HOME

Schulen fordern "Deutschpflicht" auf Pausenhöfen

An vielen Schulen in Deutschland werden Kinder mit ganz verschiedenen Muttersprachen unterrichtet. Einige Schulen fordern nun, dass alle Schüler während der Schulzeit durchweg deutsch miteinander sprechen. Auch in den Pausen. Ein guter Ansatz? Die Debatte bei stern TV.

  An der Herbert-Hoover-Schule in Berlin haben 92,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund und stammen aus insgesamt 36 verschiedenen Nationen.

An der Herbert-Hoover-Schule in Berlin haben 92,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund und stammen aus insgesamt 36 verschiedenen Nationen.

In der Berliner Herbert-Hoover-Schule werden 450 Schüler unterrichtet. 92 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Und doch sprechen sie alle nur deutsch, sobald sie das Schulgelände betreten – selbst auf dem Pausenhof und in der freien Zeit. "Nur dann leben sie auch in dieser Sprache", so das Argument der Schulleiterin Jane Natz. Deutsch als Sprache miteinander verlangt die Schulordnung, dort steht unter Punkt 6: Ich spreche im Unterricht während der Schulzeit (auch in den Pausen und bei schulischen Veranstaltungen) ausschließlich Deutsch.

"Es darf nicht in das Freizeitverhalten eingegriffen werden"

Die Schülerinnen und Schüler der Hoover-Schule und deren Eltern haben das unterschrieben. "Das ist eine Selbstverpflichtung, der erste Vertrag, den die Schüler unterschreiben", so Jane Natz. "Wer an diese Schule kommt, weiß das. Und wer nicht Deutsch sprechen möchte, müsste sich an einer anderen Schule anmelden."

Darf eine Schule verlangen, dass Migrantenkinder auch in der Pause Deutsch sprechen? Immer mehr Schulen in Deutschland stellen diese Überlegung zur Debatte – und erhielten Gegenwind. Zum Beispiel vom Türkischen Bund Berlin: Eine Schule dürfe Deutsch sprechen nicht vorschreiben. "Die Pausen sind dazu da, dass die Kinder sich erholen. Dazu gehört auch, dass sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten können. Solange sie keine Scheiben einschmeißen, ist doch alles in Ordnung. Wir sind dagegen, dass das von oben erzwungen wird und dadurch in das Freizeitverhalten eingegriffen wird", sagt Safter Cinar vom Türkischen Bund. In Berlin leben etwa 250.000 türkischstämmige Menschen, die die Türkisch ihre Herkunftsprache ist. In vielen Familien wird auch zu Hause türkisch gesprochen. Safter Cinar findet es empörend, dass das in der Schule nicht mehr möglich sein soll. Er sagt: "Das ist Diskriminierung und Respektlosigkeit gegenüber den Kindern. Dieses Muttersprachenverbot motiviert nicht gerade, sich der Gesellschaft gegenüber zu öffnen."
Die Schulleiterin der Hoover-Schule hält dagegen, genau das Gegenteil sei der Fall: "Wenn man die Sprache nicht spricht, und ausgegrenzt wird, wird man diskriminiert."

Gemeinsame Sprache vermeidet Missverständnisse und Konflikte

In der Vergangenheit galt die Hoover-Schule als Problemschule: Es bildeten sich Gruppen und es kam ständig zu Missverständnissen, die eskalierten, erinnert sich der ehemalige Schulsprecher, der Pakistani Asad Suleman: "Dadurch dass sie immer verschiedene Sprachen gesprochen haben, dachten sie untereinander oft: 'Die lästern über mich oder uns'." Weil der leidensdruck für die Schüler groß war, überlegte sich Suleman gemeinsam mit den Lehrern, wie sich diese Streitereien vermeiden lassen könnten. 'Lass uns einheitlich auf Deutsch reden', habe er zu den anderen Schülern gesagt. "Und dann haben sie es auch mir zu Liebe und um die Sprache zu verbessern getan. Damals war die Sprache nicht optimal für uns, wir konnten sie nicht perfekt", so Asad Suleman, der inzwischen BWL studiert. Asads Deutsch und das seiner Mitschüler verbesserte sich damals enorm. Mittlerweile herrscht an der Hoover-Schule eine andere Stimmung. Die gemeinsame Sprache sei der Grund dafür, dass es auf dem Schulhof friedlicher zu geht, ist sich Jane Natz sicher: "Wenn ich mitbekomme, dass die Kinder sich in ihrer Sprache beleidigen, sage ich: 'Bitte auf Deutsch'. Dann müssen sie lachen und die Luft ist raus aus dem Konflikt." Safter Cinar vom Türkischen Bund hingegen sieht durch die Vorschrift die Grundrechte der Kinder eingeschränkt. Konflikte müssten von den Lehrern gelöst werden, sagt er. 

Die Schüler auf der Hoover-Schule sehen das offenbar anders. Sie akzeptieren die "Deutschpflicht" ihrer Schule: "Wir sind aus so vielen Ländern und uns verbindet die deutsche Sprache", sagt zum Beispiel Doha. Der 12-jährige Aziem findet: "Das ist normal für mich. Wir wollen in Deutschland leben, da steckt Deutsch ja drin." Der Junge spricht in der Schule deutsch, nachmittags unterhält er sich mit seinen Eltern und der Familie ausschließlich pakistanisch. Vater Mohamad Afzal lebt seit 38 Jahren in Deutschland und begrüßt es, dass die Schule seiner Kinder strenge Regeln hat, er sagt: "Die gehen ja auch eine Bildungsvereinbarung ein. Sie sagen 'Lieber Direktor. Ich möchte was lernen. Und dann halte ich mich an die Regeln'."

"Deutschpflicht" auf allen Schulhöfen?

Doch können oder sollten nun alle Schulen in Deutschland eine solche Regel einführen? Könnte das ein Zukunftsmodell für Integration werden oder handelt es sich um Diskriminierung? Sie haben uns Ihre Meinung dazu gesagt: In den zahlreichen Kommentaren hier auf der Seite - und in unserer Abstimmung. An der Online-Umfrage, ob es eine solche "Deutschpflicht" auf Schulhöfen geben sollte, haben sich mehr als 15.000 Zuschauer beteiligt. Teilnehmer, deren Mutter- bzw. Herkunftssprache nicht Deutsch ist, haben wir gesondert befragt. Das ist das Ergebnis:

Sollte es eine Deutschpflicht auf Schulhöfen geben?


JANEIN
Alle Teilnehmer93 %7 %
Teilnehmer, deren Muttersprache nicht Deutsch ist83 %17 %
Teilnehmer, deren Muttersprache nicht Deutsch ist - und die zu Hause nicht deutsch sprechen76 %24 %





Kommentare (194)

  • Womit
    Womit
    Hätten mehr türkische Mitbürger in ihrer Kinder und Jugendzeit Deutsch gesprochen, dann hätten sie heute nicht solche Schwierigkeiten sich zu integrieren.
  • stern TV-Redaktion
    stern TV-Redaktion
    Liebe stern TV-Zuschauer,
    wir bedanken uns für die angeregte Debatte. Deutlich wird, wie viel Diskussionsstoff in dem Thema noch steckt. An dieser Stelle werden die Kommentare nun für heute geschlossen. Wer möchte, kann auf unserer Facebook-Seite weiter diskutieren oder eine E-Mail schreiben an: info@sterntv.de
    Allen eine gute Nacht!
  • Sylke 13
    Sylke 13
    Das ist wieder typisch türkisch, ich sag nur Erdogan.
    Die anderen Nationen haben doch kein Problem damit.
  • Izabela
    Izabela
    Die Deutschpflicht auf dem Schulhof sollte in allen Schulen eingeführt werrden. Die Schule ist nicht privat, und da zählt auch der Schulhof dazu. Und nur so lernen die Kinder die deutsche Sprache gut und beugen gleizeitig einer Gettoisierung vor. Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern, als wir sogar auf dem Nachhauseweg stolz englisch gesprochen haben, um die Kenntnisse deer neu erlenten Sprache zu vertiefen.
    Die Muttersprache zu kultiviern ist doch schließlich Aufgabe der Familie. Menschen mit der Meinung von Herrn Cinar tragen dazu bei, dass sich bei uns lebende ausländische Mitbürger wohl nie richtg integrieren werden.
  • Arco
    Arco
    Die Herbert-Hoover-Schule agiert sehr VORBILDLICH mit ihrem "Deutsch-Gebot"! In Anbetracht der extrem multikulturellen Durchmischung der Schülerschaft kann das nur zum Vorteil aller Schüler und Ihrer Zukunft in Deutschland sein. Wenn argumentiert wird das Ganze sei "rechtswidrig" oder "diskriminierend" dann ist das schlichtweg FALSCH. Die Schüler haben vor und nach der Schule (in ihren Familien) noch genügend Zeit sich in einer eigenen Sprache zu unterhalten. Diese Zeit macht sogar den Löwenanteil aus!

    Sprache ist das A und O zu einer erfolgreichen Zukunft und Integration! Daher sollte man dieses Konzept auch auf andere Schulen ausweiten. Ich sage das als jemand der auch solch eine stark durchmischte Schule in Berlin-Neukölln besucht hat und ebenfalls einen Migrationshintergrund aufweist. Im Alter von 5 Jahren habe ich kaum ein Wort Deutsch gesprochen und heute nach Abitur u. Studium stehe ich sehr erfolgreich im Berufsleben. Ich fühle mich deutsch und bin trotzdem meinem Geburtsland sehr verbunden!

Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools