Vergangenen Sommer tauchte Herbert Nitsch in die Tiefe, um seinen Rekord im Apnoetauchen zu brechen. Doch es lief nicht nach Plan, er verlor das Bewusstsein. Wie er sich zurück ins Leben kämpfte.

Apnoetaucher Herbert Nitsch verünglückte am 6. Juni 2012 bei dem Versuch, seinen eigenen Weltrekord zu brechen.© stern TV
Am 6. Juni 2012 wagt Herbert Nitsch einen unglaublichen Rekordversuch. Der Österreicher will seinen eigenen Weltrekord im Apnoetauchen von 214 Metern brechen und auf 244 Meter Tiefe steigern. Noch nie ist jemand mit nur einem Atemzug und ohne Pressluft-Flasche so tief hinabgetaucht. Doch: Der Weltrekordversuch ist missglückt. Schlimmer noch: Als Nitsch nach 4 Minuten und 32 Sekunden an die Wasseroberfläche zurückkehrt, ist er schwer verletzt.
Etwas muss in etwa 100 Metern Tiefe passiert sein: Der Extremtaucher verliert unter Wasser das Bewusstsein. Während des Auftauchens knickt dem Profitaucher der Kopf weg. Das zeigen die Aufnahmen der Unterwasserkameras. Herbert Nitsch ist sich sicher, dass dies die Folge eines starken Tiefenrauschs gewesen ist. Doch auch er kann nur vermuten, denn Vergleichbares hatte er trotz der vielen Trainings noch nicht erlebt: "Es ist leicht, etwas zu berücksichtigen, was schon einmal passiert ist; aber etwas zu berücksichtigen, was noch nie passiert ist, ist schwierig."
Monatelang muss Herbert Nitsch in Rehakliniken behandelt werden. Noch immer ist nicht eindeutig geklärt, was während des Rekordversuchs mit ihm passiert ist. Er selbst hat aufgrund des Unfalls große Erinnerungslücken. Die Mediziner konnten den 42-Jährigen nur durch eine sofortige Dekompression retten. Normalerweise legen Taucher einen so genannten Dekompressions-Stopp unter Wasser ein, damit in der Lunge ein Druckausgleich erfolgen kann. Durch die Ohnmacht kann Nitsch damals aber nicht wie geplant bei 15 Meter Tiefe selbständig aus dem Tauchschlitten aussteigen und den wichtigen Stopp einlegen. Seine Sicherungstaucher müssen ihn aus dem Schlitten ziehen und an die Oberfläche bringen. Andernfalls wäre Herbert Nitsch während der üblichen Dekompression unter Wasser wahrscheinlich ertrunken, sagt Dr. Wilhelm Welslau, der Nitsch seit 2001 als Tauchmediziner begleitet und betreut.
Zurück an der Oberfläche erlangt der Extremtaucher sein Bewusstsein wieder. Als er merkt, dass etwas nicht stimmt, greift er sich eine Sauerstoffflasche und taucht erneut ab. Er bleibt 20 Minuten unter der Wasseroberfläche, um die Auswirkungen des schnellen Auftauchens abzumildern. Doch ohne Erfolg: Herbert Nitsch hat die Taucherkrankheit erlitten.
Durch das Auftauchen ohne Stopp hat der Wasserdruck auf seinen Körper zu schnell nachgelassen. Stickstoff und andere Gase, die sich während des Tauchens im Blut anreichern, konnten nicht wie üblich langsam frei werden. Normalerweise werden sie so nach und nach ausgeatmet. Die schnelle Druckabnahme bei Herbert Nitsch bewirkte jedoch, dass die Gase ins Gewebe, in sein Gefäßsystem und in die Knochen freigesetzt wurden. Dadurch können so genannte Gasembolien (Gefäßverschlüsse) entstehen, die in schweren Fällen ähnliche Auswirkungen wie ein Schlaganfall haben. Die Folge sind Gefühlsstörungen, Muskelschwäche, Sprach-, Seh-, Hör-, Gleichgewichtsstörungen und Lähmungen.
Für den einstigen "No Limit"-Taucher ist seit dem 6. Juni alles anders: "Der Unfall hat definitiv aus mir einen anderen Menschen gemacht. Man reflektiert mehr darüber, was man macht, was man ist", sagt Herbert Nitsch. "Dass ich ein Leben auf der Überholspur geführt habe – sei es privat oder beruflich –, dass es mir dabei immer sehr gut gegangen ist, und dass ich jetzt eben gebremst wurde. Und dass ich so gezwungen war, darüber nachzudenken, was ich da auf der Überholspur gemacht habe."
Nach dem Unfall von Herbert Nitsch hat die Weltweite Organisation für Apnoe-Tauchen "Aida" beschlossen, vorerst keine Rekorde mehr in der Disziplin "No Limit" anzunehmen.