In kaum einer Branche herrschen so unmenschliche Arbeitsbedingungen, wie bei den Paketdiensten. Nach unserem Bericht im letzten Jahr versprach ein Hermes-Vertreter Verbesserungen. Was hat sich getan?
Miese Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und unmenschliche Arbeitszeiten - aus kaum einer Branche erreichen die Redaktion so viele Beschwerden, wie von den Paket- und Kurierfahrern. Im vergangenen Jahr berichtete stern TV mehrfach über die Arbeitsbedingungen in dieser Branche, die seit Jahren boomt. Besonders hart ist es für die selbständigen Paketzusteller, die von ebenfalls unabhängigen Subunternehmern beschäftigt werden.
Denn bei dem so genannten Sub-Sub-System beauftragt die Paketdienst-Firma unabhängige Unternehmer zur Lagerung der Pakete. Deren Fahrer sind dort aber nicht festangestellt, sondern arbeiten wiederum selbständig, also als Sub-Sub-Unternehmer. Die Verantwortung liegt somit nicht mehr direkt beim Paketdienst. Für Verspätungen oder Beschädigungen haften die Subunternehmer und ihre Fahrer. Der Druck und die Kosten sind enorm.
In der Sendung im Mai vergangenen Jahres berichtete Florian Alteneder, ein ehemaliger Fahrer für den Paketdienst Hermes, über seine Arbeit. Auch er war Sub-Sub-Unternehmer. Ein Jahr lang fuhr er für Hermes. Bezahlt wurde er nur für jedes ausgelieferte Paket. "Ich habe pro Paket 1,05 Euro bekommen und am Ende des Monats sind 1000 Euro übrig gewesen." Dafür war Alteneder oftmals 12 Stunden pro Tag unterwegs, sechs Mal pro Woche. Arbeitsbedingungen, die Hunderte Fahrer bestätigen konnten.
Schuld an der Misere ist das Sub-Sub-System, das in der Branche üblich ist. Noch während der Sendung reagierte Thomas Voigt, Sprecher der Otto-Group, zu der auch der Paketversand Hermes gehört, auf die Vorwürfe. Er sagte bei stern TV: "Es braucht dringend eine Veränderung. In diesem System ist etwas nicht in Ordnung." Gleichzeitig kündigte er Verbesserungen für die Paketfahrer an: "Wir sind bei Hermes grundlegend dabei, das ganze System umzubauen. Wir werden die Bezahlung pro Paket abschaffen."
Doch auch zehn Monate später melden sich noch Fahrer bei stern TV, darunter Burghardt Öffler. Der gelernte Versicherungskaufmann wollte vor sechs Jahren etwas Neues machen und bewarb sich als selbständiger Fahrer. Eine Entscheidung, die er gerne wieder rückgängig machen würde. "Unterm Strich bereue ich, dass ich bei Hermes angefangen bin. Dass hab ich alles gar nicht so gewusst, dass das eine solche Knochenarbeit ist", sagt der 55-Jährige. "Ich bin immer noch Subunternehmer für Hermes, beziehungsweise Sub-Sub-Unternehmer. Und bisher war auch noch nie die Rede davon, dass so etwas bei uns geändert werden soll.“ Burghardt Öffler bekommt einen Euro pro Paket, alle Kosten der Auslieferung, Auto und Benzin, sowie seine eigenen Kosten für Renten- oder Krankenversicherung muss er davon selbst bezahlen. "Unterm Strich bleiben 1200 bis 1500 Euro über. Und das für eine 60-Stunden-Woche", so Öffler. Bei 1200 Euro macht das einen Stundenlohn von netto 4,62 Euro.
Die Bezahlung nach Paketstücken, nach der auch Burghard Öffler kalkulieren muss, sollte sich laut Hermes-Sprecher ebenfalls ändern: "Zweitens: wir werden wegkommen von diesen Stückkosten. Sie erleben immer die Stückbezahlung pro Paket. Das werden wir abschaffen.“ Florian Alteneder glaubt nicht daran. Der ehemalige Hermes-Fahrer vereinbart ein Vorstellungsgespräch bei einem Subunternehmer, das er für stern TV mit versteckter Kamera aufzeichnet. Er bekommt eine Festanstellung auf 400-Euro-Basis angeboten. Doch: Bezahlt wird noch immer noch nach Stückzahlen: "Bei einem 400-Euro Job – damit würden wir anfangen – bezahlen wir 50 Cent pro Paket, pro Katalog 27 Cent", erklärt ihm der Chef.
Eine solche Bezahlung erfordere jedoch Akkordarbeit, meint der Gewerkschafter Sigrud Holler von Verdi: "Es ist unzulässig, weil es den Druck auf den Fahrer erhöht schneller zu fahren, damit er möglichst viele Pakete zustellen kann, und länger zu fahren, damit er alle Pakete loswerden kann. Das würde andere Verkehrsteilnehmer gefährden und deshalb ist es unzulässig."
Auch Katja Rogowicz arbeitete einst nach Stückzahl. Im Juni 2012 bekam sie einen neuen Vertrag mit einem Stundenlohn: "Wenn wir 100 Päckchen hatten, wurde uns vorgeschrieben, wir müssen das in 6 Stunden schaffen, was aber nicht schaffbar war", berichtet die alleinerziehende Mutter. "Ich habe immer acht Stunden dafür gebraucht. Die zwei Stunden Mehrarbeit wurden nicht bezahlt. Und deswegen ist der Stundenlohn, den sie da eingeführt haben, total sinnlos." Aus den 25 bis 30 Stunden pro Woche, die im Vertrag standen, wurden oftmals 50 Stunden. Anstatt der vereinbarten 7,50 Euro brutto pro Stunde bekam Katja Rogowicz umgerechnet nur 3,38 Euro. Zum Leben blieben ihr nicht einmal 600 Euro.
Eine vorgegebene Zahl Pakete in einer begrenzten Zeit zu schaffen - das Hauptproblem der Paketdienst-Fahrer. Aber auch daran sollte sich laut Versprechen etwas ändern: "Und drittens: wir werden dafür sorgen, durch eine Tourenplanung, die dann bitteschön auch anders aussieht, dass dieser Job machbar ist", sagte Hermes-Sprecher Thomas Voigt bei stern TV. Wirklichkeit ist das für die meisten Fahrer noch nicht geworden. Sie sollen 60 bis 100 Pakete pro Tag ausliefern, üblicherweise 20 pro Stunde. Das visierte auch der Subunternehmer an, der Florian Alteneder anstellen wollte. Sigurd Holler von der Gewerkschaft Verdi hält das für unmöglich: "Zwanzig Pakete pro Stunde ist unrealistisch, das wissen wir aus den Erfahrungen unserer Mitglieder, die im Fahrerbereich tätig sind. Das sind drei Minuten pro Kunde oder pro Paket und von daher ist es einfach nicht machbar."
Grundlegende Änderungen des Systems machen sich auch bei Burghardt Öffler nicht bemerkbar. "Für ein nicht-abgegebenes Paket, also was ich wieder mit zurück nehme - kein Geld. Das Auto beladen - kein Geld. Auto waschen, Auto instand halten – kein Geld. Auto wieder ausladen – kein Geld. Ich bekomme nur Geld für das Paket, das ich abgegeben habe. Und wenn ich dann überlege, wie viel Zeit man auf Dinge verwendet, für die man kein Geld bekommt, das sind gut und gerne auch schon mal 20 Stunden die Woche.“
Fazit: Als selbständiger Fahrer für die Paketdienste zu arbeiten ist und bleibt ein Knochenjob. Sigurd Holler sieht zudem kaum Chancen auf Verbesserung: "Die Fahrer sind noch immer diejenigen, die das letzte Glied sind und das bezahlen müssen, was Hermes verdienen will. Sie werden weiterhin mehr arbeiten; sie werden weiterhin sittenwidrigen Lohn bekommen und sie werden weiterhin eine übermäßig lange Arbeitszeit haben“, so Holler. "Es muss weiterhin, billig, billig, billig sein und die Paketdienste können nur auf diese Art und Weise ihre Gewinne erzielen. Der andere Weg wäre, die Paketpreise zu erhöhen. Und das traut man sich wohl nicht."