Aus der Todeszelle zurück in die Freiheit

19. März 2013, 12:15 Uhr

Mehr als 22 Jahre saß Debra Milke im Todestrakt eines US-Frauengefängnisses. Angeblich hat sie den Mord an ihrem eigenen Sohn angezettelt. Doch es gab Zweifel - und die Chance, sie frei zu sprechen.

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Debra Milke wurde 1990 wegen Anstiftung zum Mord zum Tode verurteilt.©

Seit 22 Jahren sitzt Debra Milke im Todestrakt eines Frauengefängnisses. 1990 wurde die gebürtige Berlinerin wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Der Vorwurf: Sie soll zwei Männer beauftragt haben, ihren eigenen Sohn zu töten, um eine Lebensversicherung in Höhe von 5000 Dollar zu kassieren. Damals fand man den vierjährigen Christopher tot in der Wüste. Er wurde mit drei Kugeln in den Hinterkopf geschossen.

Die Mörder des Jungen waren schnell überführt, als die Polizei bei ihnen die Tatwaffe findet. Es handelte sich um James Styers, bei dem Debbie und ihr Sohn eine Zeit lang zur Untermiete wohnten, und dessen Freund Richard Scott. Doch auch Debra Milke wird einen Tag später festgenommen.

Der Hinrichtungstermin stand fest

Die Mutter des Kindes beteuert von Anfang an ihre Unschuld: "Es ist schwer, zu erklären, was ich durchmache, wenn man das nicht selbst erlebt hat", sagt die damals 25-Jährige. "Ich erlebe nicht nur eine Tragödie, sondern zwei. Die erste Tragödie war der Tod von Christopher, die zweite, dass ich dafür angeklagt und verurteilt wurde." Noch dazu reduziert sich Debra Milkes Leben auf sechs Quadratmeter mit einem Bett, einem Waschbecken und einer Toilette - jahrelang.

1998 muss sie die schlimmste Erfahrung machen: Sie wird abgeholt und in den Vorraum der Hinrichtungskammer geführt, fest in dem Glauben, nun getötet zu werden. Ihre Mutter Renate Janka erinnert sich: "Dann kam ein Sanitäter rein und hat die Venen an ihrem Arm untersucht, wo die bestmögliche Einstichstelle wäre. Dann kam der Pfarrer und hat gefragt, was mit ihren sterblichen Überresten passieren soll. Debbie hat ja zu dem Zeitpunkt gar nicht gewusst, dass das nur ein Probelauf ist. Sie hat in dem Moment gedacht: So, jetzt bringen Sie mich um." Der Hinrichtungstermin war zu der Zeit auf den 29. Januar 1998 festgesetzt.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Hauptbelastungszeugen

22 Jahre lang glaubt Debra Milke unschuldig hingerichtet zu werden. Nun hat das zuständige US-Revisionsgericht tatsächlich das Todesurteil aufgehoben. Debbie Milke könnte bald aus dem Hochsicherheitsstrakt des Gefängnisses Perryville in Arizona freikommen. Denn die Verurteilung könnte damals nicht rechtens gewesen sein. Grund sind Zweifel an der Glaubwürdigkeit des damals zuständigen Polizisten Armando Saldate. Er spielte bei ihrer Verurteilung eine tragende Rolle. Laut ihm habe Debra Milke die Anstiftung zum Mord gestanden: "Sie beschloss, dass es für Christopher Milke das Beste sei zu sterben", so sein Bericht. Das angebliche Geständnis war im Prozess der einzige Beweis für Debbie Milkes Schuld, obwohl es ohne Zeugen und ohne Tonbandaufzeichnung zustande kam. Es wurde auch nie von Debbie Milke unterzeichnet, sondern war ein reines Gedächtnisprotokoll von Armando Saldate. Bis heute beteuert Milke, dieses Geständnis sei frei erfunden.

Als stern TV 2001 erstmals über den Fall berichtete, brach Armando Saldate das Interview bei der Frage nach Debra Milke rigoros ab. Saldate, der mittlerweile nicht mehr bei der Polizei arbeitete, hatte sich zu dem Geständnis nie mehr geäußert oder die Zweifel ausgeräumt. Doch nun kam heraus: Der Ex-Polizist und Hauptbelastungszeuge hatte in der Vergangenheit mehrfach unter Eid gelogen und Geständnisse erfunden, sodass das Todesurteil gegen die inzwischen 49-Jährige aufgehoben werden konnte: "Kein zivilisiertes Rechtssystem sollte auf der Grundlage solch fadenscheiniger Beweise, die wahrscheinlich von Unehrlichkeit oder Übereifrigkeit gefärbt wurden, entscheiden, einem Menschen die Freiheit oder gar das Leben zu nehmen", heißt es in der Urteilsbegründung.

Ein Fall mit vielen Unterstützern

Für diese Nachricht hat Debra Milkes Mutter Jahrzehnte gekämpft. Im Skype-Gespräch mit stern TV bedankt sich die schwer kranke Frau für die vielen Unterstützer, wie den Berliner Frank Aue. Er engagiert sich seit den 90er Jahren im Fall Debra Milke und ist zurzeit bei ihr in den USA. Weitere Unterstützer sind der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Moderator Günther Jauch. Auch Schauspielerin Uschi Glas gehört zu den Menschen, die sich öffentlich für Debra Milke einsetzen. Sie sprach unter anderem mit US-Politikern über den Fall. Bereits 1997 hatte sie die erste Unterschrift auf einer Liste für Debbie geleistet: "Ich bin ein Gegner der Todesstrafe und die erste Unterschrift, die ich dagegen leistete, war für mich eigentlich eine Demonstration zu sagen 'Kein Mensch hat das Recht einen anderen zum Tode zu verurteilen. Und dafür setze ich meine Unterschrift'. Inzwischen, nachdem ich so viel über den Fall gelesen habe, bin ich wirklich zutiefst davon überzeugt, dass die Debbie unschuldig ist", sagt Uschi Glas 2001 zu stern TV.

"Es ist ein Staatsskandal"

Die Staatsanwaltschaft in Arizona muss in den kommenden drei Wochen entscheiden, ob der Fall neu vor Gericht gehen soll. Ansonsten käme Debbie Milke frei. "Als ich davon Freitag erfahren habe, habe ich mich wahnsinnig gefreut", sagt Uschi Glas am Mittwochabend im Gespräch mit Steffen Hallaschka. Sie sorge sich aber auch, denn sie sei überzeugt, dass der Staat Arizona alles dafür tun werde, den Fehler nicht einzugestehen. Rückblickend werde deutlich, dass es sich um einen Komplott gehandelt haben müsse. "Das wird man aufrecht erhalten, um den Staat zu schützen." Augenblicklich sei das erste Anliegen der Anwälte, Debra Milke aus dem Gefängnis zu bekommen, auch wenn es Auflagen bedeuten würde wie Kaution oder eine elektronisch Fußfessel, berichtet Frank Aue, der live aus Arizona zugeschaltet ist. "Was dann juristisch weiter passiert, wird sich danach zeigen", so Aue.

Auch Thomas Lundmark, Professor für Jura und Experte für amerikanisches Recht nennt diverse juristische Hürden, die noch zu nehmen seien. Dennoch sei es – ob nach deutschem oder nach amerikanischem Rechtsverständnis - kaum begreiflich, dass eine Person über so lange Zeit in der Todeszelle sitze und die einzige Belastung die Aussage eines Polizisten über ein angebliches, nicht protokolliertes Geständnis sei: "Das reicht auch nach amerikanischem Recht nicht aus", sagt Lundmark. Dieser Fehler sei immerhin durch alle Instanzen in Arizona gegangen, ohne dass das Urteil gekippt wurde. "Dann geht es an die Bundesgerichte und normalerweise haben solche Anträge dort keinen Erfolg." Das hatte auch Richter Kozinski bestätigt, der das Urteil von 1990 vergangene Woche kippte. Ihm sei kein vergleichbarer Fall bekannt, in dem alles nur auf der Aussage eines einzigen Polizisten beruhe. "Es ist eigentlich ein richtiger Staatsskandal", betont Uschi Glas.

Sollte es zu einer Freilassung kommen, wird Debra Milke zurück nach Deutschland kommen, sagt Frank Aue – zu ihren Unterstützern wie ihre kranke Mutter und auch Uschi Glas. Etwas, wofür sie alle 22 Jahre lang gekämpft haben.

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