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Schockbilder aus einem niedersächsischen Betrieb offenbaren Ferkel-Qualen

Kaum jemand denkt darüber nach, woher die Schweine in den Mastbetrieben stammen: aus der Ferkel-Aufzucht. Dort werden die Jungtiere in sich immer wiederholenden Zyklen von Sauen geboren und gesäugt. Als ob das nicht schlimm genug wäre, zeigen die Bilder aus diesem Betrieb in Niedersachsen, unter welchen Qualen die Ferkel mitunter leiden.
 

Schockbilder aus einer Ferkel-Aufzucht in Niedersachsen: Einige der erst wenige Tage alten Ferkel leiden unter tiefen Wunden und Krankheiten.

Schockbilder aus einer Ferkel-Aufzucht in Niedersachsen: Einige der erst wenige Tage alten Ferkel leiden unter tiefen Wunden und Krankheiten.

Ferkel, die wenige Minuten nach der Geburt qualvoll verenden, junge Schweine, die unter Krankheiten und Entzündungen leiden, Ferkel mit offenen Wunden, die sich kaum auf den Beinen halten können - solche Bilder möchte niemand sehen. Und doch gibt es diese Zustände. "Seit über 18 Jahren dokumentiere ich Zustände in der industriellen Massentierhaltung. Aber das ist mit das Schlimmste, was ich je gesehen habe", sagt Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro e.V. Der Verein hatte stern TV die schockierende Aufnahmen aus einer niedersächsischen Ferkel-Aufzucht zugespielt: Sie zeigen, wie Tiere unter verheerenden Zuständen in sich wiederholenden Zyklen geboren werden, Totgeburten sind an der Tagesordnung. Die Muttersauen sind dabei eingepfercht in viel zu kleinen Boxen, es mangelt an Hygiene, die Jungtiere leiden, werden misshandelt oder unsachgemäß getötet, teilweise sogar lebendig im Müll entsorgt.

"Man sieht die Tiere nicht mehr als fühlende Wesen, sondern als Produkt"

Die Tierschützer hatten die Aufnahmen über einen Zeitraum von fünf Monaten an sieben verschiedenen Terminen mit mehreren teils versteckten Kameras gemacht. "Daran wird deutlich, dass es hier nur um die Ware Tier geht, einzelne Tiere haben keine Chance, man sieht sie als Produkt. Man sieht sie nicht mehr als fühlende Lebewesen und dementsprechend wird mit ihnen umgegangen", sagt Tierschützer Jan Peifer. "Es geht um Profit, um Geld und um nichts anderes."

stern TV hat die Aufnahmen Diana Plange, Fachärztin für Tierschutz und Tierschutzethik in Berlin, gezeigt. Eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber Schweinen und Ferkeln machte auch die Tierärztin, die nach eigenen Worten in jener Hinsicht viel gewohnt ist, einfach fassungslos: "Das einzelne Tier scheint hier keine Bedeutung zu haben", sagt sie. Sie habe schon einiges gesehen, "aber es ist wohl immer noch eine Steigerung möglich."


Klare Verstöße gegen das Tierschutzgesetz

Die Tierschützer haben zwischen Dezember 2016 und Mai 2017 fünf Nächte in dem betreffenden Ferkel-Zucht-Betrieb gefilmt. Zweimal installierten sie versteckte Kameras, die das Vorgehen im Stall dokumentierten. Unter anderem zeichneten sie am 24. April auf, wie verendende Ferkel an den Hinterläufen gepackt und auf den Stallboden geschlagen wurden. Ein Ferkel wurde noch lebend in die Mülltonne geworfen. Auf den Bildern ist zu erkennen, dass sich das Tier noch bewegte, bevor ein weiterer Kadaver auf das Ferkel geworfen wurde. Ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. "Das Tier ist definitiv noch bei Bewusstsein", stellt Diana Plange anhand der Aufnahmen fest. "Es ist vorgeschrieben, dass die Tiere mit einem Holzstock betäubt und dann entblutet werden. Und hier werden sie einfach auf einen Betonboden geschlagen – in der Hoffnung, dass sie dann tot sind. Doch das funktioniert ja offensichtlich nicht. Und die Mitarbeiterin kontrolliert noch nicht einmal nach, ob die Tiere tot sind, sondern schmeißt sie einfach in einen Eimer. Es ist erschreckend."

stern TV hat den Hof zusammen mit Jan Peifer vom Deutschen Tierschutzbüro e.V. aufgesucht, um mit einem Verantwortlichen über die Aufnahmen zu sprechen. Doch dort reagierte man nicht. Das telefonische Angebot an den Geschäftsführer, ihm die Bilder zu zeigen und dazu Stellung zu beziehen, lehnte er ab. Stattdessen erhielt die Redaktion kurz darauf eine schriftliche Antwort einer Anwaltskanzlei auf die Fragen zu den dokumentierten Vorfällen. Darin heißt es: Unsere Mandantin hat bereits seit 2015 ein CO2-Gerät zur Nottötung von Saugferkeln im Einsatz, das die schmerzlose Betäubung und Tötung in solchen Fällen mittels CO2 ermöglicht. (…)Tierschutzwidrige Tötungen von Ferkeln (…) würden von unserer Mandantin nicht hingenommen oder geduldet.

Ein Widerspruch zu den Aufnahmen vom 24. April.

Nach eigenen Angaben werden in dem Betrieb 2.400 Muttersauen gehalten, die Ferkel regelrecht produzieren. Die Jungtiere werden nach etwa drei Wochen von den Müttern getrennt und an Mastbetriebe weiterverkauft. Die Sauen verbringen den Großteil ihres kurzen Lebens in so genannten Kastenständen, sowie in Abferkelbuchten – in der Ferkelzucht üblich und erlaubt. Doch die Kastenstände müssen für die Sauen eine Mindestgröße haben, um Verletzungen zu vermeiden. In dem Betrieb sind sie zum Teil nur 60-70 Zentimeter breit, obwohl die Muttertiere 80 bis 90 Zentimeter groß sind. "Die sind aus einer Zeit, als die Sauen noch kleiner waren", sagt Diana Plange. "Und der Abferkelkäfig muss so groß sein, dass sich die Sau bewegen und ausstrecken kann."

Muttersauen und Ferkel bei der Geburt sich selbst überlassen

Die Tierschützer fanden in dem Betrieb auch ein Medikament, das die Geburten der Muttertiere einleitet. Demnach ist den Mitarbeitern des Hofs bekannt, wann Ferkel geboren werden. In der Nacht vom 23. auf den 24. April machten die Aktivisten Aufnahmen, als mehrere Sauen geworfen hatten: Zahlreiche totgeborene und verendende Ferkel lagen auf dem Boden, eingequetscht in einem Bodenspalt oder gefangen in der Eihülle, aus der auch die eingepferchte Mutter sie nicht befreien konnte. Es war niemand dort, der den gerade geborenen Ferkeln half. Die Fachtierärztin Diana Plange kritisiert das scharf: "In der Zeit, in der die Sau gebärt, ist das auch für das Tier höchst anstrengend. Und wenn der Landwirt die Geburt einleitet und vorher weiß, wann das ist und nicht dabei ist – das ist eine grobe Vernachlässigung der Tiere und durch nichts erklärbar oder entschuldbar."

In der Stellungnahme des Anwalts heißt es dazu: Sollten Mitglieder einer selbsternannten „Tierrechtsgruppe“ ausnahmsweise bei einem nächtlichen Hausfriedensbruch im Stall Zeuge eines nicht von Mitarbeitern begleiteten Geburtsvorgangs geworden sein, würde ein solcher Geburtsvorgang eine Ausnahmesituation darstellen, die sich letztlich nie ganz ausschließen lässt.

Allerdings hatten sich die Vorgänge in der Folgenacht wiederholt – und wieder war kein Angestellter dort, um den Tieren zu helfen.

Die Muttersauen würden es tun, so ist ihr Naturell als Säugetier. Die engen Kastenstände der Abferkelboxen aber hindern sie daran, sich um ihre Ferkel zu kümmern oder gar Kontakt aufzunehmen. Noch dazu kann die Sau aufgrund der Enge nicht verhindern, dass die Ferkel in ihre Zitzen beißen, die sich dann entzünden. "Es sind hochschmerzhafte Verletzungen bei den Muttersauen zu sehen, an den Klauen, am Gesäuge, mit Abszessen und Druckstellen", sagt Diana Plange. Dabei hätten Schweine das gleiche Schmerzempfinden, wie Menschen. "Wenn man diese Verletzungen sieht, dann leiden diese Tiere heftig – über einen längeren Zeitraum." Einige Sauen und Ferkel zeigten auf den Bildern der Tierschützer allerlei Verletzungen und tiefe Entzündungen. "Gerade diese Wunden sind natürlich auf die Haltung zurückzuführen, wenn die Tiere in so einem Käfigverschlag gehalten werden", sagt Tierschützer Jan Peifer. "Es macht einen einfach fassungslos, wenn man sieht, wie eng die Tiere dort stehen müssen. Und diese Gleichgültigkeit, wie diese Tierhalter damit umgehen, das ist sicherlich etwas, das man nicht vergessen wird!"

Dokumentierte Zustände leider keine seltenen Ausnahmen

Der Gründer und Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbüros hat wegen der Verstöße gegen das Tierschutzgesetz, die Tierschutznutztierverordnung und die Schweinehaltungshygieneverordnung, die der Verein dokumentieren konnte, gegen die Betreiber des Hofs Anzeige inzwischen erstattet. Auch Diana Plange will sich als Tierethikerin weiterhin dafür einsetzen, dass sich die Bedingungen in der Massentierproduktion ändern. Es sei leider auch nicht angemessen, dass immer nur von wenigen "schwarzen Schafen" gesprochen werde: "Die tierverachtende Praxis ist unter Landwirten leider weit verbreitet."

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Kommentare (25)

  • Conny Koch
    Conny Koch
    Ich finde es einfach nur schlimm, wie der Berufsstand der Landwirte wieder einmal dargestellt wird. Ist es dass, was der Verbraucher sehen will ? Es wird immer nur negatives gezeigt, immer nur die schwarzen Schafe. Es geht aber auch anders.
    Wir haben einen Schweinemast Betrieb im Nebenerwerb und sind sehr darauf bedacht, dass es unseren Tieren gut geht. Die Ferkel kaufen wir bei uns im Ort, stallen sie bei uns ein - wir haben Strohschweine - ,dass heisst, keine Spaltenböden. Wenn sie schwer genug sind, kommt der Metzger aus dem Nachbarort (12Km) und holt sie ab. Auch hier, kurze Transportwege !!!
    Hier kommt keiner vorbei und fragt mal ob er filmen kann. Bei uns könnten sie sogar am Tag rein, und müssten nicht mit versteckter Kamera arbeiten.
    Da frag ich mich, geht es bei den Tierschützern wirklich um Tierliebe oder ist es gar Sensationslust. Und dann der Aufruf, man soll Vegetarier werden oder gar Veganer.
    Wenn es keine Landwirte mehr gibt, wo kommt den dann das Brot und die Brötchen her. Wer erzeugt denn die Lebensmittel ? Grillen tut auch fast jeder gern.
  • Inga. S
    Inga. S
    Das stimmt nicht ganz. Natürlich überwiegen die negativen Berichte und decken somit die fürchterlichen Missstände auf aber es gibt auch sehr positive Berichte über Landwirte und jedem sollte klar sein, dass es nicht nur schwarze Schafe gibt. Ich finde es sehr gut, dass Sie darauf achten ,das es Ihren Tieren bis zum Tag "x" gut geht aber leider denken nicht Landwirte so wie Sie. Und vielen Verbrauchern ist es egal und unterstützen somit die "schwarzen Schafe" und nicht den Landwirt, der auf das Tierwohl und letztendlich auf Qualität setzt.
  • Maria
    Maria
    So jetzt will ich meinen Standpunkt vertreten: Wer kann beweisen, dass dieses Filmmaterial den wahren Tatsachen entspricht? Wie kann es sein, dass ein Verein durch fünfmaligen Einbruch Zugang in ein und derselben Sauenanlage erhält, fünf Kameras aufbauen kann, ohne dass es von den Betriebsangehörigen bemerkt wird. Werden hier womöglich die Mitarbeiter des Betriebes von diesen Vereinen mit in deren Aktion eingebunden ? Und vielleicht so mit eingebunden, dass diese auf Anweisung des Vereins arbeiten ?
    Nach meiner Meinung ist letztendlich jeder Landwirt bereit, Auskunft auf vernünftige Fragen zu geben und seinen Betrieb in einem geordneten Dialog vorzustellen.
    Die Medien stellen heute das Tierwohl vor Menschenwohl. Menschenelend vor der Haustür will man dem Anschein nach nicht mehr sehen. Ist nicht attraktiv genug für die Politik und das Fernsehen.
    So jetzt hab ich mir mal Luft gemacht !!!

  • Franz Sales
    Franz Sales
    Leider würde es auch nicht viel bringen, wenn Deutschland im Alleingang die Gesetze ändert, denn aus dem umliegenden EU-Raum würde weiterhin solches Fleisch auf den Markt kommen. Ein weiterer Grund, weshalb ich als Schweizer froh bin, dass wir nicht EU-Mitglied sind. Von den langen Transportwegen für Schlachtvieh gar nicht zu sprechen...
  • Anonym1971
    Anonym1971
    diese Szenen sind grausamer Alltag in Ferkelproduktionsbetrieben. Ich habe den Beruf vor mehr als 20 Jahren erlernt und in mehreren Betrieben mit verschiedenen Betriebsgrößen gearbeitet (von 230 Sauen bis 460 Sauen)in KEINEM der Betriebe wurde den Tieren eine artgerechte Haltung , Behandlung geschweige denn Tötung ermöglicht. Das Gesetz schreibt vor, dass Tiere die nicht mehr transportfähig sind oder Blut verlieren nicht mehr transportiert werden dürfen, dies schließt also aus, dass Tiere zum Notschlachten zum nächsten Schlachthof transportiert werden dürfen. Um Kosten für eine fachmännische Tötung von Sauen zB. bei Gebärmuttervorfall oder Lahmheiten zu sparen, töten die Landwirte ihre Sauen und Mastschweine selbst unter qualvollsten Bedingungen , (z.B Bolzenschuss saß nicht, nachgeschossen, Tier stirbt nicht, Halsschlagader aufgeschnitten und elendlich verbluten lassen !!!) da hier die Fachkenntnisse einfach fehlen ! Auch das nachts bei den Abferkelungen kein Mitarbeiter vor Ort ist, ist üblich. Man nimmt die Verluste in Kauf. Solange keine verschärften Kontrollen durchgeführt werden und die Gesetze nicht verschärft werden und solange Fleisch zu Dumpingpreisen verkauft wird, wird sich das nicht ändern. Ich bedauere, dass ich bis heute keinen Betrieb finden konnte, der den Tieren ein würdevolles Leben bietet. Und.... ein Ferkel zu retten, ist an sich ein Widerspruch , wofür? Für ein qualvolles kurzes Leben ??? Ich kann meinen Beruf genau aus diesem Grund nicht mehr ausüben. Moralisch nicht vertretbar !

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