenbank-Leiter Jan Karbaat, bei dem ihre Mutter die künstliche Befruchtung damals hatte vornehmen lassen, verstarb im letzten April und es kam heraus: Karbaat selbst soll jahrzehntelang heimlich seinen eigenen Samen bei Befruchtungen eingesetzt – und somit möglicherweise bis zu 60 Kinder gezeugt haben.

Inge Herlaar hat seit dem 16. Juni Gewissheit: Ihr Vater ist kein Superheld, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, sondern der Skandal-Mediziner Jan Karbaat. "Dann habe ich überlegt: Wirkt sich sein Verhalten auf mich aus? Mache ich die gleichen Dinge, bin ich genauso? In dieser Zeit  ist man sehr verletzlich", erzählt Inge Herlaar.

21 Halbgeschwister und die Frage: "Erkennen wir uns ineinander wieder?"

Das medizinische Zentrum von Karbaat namens "Bijdorp" wurde schon 2009 geschlossen. Eine Untersuchung hatte ergeben, dass viele Dokumente falsche Angaben über die Spender enthielten – und Jan Karbaat in einigen Fällen offenbar auch das Sperma mehrerer Männer gemixt hatte, um eine höhere "Trefferquote" zu erreichen.
Inge Herlaar will sich mit dem Mann, der vermeintlich ihr Vater ist, nun nicht weiter beschäftigen. Das sei ihre Art von Selbstschutz. Sie konzentriert sich auf ihr eigenes Leben als Mutter. Ihre Kinder Julien (7) und Quinten (9) allerdings sind irgendwie auch betroffen, ein Teil von ihnen stammt ebenfalls von Jan Karbaat ab. Trost und Halt geben Inge Herlaar die vielen anderen Betroffenen. "Da ist jemand, der genau das gleiche durchmacht, mit dem du eine Geschichte teilst. Es ist schön zu wissen, dass wir das hier gemeinsam durchstehen." DNA-Abgleiche mit anderen Samenspenderkindern aus der Klinik "Bijdorp" haben nämlich ergeben, dass sie noch mindestens 21 Halbgeschwister hat. Auch 21 andere Menschen sind Kinder von Jan Karbaat. Ihre vielen neuen Geschwister empfinde sie als große Bereicherung, sagt die 36-Jährige. Mit einigen von ihnen hat sie inzwischen regelmäßig Kontakt"Nichts war wichtig. Weder Bildung, noch Status noch Einkommen. Es ging nur um uns – und die Frage, ob wir uns ineinander wiedererkennen. Das war wirklich intensiv und wunderschön", erzählt Inge Herlaar.

Klinik warb mit nur sechs Kindern pro Spender

Von dem Karbaatschen Samenspende-Skandal sind auch Esther Heij und ihre Familie betroffen. Die Mutter von zwei Kindern war 32 und Single, als sie sich bei dem angesehenen Reproduktionsmediziner in Rotterdam behandeln ließ. "Es war eine Klinik und ein Mann im weißen Kittel. Das kam mir nie verdächtig vor. Ich sollte auch Fotos von mir und meiner Familie zeigen, damit der Spender zu uns passt", berichtet Esther Heij. Doch 20 Jahre später ist der Ruf der Klinik ruiniert – und auch ihre Kinder Lotte und Yonathan könnten von Jan Karbaat abstammen. Dabei hatte der Mediziner Ester Heij damals versprochen, dass ihre beiden Kinder mit 16 Jahren erfahren können sollten, wer ihr leiblicher Vater ist. Sie erhielt einen Spenderausweis mit ersten Informationen. Darin stehe: "Er war muskulös, hatte blonde Haare und blaue Augen. Er liebte Sport, Wintersport, campen… Er war optimistisch und sportlich, hat sich immer fair verhalten und liebte die Natur", so die X-Jährige. Mittlerweile hat Esther Heij zu mehr als 70 anderen Müttern Kontakt, die in Bijdorp behandelt wurden und nahezu identische Spenderausweise erhalten hatten: alles Bilderbuch-Väter. "Es war alles gefaked!"

Esther sei es wichtig gewesen, dass der Spender ihrer Kinder nicht zu viele weitere Nachkommen zeugt. Das habe sie ihren Kindern einfach nicht antun wollen. Karbaats Klinik warb damit, dass ein Spender maximal sechs Kinder zeugen dürfe. Lotte und Yonathan sind immerhin zu 100 Prozent Geschwister, sie wissen inzwischen aber auch von 13 Halbgeschwistern. Wie viele es am Ende werden, ist noch immer völlig unklar.

Kristinas Eltern stammen aus Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz

Auch Kristina aus Bregenz weiß weiterhin nicht, ob sie noch Verwandte hat – und wie viele. Ihre Mutter, die sie geboren hatte, und ihr Vater – die Eltern, die sie aufzogen – haben serbische Wurzeln. Mit dem kriminaltechnischen Herkunftsabgleich wollte sie erfahren, woher ihre biologischen Eltern stammen. Ihr eigener DNA-Abgleich mit unzähligen anderen Profilen ergab: Kristinas genetische Eltern, nach denen sie seit Jahren sucht, stammen aus der Mitte Europas, wie die Biologin Joelle Apter am IGENEA-Institut erklärt: "Sie hat ein sehr typisches mitteleuropäisches Resultat. Es waren entweder zwei Schweizer gewesen, Süddeutsche oder Österreicher. Es waren zwei Menschen, die schon seit Generationen in dieser Region Mitteleuropa leben, von denen schon die Großeltern und Urgroßeltern Mitteleuropäer waren."
Damit ist Kristina in der Herkunftsforschung zwar ein kleines Stück weiter gekommen, doch das große Nichts in ihrem Leben nagt weiter an der 26-Jährigen: "Ich kenne noch immer keinen einzigen Menschen, der mit mir verwandt ist."


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