Dass ich nicht ganz normal bin, habe ich zum ersten Mal in der siebten Klasse vermutet, als ich den achten Verweis innerhalb von drei Monaten kassierte. Jetzt habe ich es schwarz auf weiß: Meine Persönlichkeit ist im Arsch. Fast alle meine Eigenschaften sind im "nicht annehmbaren Zustand". Sonja starrt mich an. "So kann es doch nicht weitergehen. Du bist orientierungslos, unsicher und du verschwendest deine Energie. Du lebst nicht effizient."
Sonja arbeitet seit zehn Jahren bei Scientology. Sie hat Menschen Lesen und Schreiben beigebracht, Drogenabhängige kuriert und Ehen gerettet. Sie verunsichert mich. "Nun schau nicht so traurig", sagt sie. "Wir können dir helfen!" Ich lächle, Sonja strahlt. Mit dem Kommunikations-Trainings-Kurs werde ich in nur acht Kursstunden besser mit meinen Mitmenschen auskommen und meine Schüchternheit überwinden. "Weißt du, was das Beste ist?" Ich zucke mit den Schultern. "Der Kurs kostet nur 37,90 Euro!" Mein Training wird am Dienstag beginnen.

Ein "Systemfehler": Wilfried Handl und das "E-Meter"© stern TV
Wilfried Handl leitete Scientology Österreich, und er war "clear". Wir treffen uns am Münchner Hauptbahnhof, er ist auf dem Weg nach Kempten zu einer Podiumsdiskussion über Scientology. Er sieht jünger aus als 55, der Krebs hat Handls Körper zerfressen. Die Hoden, die Bauchhöhle, die Lunge, 2004 folgt ein Gehirntumor. Er zeigt mir einen langen Schnitt auf seinem Hinterkopf. Er hat seine Frau und zwei seiner Söhne an die Sekte verloren. Der Krebs hat ihn gerettet.
"Auf der Stufe, die ich erreicht hatte, hätte ich laut Scientology eigentlich keinen Krebs mehr bekommen dürfen." Zum ersten Mal nach 28 Jahren hatte Handl im Krankenhaus Zeit zum Nachdenken. Denn Scientologen haben keine Zeit. Sie arbeiten im Zentrum für etwa 40 Euro pro Woche. Deswegen brauchen sie Zweitjobs. 28 Jahre hat Handl 16 Stunden am Tag gearbeitet. Dann stieg er aus und wurde 2004 von Scientology zur "unterdrückerischen Person" erklärt. Kein Mitglied darf seitdem mehr Kontakt zu ihm haben. Handl blickt mir in die Augen. "Immer Blickkontakt zu halten, lernen Scientologen relativ schnell. Sie erhalten Macht über Menschen. Es beginnt harmlos mit Kursen über Psychologie und Kommunikation. Am Ende zahlen Sie mehrere Tausend Euro für den nächsten Kurs, weil Sie eine noch höhere Stufe erreichen wollen. Und dann beginnt der Druck."
Als wir im Zug nach Kempten sitzen, macht Handl eine Art Spiel mit mir. "Denken Sie bitte nicht nach, antworten Sie einfach auf meine Fragen." So muss Handl früher gewesen sein: einnehmend und hypnotisierend. "Welchen Beruf hatten Sie im Jahr 1683?" – "Tischler", sage ich. "Können Sie sich an ein schlimmes Erlebnis damals erinnern?" Ein paar Sekunden und ein paar Fragen später bin ich im 13. Jahrhundert. Ich bin Söldner und kämpfe auf einem Schlachtfeld in Norditalien. Meinem Nachbarn hackt ein kaiserlicher Ritter das Bein ab. "Sehen Sie, es funktioniert ganz einfach. Sie waren gerade auf dem Weg, ihre Reinkarnationen zu identifizieren. Scientologen sind in diesem Denken gefangen. Um ihre wahre Identität zu finden, den 'Thetan', geben Sie immer mehr Geld für immer noch teurere Kurse aus."
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