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Die Stasi-Methoden von Lidl

Stasi-Methoden bei Lidl: Monatelang haben Detektive im Auftrag des Discounters in Filialen Mitarbeiter ausspioniert und intimste Details aus deren Privatleben protokolliert. Der stern und stern.de deckten diesen Überwachungsskandal auf. Lidl hat mögliche Bespitzelungen eingeräumt.

Der Lebensmitteldiscounter Lidl ließ voriges Jahr systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Dem stern und stern.de liegen mehrere Hundert Seiten interner Lidl-Protokolle vor, in denen jeweils mit Tag und Uhrzeit notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt".

Der Hamburger Arbeitsrechtler Klaus Müller-Knapp, dem die Protokolle vorab gezeigt wurden, hält sie für "in höchstem Maße skandalös", weil es nicht um Arbeits-, sondern um Verhaltenskontrolle geht. "Das stellt einen klaren Verstoß gegen Artikel zwei Grundgesetz dar, der die freie Entfaltung der Persönlichkeit schützt."

Videos sollten Vorwürfe gegen Mitarbeiter untermauern

Dass die Überwachung offenbar auch dazu genutzt wurde, um gegen Angestellte vorzugehen, zeigt der Fall von Ruth Koc. Die langjährige Lidl-Mitarbeiterin schilderte bei stern TV, wie ihr im Jahr 2006 fristlos gekündigt wurde. Vorgesetzte warfen ihr vor, sie hätte Pfandgeld unterschlagen, als angebliche Beweise legten sie Videoaufnahmen und Protokolle der Sicherheitsfirma HIS vor. "Ich habe mir nie erklären können, wo die da eine Pfandgeldunterschlagung gesehen haben. Ich setze doch nicht für 25 Cent pro Flasche meinen Job aufs Spiel", sagt Koc.

Sie klagte vor Gericht, nach drei Verhandlungen - ein Jahr nach der Kündigung - musste Lidl Gehalt nachzahlen und eine Abfindung zahlen. "Nach der Kündigung bin ich in ein tiefes Loch gefallen, ich habe an meinem Arbeitsplatz gehangen, Lidl war mein Leben."

Lidl selbst bestritt die Existenz solcher Protokolle gegenüber dem stern nicht, behauptet aber zunächst, sie "dienen nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens", so Lidl-Sprecherin Petra Trabert. Auch von den detaillierten Protokollen aus der Privatsphäre der Beschäftigten distanziert sich das Unternehmen im Nachhinein und erklärt, die "Hinweise und Beobachtungen entsprechen weder im Umgangston noch in der Diktion unserem Verständnis vom Umgang miteinander."

Mittlerweile räumte Lidl ein, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth, am Mittwoch in Neckarsulm. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

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