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"Er hat uns unsere Kindheit und Zukunft genommen"

Nach dem stern TV-Bericht über schlechte Zahlungsmoral bei der Unterhaltspflicht haben sich viele Zuschauer gemeldet. Alle berichten von ähnlichen Erfahrungen. Auch Marvin und seine drei Brüder, sie mussten für ihre Bedürfnisse zum Teil selbst aufkommen.

Der 15-jährige Marvin ist wütend auf seinen Vater, der seit neun Jahren keinen Unterhalt für ihn und seine Brüder zahlt.

Der 15-jährige Marvin ist wütend auf seinen Vater, der seit neun Jahren keinen Unterhalt für ihn und seine Brüder zahlt.


So viele Reaktionen gab es selten nach einem stern TV-Bericht. Über 6000 Betroffene haben sich nach dem Beitrag über die schlechte Zahlungsmoral von unterhaltspflichtigen Eltern bei der Redaktion gemeldet – und nahmen an unserer Umfrage zum Thema teil. Fast alle sagen: Unsere Kinder bekommen nicht den Unterhalt, der ihnen zusteht. Die meisten Betroffenen: 88 Prozent Frauen, der Anteil alleinerziehender Väter, die sich bei stern TV meldeten, lag bei nur 12 Prozent. Die Hälfte der alleinerziehenden Mütter gibt an, noch nie Unterhalt erhalten zu haben, 26 Prozent nur unregelmäßig – nur 22 Prozent der Befragten bekommt den vereinbarten Betrag.

"Er hat sich dem Zugriff des Gerichtsvollziehers entzogen"

Auch Melanie L. aus Bremen hat seit der Trennung von ihrem Ex-Mann vor neun Jahren noch keinen Cent von ihm für die gemeinsamen vier Söhne erhalten. Sie fühle sich mit den finanziellen Problemen und Sorgen alleine gelassen: "Man muss jeden Monat gucken, wie man überlebt", so die 36-Jährige. "Dass man vier Kinder hat, ist schon eine große Herausforderung. Dazu kommt, dass es Trennungskinder sind und sie schließlich auch Bedürfnisse und Wünsche haben."

Melanie L. unternahm unzählige Versuche, den Kindesunterhalt von ihrem Ex-Mann zu bekommen, ging zum Jugendamt, nahm sich einen Anwalt und erstattete Anzeige. "Ich weiß nicht genau, warum er nicht zahlen will oder kann", sagt sie. "Ich weiß dass er als LKW-Fahrer arbeitet. Und ich weiß, dass er sich unter anderem ein Auto leisten kann, und dass er sich einen Urlaub in der Türkei leisten kann. Aber Unterhalt zahlen kann er nicht?"

Der Anwalt von Melanie L. kennt die Tricks des Vaters ebenso seit Jahren, er sagt: "Der Ex-Mann hat sich durch verschiedene Maßnahmen dem Zugriff des Gerichtsvollziehers entzogen, indem er beispielsweise seine Wohnung gewechselt hat, seinen früheren Nachnamen wieder angenommen oder den Nachnamen gänzlich vom Klingelschild und Briefkasten entfernt hat, so dass er nicht aufgefunden werden konnte."

Der einst liebevolle Familienvater brach den Kontakt zu seinen Söhnen komplett ab, was vor allem bei dem 15-jährigen Marvin Spuren hinterließ. Anfangs sei er einfach nur enttäuscht gewesen, doch mittlerweile sei es große Wut: "Dass ein Mensch wirklich so grausam sein kann und seinen Kindern sozusagen die Zukunft und ihre Kindheit nimmt", sagt er. "Ich finde, das ist einfach unmenschlich, was er tut." Zwei der vier Brüder zeigten den eigenen Vater wegen Verletzung der Unterhaltspflicht an, doch auch das half nichts. Am meisten leidet der schwerbehinderte Malte unter der Situation. Der 14-Jährige leidet an der Generkrankung Tuberöse Sklerose und epileptischen Anfällen. Die fehlende Fürsorge des Vaters wiegt bei ihm noch schwerer, als der fehlende Unterhalt, den er auch für eine Betreuung und seine Therapie bräuchte. "Er hat ihn einfach alleine gelassen, mit all seinem Kummer und all seinen Sorgen", sagt die Mutter.

Die Umfrageergebnisse im Detail
Ich bin: alleinerziehende Mutter - oder alleinerziehender Vater? Insgesamt haben diese erste Frage 7.151 TeilnehmerInnen beantwortet. Dem deutschen Durchschnitt entsprechend waren es nur gut 10 Prozent der Väter, bei denen die Kinder leben, knapp 90 Prozent der befragten sind alleinerziehende Mütter.

Ich bin: alleinerziehende Mutter - oder alleinerziehender Vater? Insgesamt haben diese erste Frage 7.151 TeilnehmerInnen beantwortet. Dem deutschen Durchschnitt entsprechend waren es nur gut 10 Prozent der Väter, bei denen die Kinder leben, knapp 90 Prozent der befragten sind alleinerziehende Mütter.

Trotz Haftstrafe keine Unterhaltszahlung

Ähnliches berichtet Karin K., die 13 Jahre lang als Alleinerziehende vor Gericht vergeblich um den Unterhalt für ihre zwei Töchter kämpfte. Ihr Ex-Mann habe, als die jüngste Tochter sechs Jahre alt wurde, plötzlich aufgehört zu zahlen. Er habe es nicht eingesehen, für das Mädchen 50 Euro mehr zu bezahlen. "Er stand vor dem Gerichtssaal mit dem Worten 'Und jetzt zahle ich gar nichts mehr. Ich stelle die Zahlungen komplett ein. Ich habe keinen Bock mehr darauf zu zahlen'. Und das hat er dann auch getan", berichtet Karin K.

Beiden Töchtern hätten bis heute 76.000 Euro Unterhalt zugestanden. Der Kindesvater lebt mittlerweile auf Mallorca, immer wieder unter unbekannter Adresse. "Er war für mich und für die Gerichte teilweise gar nicht greifbar", so die 49-Jährige. Karin K. hat inzwischen drei Strafanzeigen gegen den Vater ihrer Töchter gestellt. 2008 wurde er wegen der Verletzung der Unterhaltspflicht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und musste sogar vier Monate in Haft. Doch der Unterhalt blieb auch danach weiterhin aus. Für Karin K. steht fest: Er hat das bewusst so gemacht. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: Der Vater sei finanziell nicht in der Lage Unterhalt zu zahlen, deshalb wurde das Verfahren gegen ihn nun eingestellt.

Von der Mutter sitzen gelassen

Einer der wenigen alleinerziehenden Väter ist Thomas W. mit seinen drei Kindern Katja, Richard und Tobias. Seine Ex-Frau verließ die Familie vor vier Jahren von einem auf den anderen Tag. "Als ich abends heim kam, waren Frau und Kinder weg!", erzählt Thomas W. Da das Jugendamt befürchtete, die Kinder könnten bei der Mutter verwahrlosen, bekam der 46-Jährige das alleinige Sorgerecht. Die Kindesmutter hat bis heute keinen Cent Unterhalt bezahlt – allen Strafanzeigen zum Trotz. "Ob sie jetzt die volle Summe bezahlen müsste oder würde, sei dahin gestellt. Aber doch wenigstens einen Teil. Für die Kinder, ein bisschen Taschengeld", fordert Thomas W. Stattdessen verweigere sie jeglichen Kontakt zu ihren drei Kindern. Der Alleinerziehende und seine drei Kinder müssen nun umziehen, da der Vater einen besser bezahlten Job gefunden hat. Trotz Fahrlehrergehalt reichte das Geld für die vierköpfige Familie oft nicht aus: "Teilweise war es sogar so, dass die Drei mir am Ende des Monats Geld zurück leihen mussten, von ihrem Taschengeld!".
Die Mutter ist im Sportstudio ihres neuen Freundes offiziell auf 450-Euro-Basis angestellt – in Deutschland zu wenig, um Unterhalt zahlen zu müssen. Denn dazu ist nur verpflichtet, wer selbst genug zum Leben hat. Bei Berufstätigen liegt die Einkommensgrenze dafür bei 1080 Euro, bei Arbeitslosen sind es 880 Euro Selbstbehalt.

"Ich habe die Zahlung verweigert, weil ich meine Tochter nicht sehen darf"

Das Problem, dass der Ex-Partner ein zu geringes Einkommen hat, kennen laut stern TV-Umfrage 18 Prozent. 34 Prozent vermuten hingegen, dass das wahre Einkommen absichtlich verschleiert wird.  44 Prozent der Nichtzahler sollen die Unterhaltspflicht ignorieren und 4 Prozent einfach nicht auffindbar sein. Absicht, oder nicht? Mancher fall liegt vielleicht so wie der von Wido S. Er hat seine Tochter Kimberly seit acht Jahren nicht mehr sehen dürfen – und deswegen zahlt er nicht, obwohl er könnte. "In all den Jahren war ich nur ein halbes Jahr arbeitslos, ich war fast durchgehend arbeitstätig. Hatte mein Einkommen und hatte die Grenze locker erreicht, so dass ich hätte zahlen können", so der 31-Jährige. "Aber ich habe es einfach verweigert, weil ich meine Tochter nicht sehen darf."


Das Paar trennte sich ein Jahr nach Kimberlys Geburt, Wido S. zog für seine Ausbildung in eine andere Stadt. Sie hätten sich im Guten getrennt, erzählt er. Es galt die Vereinbarung, dass er seine Tochter jederzeit besuchen könne, es seien regelmäßige Treffen und die finanziellen Mittel besprochen gewesen, "aber leider Gottes kam es nach mehreren Versuchen niemals zu einem Treffen. Das wurde immer wieder unterbunden – entweder tagesaktuell oder kurz vorher."

Die Haltung von Wido S. polarisiert, denn immerhin ist das Geld für seine Tochter bestimmt. Keine Zahlung, um den Ex-Partner zu bestrafen? Das kennen viele betroffene Alleinerziehende. Doch Wido S. steht zu seinem Handeln: "Klar, das schlechte Gewissen ist da. Aber sie hätte ja sagen können: 'Ok, wir sehen uns, wir treffen uns, wir kommen auf einen Nenner.' Das muss die Mutter sich selbst mit ankreiden." Wido S. erzählt, er habe in den ersten Jahren jährlich Post vom Jugendamt erhalten, mit der Bitte, seine Einkommensverhältnisse offen zu legen. Er habe nie darauf reagiert. Nach einigen Jahren blieben die Briefe aus.

Wido S. vermisst seine Tochter trotzdem sehr, denke abends im Bett an sie und würde gerne viele Erlebnisse mit ihr teilen, sie groß werden sehen. "Es ist meine Tochter. Und man träumt davon, dass es den Moment geben wird – ob sie nun zehn, acht, fünf oder 16 ist – dass sie zu dir läuft und dich in den Arm nimmt." Deshalb lässt der Vater weiterhin nicht locker und sucht regelmäßig den Kontakt zu Kimberlys Mutter. Er ruft an, schickt Pakete, schreibt Briefe und fragt, wie es seiner Tochter geht. Bis heute gibt es keine Annäherung. Wann es mit einem Treffen klappt, weiß Wido S. nicht. Alles, was er von Kimberly hat, sind Erinnerungen an die erste Zeit und ein Foto, das er seit acht Jahren bei sich hat. Den Unterhaltsvorschuss des Jugendamtes für seine Tochter muss er inzwischen zurückzahlen: Es sind mehr als 10.000 Euro.

Wie stehen Sie dazu?

Unzählige Alleinerziehende warten vergeblich auf die Unterhaltszahlungen des anderen Elternteils. Manche können nicht zahlen, andere wollen einfach nicht und drücken sich davor, für die Kinder aufzukommen.

Wie stehen Sie zu den beschriebenen Fällen? Haben Sie eigene Erfahrungen damit? Dann diskutieren Sie hier unten auf der Seite mit – oder nehmen Sie an unserer Umfrage zum Thema teil. Sie können auch eine E-Mail schreiben an: unterhalt@sterntv.de

Kommentare (10)

  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe Zuschauer, wir bedanken uns für die Diskussion und Ihre Erfahrungen zu diesem so brisanten Thema. Die Kommentare werden für heute nun geschlossen. Sie können gerne auf unserer Facebook-Seite weiter diskutieren - oder ein E-Mail schreiben an: unterhalt@sterntv.de
  • Fremder
    Fremder
    Ich zahle bereits im zwanzigsten Jahr Unterhalt für drei Kinder aus zwei Ehen. Die ältesten Töchter sind mittlerweile erwachsen und eine Tochter hat bereits selber ein Kind. Ich zahle im Moment nur noch für den bald 16 jährigen Sohn. Habe anfangs Jahre lang immer am Existenzminimum leben müssen. Meine erste Frau hat damals schnell wieder geheiratet mit ihrem Mann schnell ein Haus gekauft, sind zwei mal im Jahr in Urlaub geflogen. Es ist tatsächlich so das ich mit den knapp 1100 Euro Selbstbehalt kaum klar kam. Während meiner Zweiten Ehe war es tatsächlich so das, dass Einkommen meiner zweiten Frau hätte zum gemeinsamen Einkommen und somit zum erhöten Kindesunterhalt hätte zählen können. Das finde ich echt ein Unding. Nach dem scheitern der zweiten Ehe hat mein vorhandenes Gehalt nicht für drei untehaltpflichtige Kinder gereicht. Es wurde eine soganante Mangelfallberechnung vorgenommen wo die Kinder das ihnen zustehende Geld anteilig bekommen haben...... Es ist führ den zahlenden vedammt schwierig selber wieder eine neue Familie zu gründen da er Unterhalt zahlen muss, während die Empfängerin in einer neuen Familie gut versorgt ist.
  • HugoMeier
    HugoMeier
    Hallo,

    ich zahle jetzt auch schon seit über 3 Jahren Unterhalt und komme den auch nach.

    Meine Frage.....
    Warum wird das Gehalt von dem Partner wo das Kind lebt NICHT mit anberechnet?
    Sie hat sogar ein höheres Einkommen als ich und ist eigentlich gar nicht auf dem Unterhalt angewiesen.
    Versteh da irgendwie die Logik nicht und fühle mich da abgezockt
  • Sybille
    Sybille
    Ich habe eine Frage: eine Dame hat geäußert, dass im Falle einer erneuten Heirat der neue Ehemann für die Kinder zahlen muss. Ist das richtig?? Mein Mann hat Unterhalt zahlen müssen, obwohl seine Exfrau schon länger in 2. Ehe verheiratet war.
  • Chris1970
    Chris1970
    Dann ist da was schief gelaufen. Ihr Mann hätte die Zahlungen bei der Heirat seiner Ex-Frau einstellen können.

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