30. Januar 2008, 22:15 Uhr

"Meine Persönlichkeit ist im Arsch"

3. Tag: Der Persönlichkeitstest

Dass ich nicht ganz normal bin, habe ich zum ersten Mal in der siebten Klasse vermutet, als ich den achten Verweis innerhalb von drei Monaten kassierte. Jetzt habe ich es schwarz auf weiß: Meine Persönlichkeit ist im Arsch. Fast alle meine Eigenschaften sind im "nicht annehmbaren Zustand". Sonja starrt mich an. "So kann es doch nicht weitergehen. Du bist orientierungslos, unsicher und du verschwendest deine Energie. Du lebst nicht effizient."

Sonja arbeitet seit zehn Jahren bei Scientology. Sie hat Menschen Lesen und Schreiben beigebracht, Drogenabhängige kuriert und Ehen gerettet. Sie verunsichert mich. "Nun schau nicht so traurig", sagt sie. "Wir können dir helfen!" Ich lächle, Sonja strahlt. Mit dem Kommunikations-Trainings-Kurs werde ich in nur acht Kursstunden besser mit meinen Mitmenschen auskommen und meine Schüchternheit überwinden. "Weißt du, was das Beste ist?" Ich zucke mit den Schultern. "Der Kurs kostet nur 37,90 Euro!" Mein Training wird am Dienstag beginnen.

Ein "Systemfehler": Wilfried Handl und das "E-Meter"©

4. Tag: Der Aussteiger

Wilfried Handl leitete Scientology Österreich, und er war "clear". Wir treffen uns am Münchner Hauptbahnhof, er ist auf dem Weg nach Kempten zu einer Podiumsdiskussion über Scientology. Er sieht jünger aus als 55, der Krebs hat Handls Körper zerfressen. Die Hoden, die Bauchhöhle, die Lunge, 2004 folgt ein Gehirntumor. Er zeigt mir einen langen Schnitt auf seinem Hinterkopf. Er hat seine Frau und zwei seiner Söhne an die Sekte verloren. Der Krebs hat ihn gerettet.

"Auf der Stufe, die ich erreicht hatte, hätte ich laut Scientology eigentlich keinen Krebs mehr bekommen dürfen." Zum ersten Mal nach 28 Jahren hatte Handl im Krankenhaus Zeit zum Nachdenken. Denn Scientologen haben keine Zeit. Sie arbeiten im Zentrum für etwa 40 Euro pro Woche. Deswegen brauchen sie Zweitjobs. 28 Jahre hat Handl 16 Stunden am Tag gearbeitet. Dann stieg er aus und wurde 2004 von Scientology zur "unterdrückerischen Person" erklärt. Kein Mitglied darf seitdem mehr Kontakt zu ihm haben. Handl blickt mir in die Augen. "Immer Blickkontakt zu halten, lernen Scientologen relativ schnell. Sie erhalten Macht über Menschen. Es beginnt harmlos mit Kursen über Psychologie und Kommunikation. Am Ende zahlen Sie mehrere Tausend Euro für den nächsten Kurs, weil Sie eine noch höhere Stufe erreichen wollen. Und dann beginnt der Druck."

Als wir im Zug nach Kempten sitzen, macht Handl eine Art Spiel mit mir. "Denken Sie bitte nicht nach, antworten Sie einfach auf meine Fragen." So muss Handl früher gewesen sein: einnehmend und hypnotisierend. "Welchen Beruf hatten Sie im Jahr 1683?" – "Tischler", sage ich. "Können Sie sich an ein schlimmes Erlebnis damals erinnern?" Ein paar Sekunden und ein paar Fragen später bin ich im 13. Jahrhundert. Ich bin Söldner und kämpfe auf einem Schlachtfeld in Norditalien. Meinem Nachbarn hackt ein kaiserlicher Ritter das Bein ab. "Sehen Sie, es funktioniert ganz einfach. Sie waren gerade auf dem Weg, ihre Reinkarnationen zu identifizieren. Scientologen sind in diesem Denken gefangen. Um ihre wahre Identität zu finden, den 'Thetan', geben Sie immer mehr Geld für immer noch teurere Kurse aus."

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
mikka2008 (01.02.2008, 23:57 Uhr)
Aus Sicht eines Scientologen
Hallo, ich bin Scientologe und ich finde, dass der junge Mann, der die Scientology-Kirche besucht hat, so manches innhaltlich nicht richtig verstanden hat. Die Sache z.B. mit dem Thetan (geistigem Wesen) wird in der Scientology ganz anders dargestellt. Deshalb ist es für mich als Scientologe immer wieder erstaunlich, wie mein Glaube mißverstanden, mißinterpretiert oder eben mit Absicht verdreht wird. Ausserdem ist ja wohl klar, dass jemand mit der Absicht Schlechtes zu sehen, in eine Gruppe hineingeht und dann eben auch vorwiegend Schlechtes sieht. Für eine gute schockierende Story ist das zumindest sinnvoll - Verkauft sich besser! Löblich jedenfalls ist, dass sich der junge Mann überhaupt getraut hat Kontakt aufzunehmen. Viele Journalisten informieren sich ja vorwiegend nur bei Religionskritikern wie z.B. den evangelischen oder katholischen Sektenexperten, die dann natürlich sehr davor warnen sich selbst ein Bild zu machen. Schließlich haben sie den einzig seligmachenden Glauben. Ausserdem bestünde ja die Gefahr, dass man seine Meinung ändert (Manipuliert wird).
mydia82 (31.01.2008, 16:12 Uhr)
hmmm
ich selbst habe im Rahmen eines Religionsprojektes in der Schule auch schon ein Auditing hinter mir. Zu der Zeit hatte Scientology Fillialen hier in der Gegend wie Sand am Meer ist... Aber mal ehrlich, jemand der im Besitz eines normalen Verstandes ist, geht nach einem Auditing kopfschütteln, evtl. noch lachend hinaus. Das dies eine Gehirnwäsche erster Güte ist, wir keiner anzweifeln der das schon erlebt hat. Ich habe mich danach schlecht gefühlt, und ich habe nur über etwas geredet, was mir nicht wirklich wichtig war... wie mag es dann erst Menschen gehen, die sich ans eingemachte flicken lassen...
H.P. (31.01.2008, 09:30 Uhr)
Die Selbsterkenntnis
Jeder Mensch ist eine eigene Persönlichkeit mit all seinen Schwächen und Stärken, und aus diesen Schwächen und Stärken heraus lebt er sein Alltagsleben, wenn er nicht damit klarkommt, braucht er einen Arzt, Guru oder eine Religion, am Ende erkennt er sich selbst in seinem ewigen SELBST oder auch SEIN, die Selbsterkenntnis, damit ist aber nicht die eigene Persönlichkeit im Arsch. Wenn ich weiß um was es geht im Leben, brauche ich keinen Arzt, Guru oder eine Religion, weil ich immer an meiner Persönlichkeit gebunden bin und kann mein Leben leben ohne mir Gedanken zu machen was ich nicht darf und darf. Im SELBST sind wir alle ein Bewusstsein, eine Einheit und aus diesem SEIN heraus lebe jeder Mensch sein persönliches Alltagsleben!
Die Menschen wollen die schlichte Wahrheit nicht verstehen, die stets gegenwärtige und ewige Erfahrung der Wahrheit ihres Alltags: die Wahrheit des Selbst. Gibt es denn irgend jemanden, der des Selbst nicht gewahr wäre?
Aber sie wollen nicht einmal davon hören, während sie an einem Jenseits höchst interessiert sind - an Himmel, Hölle und Wiedergeburt. Sie ziehen nun einmal das Geheimnisvolle der Wahrheit vor, und die Religionen tun ihnen den Gefallen und kommen ihnen entgegen - nur, um sie, wenn auch auf Umwegen, letztlich doch zum Selbst zu führen.
Wohin Sie immer abschweifen mögen - Sie müssen schließlich zum Selbst zurückkehren. Weshalb dann nicht lieber gleich, hier und jetzt, im Selbst sein und bleiben? http://de.wikipedia.org/wiki/Ramana_Maharshi
http://www.lebedeinbestes.de/12.html
thoreeee (30.01.2008, 23:32 Uhr)
Objektivität
Sehr geehrte Damen und Herren
Der TV-Beitrag über die Scientology-Kirche hat mir sehr gut gefallen. Ich halte diese Sekte für extrem gefährlich und finde es beunruhigend, dass sie von Personen des öffentlichen Lebens, wie Tom Cruise, repräsentiert wird.
Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass auch ein Scientology-Vertreter im Studio oder im Filmbeitrag zu Wort gekommen wäre, da die beidseitige Beleuchtung des Themas für einen objektiveren Eindruck gesorgt hätte. Auch das Zitat der fast hähmischen Pressemeldung am Ende konnte dies nicht ersetzen.
Mit freundlichem Gruß
Thore Stolze
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