16. Januar 2013, 23:15 Uhr

Zwei Jahre Aufklärung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

Als vor zwei Jahren unzählige Fälle von Missbrauch und Gewalt in Einrichtungen der katholischen Kirche bekannt wurden, versprach man Aufklärung. Ein grober Überblick, was seitdem geschah.

Januar 2010 - Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden Missbrauchsfälle bekannt

Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden mehrere Missbrauchsfälle bekannt, die der Leiter des Kollegs, Pater Klaus Mertes, an die Öffentlichkeit bringt. Weitere Betroffene sollen sich melden. Die Berliner Staatsanwaltschaft nimmt die Ermittlungen auf.

Mitte Februar 2010 - Zahlreiche, weitere Missbrauchsopfer melden sich

Zahlreiche weitere Missbrauchsopfer melden sich. Innerhalb weniger Tage werden Fälle aus verschiedenen Bistümern Deutschlands bekannt.

In einem Zwischenbericht der Missbrauchsbeauftragten des Jesuitenordens ist bereits von 115 Opfern die Rede, die an Schulen des Jesuitenorden seit den 50er Jahren missbraucht worden sein sollen.

Ende Februar 2010 - Die Kirche kündigt Überprüfung und Aufklärung der Vorfälle an

Bischof Dr. Stephan Ackermann wird nach den nicht abreißen wollenden Meldungen von Missbrauchsfällen zum Missbrauchsbeauftragten ernannt. Er kündigt die Aufklärung und Überprüfung der Vorfälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch Ordensangehörige an.

Auch Hans Langendörfer, Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, sagt zeitgleich, die katholische Kirche werde alle Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester aufklären.

Anfang März 2010 - Misshandlungen auch bei den Regensburger Domspatzen, am Kloster Ettal und an der Odenwaldschule

Unter anderem wird bekannt, dass es Fälle von Misshandlungen beim weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben hat.

In einem Bericht wird auch das Ausmaß der Missbrauchsfälle am Kloster Ettal bekannt, an dem über 100 Kinder jahrelang gezüchtigt und sexuell missbraucht wurden.

Altschüler der reformpädagogischen Odenwaldschule machen ebenfalls auf Missbrauchsfälle in der Vergangenheit dort aufmerksam.

Anfang März 2010 - Die Opfer solen entschädigt werden

Es wird eine Diskussion um die Verlängerung einer strafrechtlichen Verjährungsfrist angestoßen, um die Rechte der Opfer zu stärken. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger fordert außerdem eine freiwillige Entschädigung der Opfer durch die katholische Kirche.

Die katholische Kirche bietet an, Missbrauchsopfern bis zu 5000 Euro Entschädigung zu zahlen - die Untergrenze der in Gerichtsurteilen üblichen Summe. Je nach Schwere der Fälle sollen auch andere Leistungen, etwa Therapien, gewährt werden.

März 2010 - Pabst Benedikt richtet einen Hirtenbrief an irische Bischöfe

Papst Benedikt richtet einen Hirtenbrief an die irischen Bischöfe mit klaren Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. In Irland ist Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ein großes Thema, seit 2009 zwei Untersuchungsberichte tausendfachen Missbrauch von Kindern unter dem Dach der Kirche dokumentiert hatten. Die deutschen Missbrauchsfälle bleiben außen vor.

Mitte März 2010 - Fragwürdige Entscheidungen Pabst Benedikts als einstiger Erzbischof von München und Freising

Papst Benedikt wird in Vorwürfe verstrickt: Unter Joseph Ratzingers Verantwortung als Erzbischof von München und Freising soll in den 70er Jahren ein pädophiler Priester versetzt worden sein, der später erneut Missbrauch an Kindern und Jugendlichen beging.

Ende März 2010 - Beratungs-Hotline der katholischen Kirche für die zahlreichen Opfer sexuellen Missbrauchs

Bundesweit sind inzwischen mehr als 250 Verdachtsfälle von Missbrauch und Misshandlungen in katholischen Einrichtungen von den 50er bis in die 80er Jahre bekannt.

Das Bundeskabinett beschließt einen "Runden Tisch" und setzt Christine Bergmann (SPD) als Missbrauchsbeauftragte ein. Bis Mai 2011 gingen mehr als 220.000 Anrufe, Briefe und Mails zumeist von Opfern bei Bergmann und ihren Mitarbeitern ein.

Die katholische Kirche schaltet eine Beratungs-Hotline für Opfer sexuellen Missbrauchs. Bis Mitte August 2012 gingen dort wöchentlich zwischen 50 und 400 Anrufe ein. Ende 2012 wurde die Hotline eingestellt. Informationen finden sich auch auf der Website www.hilfe-missbrauch.de

April 2010 - Die Kirche veröffentlicht Richtlinien zum Umgang der Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs

Der Odenwald-Skandal findet breite Öffentlichkeit und weitet sich aus.

Vorwürfe werden auch gegen den Augsburger Bischof Walter Mixa erhoben, der diese bestreitet, nach einem eingestellten Verfahren im Mai 2010 jedoch zurücktritt.

Duzende Opfer sexueller und körperlicher Gewalt in DDR-Kinderheimen seit den 50er Jahren melden sich.

Der Vatikan veröffentlicht Richtlinien zum Umgang der Kirche mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Darin unter anderem: Das Gesetz zur Anzeige von Verbrechen bei Behörden solle stets beachtet werden. Zudem kann der Papst in gravierenden Fällen Priester auch ohne kirchenrechtliches Verfahren in den Laienstand degradieren.

Juni 2010 - Papst Benedikt XVI. bittet um Vergebung

Zum Ende des Priesterjahres bittet Papst benedikt die Opfer pädophiler Priester um Vergebung.

September 2010 - Die Deutsche Bischofskonferenz beschließt ein Maßnahmenpaket zur Prävention

Die Deutsche Bischofskonferenz beschließt ein Maßnahmenpaket zur "Prävention von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz"

Juni 2011 - Personalakten von 27 Bistümern sollen auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsucht werden

Bekannt geworden sind Missbrauchsfälle in insgesamt 27 Bistümern in Deutschland.

Die Deutsche Bischofskonferenz fasst am 20. Juni 2011 einstimmig den Beschluss, dass Kirchenmitarbeiter unter Aufsicht eines Teams des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sämtliche Personalakten aus den vergangenen zehn Jahren der 27 Bistümer auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen sollen. Bei neun Bistümern sollen die Untersuchungen bis ins Jahr 1945 zurückgehen.

Juli 2011 - Vertragsschluss über die "Kriminologische Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands" durch das KFN

Der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und das KFN vereinbaren das Projekt vertraglich. Neun als repräsentativ ausgewählte Bistümer sagen verbindlich zu, sich an dem Forschungsprojekt zu beteiligen.

Forschungsleiter ist Christian Pfeiffer. Er nennt fünf Ziele für das Projekt: Es gehe um belastbare Zahlen, die Aufarbeitung des Geschehens aus Sicht der Opfer, eine Analyse des Handelns der Täter, eine Untersuchung des Verhaltens der katholischen Kirche gegenüber Tätern und Opfern sowie um die Überprüfung des bestehenden Präventionskonzepts.

Ein zweites Forschungsprojekt unter der Verantwortung von Norbert Leygraf, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Essen-Duisburg, soll in Zusammenarbeit mit den Experten Hans-Ludwig Kröber (Charité Berlin) und Friedemann Pfäfflin (Universitätsklinikum Ulm) ein umfassendes Bild über Täterpersönlichkeiten erstellen.

September 2011 - 700 Missbrauchsopfer stellen einen Antrag auf finanzielle Entschädigung

Bis zu 700 Missbrauchsopfer haben inzwischen eine finanzielle Entschädigung für erlittenes Leid bei der katholischen Kirche beantragt.

Frühjahr 2012 - Suspendierung des pädophilen Priesters im Erzbistum München

Der als pädophil bekannte Priester im Erzbistum München, der unter Joseph Ratzinger ins Bistum München und Freising versetzt wurde, wird suspendiert.

Juli 2012 - Krise der kriminologischen Studie

Die Bistümer Regensburg, München und Dresden steigen aus dem Forschungsprojekt des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus.

Januar 2013 - Kündigung des Forschungsauftrags zur Missbrauchsstudie

Die Deutsche Bischofskonferenz kündigt dem Kriminologischen Forschungsinstitut und Leiter Christian Pfeiffer am 09. Januar zunächst unbegründet den Studienauftrag. Gegenseitige Schuldzuweisungen: Nach Studienleiter Pfeiffer scheiterte das Projekt "an Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche". Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz nennt als Grund "unüberbrückbare Differenzen" in der Frage von Daten- und Persönlichkeitsrechten.

Beide kündigen eine Weiterverfolgung der Nachforschungen auf eigene Faust an.

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