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Wie Ilka Bessin das Leben in der "Platte" erlebte

Arbeitslos, alleinerziehend, ohne Perspektive: Für viele Bewohner der Plattenbausiedlung in Halle-Neustadt ist das die bittere Realität. Auch Ilka Bessin kennt diesen Alltag aus ihrer Kindheit. Für stern TV ist die Schauspielerin in die "Platte" gezogen und hat mit den Menschen dort gelebt.

Leben in der Platte: Ilka Bessin besucht sozialen Brennpunkt in Halle-Neustadt

Leben in der Platte: Ilka Bessin besucht sozialen Brennpunkt in Halle-Neustadt

Halle-Neustadt ist bekannt für seine Hochhäuser mit unzähligen Wohnungen, von denen mittlerweile Hunderte leer stehen und verwahrlosen. Einst ein Vorzeigeprojekt der DDR, ist die "Platte", wie sie hier heißt, heute ein sozialer Brennpunkt. Wer hier lebt, hat es nicht leicht. Die meisten Bewohner können das Geld selbst für diese einfachen Wohnungen kaum aufbringen. Viele leben in Langzeitarbeitslosigkeit und ohne Perspektiven.

Auch Ilka Bessin, die jahrelang als "Cindy aus Marzahn" auf der Bühne stand, kennt einen solchen Alltag. Die 45-Jährige ist selbst in einfachen Verhältnissen in der DDR groß geworden, war vor ihrer Schauspielkarriere mehrere Jahre arbeitslos. "Man sitzt zu Hause. Erst zwei, drei tage, dann drei Wochen – und irgendwann gibt man sich selbst auf, weil man keine Perspektive mehr sieht. Und an manchen Orten in Deutschland ist das noch extremer, weil die Leute wegziehen und nur die älteren zurückbleiben", so Bessin.

Deutsche Wende brachte Massenarbeitslosigkeit ohne Ausweg

Für stern TV verbrachte sie zwei Tage in der Plattenbausiedlung in Halle-Neustadt, um die Menschen näher kennenzulernen, die hinter den maroden Fassaden leben. Nach der Wende haben in Halle-Neustadt haben etliche Betriebe geschlossen und tausende Menschen verließen den Stadtteil. Und das ist bis heute sichtbar: ganze Straßenzüge dort sind wie leergefegt, die Häuser unbewohnbar. Peter Kraus ist einer der wenigen, die zurückgeblieben sind. Auch er hat schon seit 1995 keine Arbeit mehr. Nun nimmt der 57-Jährige an einer Maßnahme für Langzeitarbeitslose teil. Er schmiert Pausenbrote, die kostenlos an Grundschulen verteilt werden. Dafür bekommt Peter Kraus 8,84 Euro pro Stunde. "Allen hier ist diese Arbeit sehr wichtig. Auch, weil man dadurch vielleicht doch noch die Chance hat, noch mal ins Berufsleben zu kommen", sagt Peter Kraus. Sein Kollege in der Schnittchenküche Egbert Hartmann ist 59 Jahre alt, ausgebildeter Zerspanungsfacharbeiter und seit 18 Jahren arbeitslos. Die gelernte Köchin Ines Lamprecht, 51 Jahre, hat seit 20 Jahren keine Arbeit mehr. Frank Lange, ebenfalls Koch, findet seit 11 Jahren keine feste Stelle mehr, er sagt: "Es war schwierig. Der Betrieb wurde zugemacht, und dann steht man auf der Straße und weiß nicht wohin."

Das Sozialkaufhaus, das Ilka Bessin besucht, ist für viele Menschen in der Platte eine wichtige Adresse: Kleidung kostet hier 50 Cent, Geschirr 10 Cent, Möbel und Haushaltsgeräte gibt es zum Schnäppchenpreis. Vor allem ältere Rentner und Alleinstehende kämen hierher, erzählt die Mitarbeiterin Gabi Crell Ilka Bessin. Das Sozialkaufhaus sei Anlaufpunkt, aber es fehle auch das Geld, um woanders einzukaufen.

Sieben Kinder, sechs Väter – und auf sich allein gestellt

Eine der jüngeren Menschen in Halle Neustadt ist die 28-jährige Jessica Eckert, eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die bereits seit fast zehn Jahren Hartz 4 bezieht. Weil ihr Ex-Mann sie finanziell nicht unterstützt, ist Jessica Eckert auf sich selbst gestellt – eine Arbeit hat sie nie gefunden. "Gelernt habe ich gar nichts. Und ich habe nur einen Hauptschulabschluss, dann kam gleich meine Tochter." Sie glaube nicht mehr daran, dass sich für sie je noch etwas ändern wird, sagt die junge Frau: "Ich habe mich an die Situation gewöhnt und damit abgefunden." Jessica Eckert erzählt Ilka Bessin von der sogenannten "Schnitte", eine soziale Einrichtung, in der ihre Kinder nachmittags kostenlos betreut werden. Dort trifft Ilka Bessin auch den 10-jährigen Pascal, der aus einer sozial schwachen Familie mit sieben Kindern kommt. Seine Mutter Claudia Lincke ist ebenfalls alleinerziehend. Inzwischen leben nur noch fünf Kinder bei ihr. Fast jedes hat einen anderen Vater. Claudia Lincke ist seit zwei Jahren arbeitslos, bekommt neben Hartz IV noch Kindergeld und einen Unterhaltsvorschuss vom Staat, weil einige der Väter nicht zahlen. "Wenn alle Abzüge weg sind, bleiben uns vielleicht so 100, 200 Euro im Monat", erzählt die siebenfache Mutter. Sobald das jüngste Kind in die Kita geht, wolle sie als gelernte Kinderpflegerin wieder arbeiten, zumindest in Teilzeit. "In welchem Beruf ist eigentlich egal."

Linkenpolitiker Gysi fordert Boni für engagierte Langzeitarbeitslose

Im Gespräch mit Steffen Hallaschka brach Ilka Bessin – ob ihres eigenen Hintergrunds – für die Menschen in Halle Neustadt eine Lanze. "Das sind ganz normale Leute", so ihr Fazit. "Ich habe tolle Menschen kennen gelernt, die mich eingeladen haben, die offen waren und über alles gesprochen haben." Warum also ist gerade in Halle-Neustadt die Lage so prekär? In den neuen Bundesländern trat nach der Wende eine Massenarbeitslosigkeit ein, die es im Westen in dem Maß nie gab. Über die Möglichkeiten, diesen Menschen aus der Misere zu helfen, sprach Steffen Hallaschka in der Sendung auch mit dem Bundestagsabgeordnete der Linken Gregor Gysi, der ein neues Hartz IV-Konzept ins Spiel brachte: "Ich würde die Struktur von Hartz IV ändern. Ich würde daraus eine Grundsicherung machen und Sanktionen verbieten", so der Linkenpolitiker. Man solle stattdessen Boni in das System einführen, die zu dem Existenzminimum dazu gegeben werden sollten – an diejenigen, die aufgrund von Krankheit nicht arbeiten könnten und an diejenigen, die aktiv sind und sich engagieren. Das würde dem Phlegma mancher Langzeitarbeitsloser entgegenwirken. "Wir denken immer in Form von Strafen", kritisierte Gysi das bisherige System. "Ich möchte gerne in Form von Belohnungen denken."