In Jamel, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, sind mehr als 60 Prozent der Einwohner rechtsradikal. Wer anders denkt, wird vertrieben. Nur ein Ehepaar leistet Widerstand.

Sie wehren sich gegen den rechten Mob in Jamel: Birgit und Horst Lohmeyer© stern TV
Es war ein guter Tag für das Ehepaar Lohmeyer aus Jamel, als Polizisten Ende Januar den bekennenden Neonazi Sven Krüger festgenommen haben. Vielleicht war es für die Lohmeyers sogar der beste Tag seit Jahren, als der vorbestrafte Krüger wegen des Verdachts auf Hehlerei in U-Haft kam. Denn: Solange Krüger im Gefängnis sitzt, fühlen sich die Lohmeyers ein wenig sicherer in Jamel, wo der 36-Jährige und seine rechtsradikale Clique seit Jahren Angst und Schrecken verbreiten.
Mehr als 60 Prozent der 37 Bewohner von Jamel sind rechts - und leben ihr braunes Gedankengut unbehelligt aus: Jamel ist ein Ort für Nazi-Aufmärsche, in den nahe gelegenen Wäldern finden Schießübungen statt und schon die Kleinsten heben die Hand zum Hitler-Gruß. Mitten im Dorf liegen Findlinge mit den Parteislogans der NPD: "frei-sozial-national" steht da in Frakturschrift drauf. Und selbst gebastelte Schilder zeigen die Entfernung nach Braunau am Inn an - dem Geburtsort von Adolf Hitler.
"Jamel ist von der rechten Szene besetzt", sagt Birgit Lohmeyer im Gespräch mit stern TV. Und wer nicht dazu gehört, müsse in ständiger Angst leben: Indem er die Leute tyrannisiert, versuche Krüger außerdem all diejenigen aus Jamel zu vertreiben, die seine politische Gesinnung nicht teilen.
Seit Anfang der 1990er Jahre betreibe Sven Krüger die systematische Inbesitznahme des Ortes, berichtet auch der Bürgermeister, Uwe Wandel: Krüger, der in Jamel aufgewachsen ist, habe nach und nach alle Grundstücke aufgekauft. Und viel Hoffnung, dass sich wieder Bürger ohne rechte Gesinnung in dem kleinen Ort bei Wismar ansiedeln, hat der SPD-Politiker Wandel nicht - zu groß sei der Einfluss der Nazis.
Wandel erzählt von einer Familie, die vor ein paar Jahren nach Jamel kam: "Sie wurde praktisch ruiniert." Ihr Haus wurde niedergebrannt, ihre Tiere seien vergiftet worden. Wer hinter den Taten steckte, wurde nie aufgeklärt. "Diebstähle", "Beleidigungen" und "Sachbeschädigung" stünden in Jamel praktisch an der Tagesordnung, berichten auch die Lohmeyers. Inzwischen traut sich kaum noch jemand in den Ort, viele Häuser stehen deshalb leer, sind zum Teil verfallen.
Um mehr Ruhe zu finden, waren die Lohmeyers 2004 von Hamburg in das Dorf unweit der Ostsee gezogen. Dass Sven Krüger, der inzwischen für die NPD im Kreistag sitzt, auch in Jamel wohnt, wussten sie damals zwar. Nicht aber, dass das Dorf von der rechtsradikalen Clique um Krüger regelrecht terrorisiert wird. Doch die Lohmeyers beugen sich nicht, sie setzen sich gegen die Nazis zur Wehr. Und einmal im Jahr organisieren sie ein Rockfestival gegen Rechts. Dafür allerdings seien ihnen schon Tierkadaver in den Garten geschmissen worden, sagt Birgit Lohmeyer. Und: "Wir hatten mal eine tote Ratte im Briefkasten."
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