Wie sicher sind Kinder im Netz?

3. April 2013, 22:15 Uhr

Surfen, Mailen, Chatten - auch für Kinder inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Doch welchen Gefahren sind sie dabei ausgesetzt? Wie kann man sie vor sexuellen Belästigungen in Chaträumen schützen?

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Wie sicher sind Kinder im Internet?©

Luisa Schmitt ist 10 Jahre alt. Soziale Netzwerke und Chats gehören auch in ihrer Altersgruppe zum Alltag. Viele Angebote sind scheinbar kindgerecht. Dann werden ihr von Chatpartnern auch unsittliche Fragen gestellt: "Darf ich Dich entjungfern?" fragt ein Thomas, Leon46 verlangt: "Lass uns dann sehr viel Sex machen, Süße." Und Lovemake will wissen: "Hast Du Dich zwischen den Beinen gestreichelt?"

Luisa Schmitt ist zum Glück nur ein Pseudonym der Journalistin Sonja Süß. Für einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte sie sich wochenlang in Kinderchats als 10-jährige Luisa ausgegeben. "Es gibt einen Chat, wo mein Chatpartner, der sich Socourlove nannte, das 10-jährige Mädchen aufforderte, eine Banane aus der Küche zu holen und sie sich unten reinzustecken", berichtet Sonja Süß. "Das Kind hat geantwortet 'Es tut mir weh, ich trau mich nicht, ich hab Angst' und er hat gesagt 'Machs trotzdem!'." Eine Unmenge an Männern und auch Jugendlichen treibe sich in den Chats herum, die allein darauf aus seien, mit Kindern derartige Chats zu haben, weiß Süß nach ihrer erschütternden Recherche. "Das Fazit ist für mich, dass diese Chats absolut nicht sicher und geeignet sind für Kinder, obwohl sie für Kinder gemacht sind."

Schutzmaßnahmen sind weitgehend unwirksam

Dass sich Pädokriminelle in Chats für Kinder und Jugendliche tummeln, ist kein neues Phänomen. Bereits vor acht Jahren berichtete stern TV über die Gefahren in Internet-Chats: Ein Team hatte bereits damals über Wochen unzählige Fälle sexueller Belästigungen in Kinder-Chats dokumentiert. Einen Begriff gab es schon damals: Cyber Grooming - die gezielte Anmache von Kindern und Jugendlichen im Internet. Sicherheitsvorkehrungen innerhalb der Chats sollen die Kinder inzwischen davor schützen: Unter anderem sollen Moderatoren das Chattreiben beobachten und mit Alarmfunktionen zu Hilfe gerufen werden können. Auch eine Filterfunktion sexueller Begriffe, Altersbeschränkungen und die Verifizierung einer Anmeldung via E-Mail sollen helfen.

Doch die Jugendschutzmaßnahmen der vermeintlich kindergerechten und sicheren Internetportale sind noch immer leicht zu umgehen. Die Journalistin und Gründerin der Initiative "NetKids" macht für stern TV den Test und meldet sich beim Chatanbieter spin.de an. Ihr Geburtsdatum lässt sich problemlos fälschen. Innerhalb von Minuten bekommt "Julia12München" erste Kontaktanfragen von männlichen Chatpartnern. Sofort geht es um Sex. "BacardiOakhaert" fragt nach Julias Brüsten, bietet ihr Nacktfotos an und beschreibt, wie er vor dem Computer onaniert.

Für solche Fälle bieten die Chaträume Alarmknöpfe, mit denen "Übeltäter" angezeigt werden können oder ein Moderator eingeschaltet werden soll. Die Nachweispflicht für eine Belästigung ist jedoch mühsam und kompliziert – gerade für ein Kind. Es kann aber nur der aktuelle Chat gemeldet werden. Die Wirksamkeit dieser Notrufe hat Sonja Süß alias Luisa Schmitt mehrfach ausprobiert: "Wenn ich einen Notfallbutton drücke, könnte es passieren, dass mein Chatpartner gesperrt wird. Normalerweise muss man das aber erst rechtfertigen - als Kind. Das heißt, das Kind muss schreiben: Was hat der gemacht, warum soll der jetzt gesperrt werden. Das ist eine große Hürde", weiß die Journalistin. Es sei für Kinder auch deshalb ein Hemmnis, weil sie glauben, dass die Chatpartner echte Freunde sind. Für die Täter eine Strategie: Sie nutzen die kindliche Neugier. In dem Alter lassen sich Mädchen und Jungen leicht manipulieren, sie vertrauen Erwachsenen.

Eine Verfolgung der Täter ist kaum möglich

Wird ein Nutzer tatsächlich einmal gesperrt, kann er sich kurz darauf problemlos ein neues Profil anlegen oder sich in einem anderen Chat anmelden. Viele Chatter wollen möglichst schnell zu Skype oder ähnlichen Diensten wechseln, um den Kindern Nacktbilder von sich zu zeigen oder sie per Videoanruf zu belästigen. Noch schlimmer: Die Pädokriminellen wollen sich mit den Kindern verabreden. Eine Strafverfolgung der Täter ist schwierig, denn dafür wäre eine Vorratsdatenspeicherung notwendig. Die einzige Möglichkeit ist, sich selbst Kopien und Protokolle der Chats des Kindes abzuspeichern und damit umgehend zur Polizei zu gehen. Doch Spuren sind im Internet kaum nachzuverfolgen. "Die fühlen sich super sicher im Internet, die agieren ja völlig frei", bestätigt Beate Krafft-Schöning. "Täter im Internet brauchen nichts zu befürchten in diesem Land." Auch die Mittel der Polizei sind beschränkt, wie Kriminalhauptkommissar Rainer Richard weiß und eine Gesetzeslücke beim Paragraphen 176 des Strafgesetzbuchs beklagt. Der besagt: Jedes Einwirken auf Kinder mit der Absicht einer sexuellen Handlung ist in Deutschland strafbar. Ermittelt die Polizei, kann dieser Paragraph jedoch nicht angewandt werden: "Im Bereich der elektronischen Medien, wenn wir Pädosexuelle verfolgen müssen, bräuchten wir eine Erweiterung", so Richard. "Das heißt, wenn der Täter meint, er hat es mit einem Kind zu tun, tatsächlich ist es aber ein Erwachsener, vielleicht sogar ein Polizeibeamter, der ermittelt, kann man diesen Paragraphen nicht in Anspruch nehmen."

Expertin Beate Krafft-Schöning kann deshalb Kinderchats nicht empfehlen: "Chats sind nicht sicher für Kinder. Trotz aller Bemühungen. Es hat alles zu keinem Ergebnis geführt. Man muss davon ausgehen, dass jedes Kind, das ins Internet geht und chattet, eine hundertprozentige Chance hat, auf solche Menschen zu treffen."

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