Welcher Mensch steckt in dieser Frau?

7. Mai 2013, 12:15 Uhr

Noch immer ist unklar, welche Rolle Beate Zschäpe in der NSU-Terrorzelle spielte. Was macht Frauen zu gewaltbereiten Nazis? Bei stern TV spricht Stefan A. über seine Cousine Zschäpe und ihre Kindheit.

Zschäpe, Beate, NSU, Prozess, Frau, stern, TV

Beate Zschäpe im NSU-Prozess: Welcher Mensch steckt in dieser Frau?©

Als Kinder haben Stefan und Beate zusammen gespielt, als Jugendliche verbrachten sie viel Zeit in einer Jugendeinrichtung in Jena. Sie sind Cousin und Cousine. Später feierten sie gemeinsam rechte Partys. Auch Beate Zschäpes Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kannte Stefan A. gut: "Die waren schon ein bisserl extremer", sagt er über die beiden Männer.

Beate Zschäpe ist die einzige Überlebende des NSU, des Nationalsozialistischen Untergrunds. Der rechtsextremen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) werden Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie einer Polizistin zugeschrieben. Dass seine 37. Jährige Cousine an diesen zehn Morden beteiligt gewesen sein soll, kann Stefan A. bis heute nicht glauben. Auch Zschäpes Sozialarbeiter Thomas Grund sagt: "So wie ich Beate kennengelernt habe, passt das überhaupt nicht ins Bild."

"Frau Zschäpe war das Hirn dieser Organisation"

Nun steht Beate Zschäpe, die sich selbst der Polizei stellte, im Zentrum des aktuell größten deutschen Verfahrens. Da sie bisher schweigt, ist noch immer unklar, welche Rolle sie wirklich im Nationalsozialistischen Untergrund spielte. Welcher Mensch steckt in dieser Frau? Szene-Insiderin und -Aussteigerin Franka S. ist überzeugt, dass Zschäpe federführend war: „Ich denke, dass die Frau Zschäpe das Hirn dieser Organisation war und das Mundlos und Böhnhardt. Sie haben auf sie gehört – auf jeden Fall.“

Aufgewachsen ist Beate Zschäpe in Jena. Im Stadtteil Winzelar befindet sich der "Winzer Club" – eine Jugendeinrichtung, in dem sie sich häufig mit Gleichaltrigen trifft. Sozialarbeiter Thomas Grund, der die Jugendlichen damals betreut, hatte damals noch nicht den Eindruck, dass die Gruppe politisch auffällig werden könnte. Doch Beate Zschäpe ist stets von Rechten umgeben, verbringt die weiteren Jahre im Untergrund. 1991 lernt sie Uwe Mundlos kennen, der Einfluss auf Zschäpe genommen haben soll. Cousin Stefan A. feierte oft rechte Partys mit Zschäpe und Mundlos und macht sie mit einem Kameraden bekannt: Uwe Böhnhardt. Ab diesem Zeitpunkt war sei auch Thomas Grund klargeworden, dass die junge Frau voll in dieser Gruppe angekommen war und "ist vor allem zur Protagonistin geworden", sagt der Sozialarbeiter. "Sie hatte damals schon eine Rolle übernommen, die für Frauen sehr untypisch ist in dieser Szene – sie hat gezeigt 'Ich bin auch wer, ich bin ebenbürtig'. Nachdem sie auch die ersten Körperverletzungen begangen hatte, war mir eigentlich klar, dass da nichts mehr zu retten ist."

Ein verdächtiges Trio ohne Tatrelevanz

In Zschäpes erster eigener Wohnung gingen Rechtsextreme ein und aus. Bereits damals führte die Polizei sie in den Akten. Der Verdacht: Störung des öffentlichen Friedens durch Anschläge. Auszüge aus der Ermittlungsakte zeigen wie radikalisiert Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt zu diesem Zeitpunkt schon waren. In ihrer Garage fanden die Ermittler Rohrbomben, Nazi-Symbole, eine Telefonlisten einschlägiger Neo-Nazis aus der Szene – und ein selbst verfasstes Gedicht: "Ali Drecksau... Er darf jetzt rennen oder flehen, er kann auch zu den Bullen gehen, doch helfen wird ihm alles nicht, denn wir zertreten sein Gesicht. Wer sagt, das wäre zu gemein, der soll es sehen das Türkenschwein. Er plündert, raubt und wird dann frech, doch heute noch stirbt er. 'So ein Pech'." Tatrelevanz: keine. Das notiert ein Thüringer LKA- Beamter später.

Zschäpe, Mundlos und Bönhardt werden nicht festgenommen. Sie können untertauchen und morden: Acht Menschen türkischer Herkunft, ein griechischer Mitbürger und eine Polizistin werden Opfer ihrer grausamen Ideologie.

Beate Zschäpe Beate Apel, wie sie gebürtig heißt, wird am 2. Januar 1975 in Jena geboren. Sie wächst bei ihrer Tante und ihrer Oma auf, nennt sich selbst "Oma-Kind". Den Hitlergruß kannte sie schon damals von den Erwachsenen. Nach der zehnten Klasse arbeitet sie als Malergehilfin und absolviert eine Lehre in einem Gartenbaubetrieb. Bereits mit 16 Jahren schließt sie sich der neonazistischen Jugendclique "Winzer-Clan" an und lernt Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennen. Über die Jahre radikalisiert sich die Gruppe. Ein Drittel ihres Lebens verbringt Zschäpe im Untergrund.

Ein Ausstieg aus der rechten Szene Das ermöglicht die Initiative EXIT. Was EXIT genau macht und wie Betroffene und Familienangehörige Kontakt aufnehmen können erfahren Sie hier.

Zum Thema