In der Schule und in sozialen Netzwerken - überall wurde Angelique bloßgestellt und gemobbt, wollte schließlich nicht mehr leben. Über den gefährlichen Psychoterror unter Jugendlichen und Wege heraus.

Heimlich fotografiert und im Internet bloßgestellt: Die damals 15-jährige Angelique wurde Opfer von schonungslosen Mobbing-Attacken.© stern TV
Angelique Blottnicki ist 15, als ihr Albtraum seinen Lauf nimmt. Begonnen hatte alles mit einer Party. Das Mädchen hatte Alkohol getrunken und war mit einem Jungen im Bett gelandet. Andere schauten zu und machten Fotos. Kurze Zeit später muss Angelique mit ansehen, wie sich die Bilder über das Internet verbreiten. Im sozialen Netzwerk Schüler VZ geben Mitschüler binnen Stunden fast 50.000 beleidigende Kommentare ab. Doch dabei bleibt es nicht: Die Fotos landen auch am Schwarzen Brett in der Schule. Angelique wird zum Gespött – in der Klasse, auf dem Pausenhof, überall. Und das Mobbing geht auch danach weiter: Im Schulbus, per SMS, als Telefonterror. "Es ging dann irgendwann so weit, dass ich mir das Leben nehmen wollte. Ich habe angefangen, mich zu ritzen und einen Abschiedsbrief zu schreiben", erzählt Angelique, als stern TV sie im Sommer 2010 das erste Mal trifft.
Anderthalb Jahre kann Angelique nicht mehr in die Schule gehen. Stattdessen macht sie eine Therapie. Die Täter zeigt sie an und beginnt einen jahrelangen Rechtstreit. Denn die Wunden sind tief – bei Angelique und ihren Eltern. "Man sieht sein eigenes Kind leiden", sagt Vater Michael Blottnicki. "Dass man eine gute Seele absolut zerstört hat, dass man es geschafft hat, einen Jugendlichen so zu zerstören, dass er keinen Lebenswillen mehr hat, das war für uns das Schlimmste."
Angelique ist kein Einzelfall. Laut einer Studie der Leuphana-Universität Lüneburg wird fast jeder dritte Schüler in Deutschland gemobbt. Ist man erst einmal in Ungnade gefallen, gibt es kaum ein Entrinnen aus dem sich immer weiter verbreitenden Gerüchten und Stacheleien. Mobbing ist gnadenlos. Viele der Opfer hegen Selbstmordgedanken, manche tun es. Wie der zuletzt bekannt gewordene Fall des 20-jährigen Tim Ribberink aus dem niederländischen Tilligte, der sich das Leben nahm, weil er jahrelang gemobbt wurde. Oder die Amerikanerin Amanda Todd, die ihren Fall auf Zetteln in einem Youtube-Video schilderte – und Suizid beging, weil ein Fremder ein Nacktfoto von ihr im Internet verbreitet hatte.
Soziale Netzwerke tragen inzwischen einen erheblichen Teil dazu bei, die Opfer zu demütigen: Weiterleitungen, Kommentare, Fotos, Pinnwände, Videos und die Vernetzung der User führen dazu, dass sich - teils unüberlegt ins Netz gestellte Fotos oder Behauptungen - rasend schnell verbreiten. Und: "Was einmal im Netz drin ist, ist ganz schwer, wieder heraus zu bekommen", sagt auch Michael Blottnicki. "Man hat dann immer wieder von Freunden und Bekannten Adressen zugespielt bekommen, wo dann wieder Bilder aufgetaucht sind oder vielleicht auch dumme Texte."
Auch für den 19-jährigen Christian aus Oldenburg war die Schulzeit jahrelang ein Martyrium. Mit 13 Jahren ist er „der Neue“ in der Hauptschule in Wildeshausen. Er kommt in die achte Klasse. „Christian war sehr zurückhaltend, ein sehr verschlossener Schüler“, erinnert sich seine Klassenlehrerin. „Schüler erkennen sofort Schwachpunkte. Christian kam in die Klasse und sie hatten jemanden gefunden, an dem sie sich auslassen konnten.“ Zwei Jahre lang geht Christian durch die Hölle, wird ausgegrenzt, muss sich bespucken lassen. Er bekommt den ganzen Hass und die Gewalt seiner Mitschüler zu spüren. Auch Christian denkt daran, sich das Leben zu nehmen.
Allein kommen Opfer aus der Schleife meist nicht heraus, sie brauchen Hilfe. Eltern sollten ihre Kinder deshalb im Auge behalten, rät Sozialpädagoge Thomas Sonnenburg. Auffällige Unlust auf Schule, häufige Kopf- und Bauchschmerzen könnten darauf hinweisen, dass etwas nicht in Ordnung sei. "Am Fall Christian wird deutlich, dass in der Phase der Pubertät jede Verunglimpfung, jede Beleidigung, jedes Ärgern über das Maß hinaus zu großen psychischen Schäden führen kann. Wenn man nicht konsequent gegen Mobbing vorgeht, dann können Übergriffe und sogar Körperverletzungen folgen. Das ist das schlimmste Ausmaß von Mobbing", sagt Thomas Sonnenburg.
Selbst wenn ein Ausweg gefunden ist, fragen sich Mobbingopfer noch Jahrzehnte danach, wie ihnen das passieren konnte. Psychische Schäden sind vielfach die Folge der jahrelangen Traktierungen. Um das Trauma zu bewältigen, bringt Thomas Sonnenburg Opfer und Täter zusammen. Gespräche sollen das Geschehene aufarbeiten. "Wenn das dann alles passiert ist, können auch die Opfer einen Abschluss finden“, sagt der 49-jährige TV-Coach, der sich auch in in der RTL-Serie "Albtraum Mobbing" einsetzt. Bei Christian liegen die Geschehnisse fünf Jahre zurück. Einige Täter haben das Gesprächsangebot angenommen, sehen die Situation inzwischen klar - und es tut ihnen leid.
Auch Angelique hat die Täter wieder getroffen, allerdings vor Gericht: Insgesamt 7000 Euro Entschädigung müssen die beiden in monatlichen Raten an sie zahlen. "Was die mir angetan haben, kann man zwar nicht in Geld bezahlen, aber so merken die wenigstens auch mal einen kleinen Schmerz", sagt die heute 20-Jährige. Heute kann sie wieder Freude empfinden, wohnt mit ihrem Freund zusammen. Sie ist froh, nicht den schlechtesten Ausweg gewählt - wie Tim oder Amanda -, sondern rechtzeitig fremde Hilfe angenommen zu haben.
Hier finden Betroffene Hilfe Schülerinitiative und Internetseite mit vielen Infos zum Thema Mobbing: www.schueler-gegen-mobbing.de
Die Elterninitiative www.lernen-ohne-angst.deinformiert Familien, deren Kinder von Mobbing betroffen sind.
Die "Nummer gegen Kummer" bietet telefonische Beratung zum Thema Mobbing an:
Betroffene Kinder und Jugendliche: 0800 / 111 0 333
Elterntelefon: 0800 / 111 0 550
Was ist Cyber-Mobbing? Einer Umfrage zufolge kennt fast jeder vierte Jugendliche jemanden in seinem Bekanntenkreis, der über das Internet fertig gemacht wurde. 14 Prozent sagen sogar, dass über sie selbst bereits schon Unwahrheiten im Netz verbreitet wurden. Jugendliche über 14 Jahre sind von Cyber-Mobbing stärker betroffen sind als jüngere. Cyber-Mobbing läuft über elektronische Medien wie E-Mails, Chat-Programme, per SMS oder Handyanrufe ab. Die Täter beleidigen ihre Opfer, bedrohen sie, stellen sie in sozialen Netzwerken bloß oder verbreiten (bearbeitete) Fotos. Cyber-Mobbing ist im Grunde die Fortsetzung und Verstärkung dessen, was die Betroffenen in der Schule erleben. Und es verstärkt den Leidensdruck und den Umfang der Bloßstellungen erheblich: "Alle wissen es". Und: Was einmal im Internet steht, ist schwer wieder zu löschen; die Täter können vielfach anonym bleiben.
Mehr Informationen über Cyber-Mobbing finden Sie hier.
Eine Broschüre über Cyber-Mobbing und was Sie dagegen tun können vom Bundesfamilienministerium gibt es hier zum kostenlosen Download.
Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz informiert unter
www.klicksafe.de speziell zum Thema Cyber-Mobbing.
Der stern.de-Ratgeber Facebook, aber sicher! für PC, Laptop und Tablet gibt konkrete Tipps zur Sicherheit und zum Schutz vor Mobbing speziell bei Facebook.
Facebook, aber sicher! Wann ist mein Kind alt genug für Facebook? Wie kontrolliere ich, mit wem es befreundet ist? Wie schütze ich es vor Mobbing? Der stern-Ratgeber: Facebook, aber sicher! beantwortet diese und weitere wichtige Fragen zum Thema.