25. Oktober 2012, 12:10 Uhr

Gefangen im Netz

Nächtelang chatten und zocken, immer die Angst, im Netz etwas zu verpassen. Über eine halbe Million Deutsche sind internetabhängig. Doch wie findet man den Weg wieder heraus aus der Sucht?

Seine Wohnung verlässt Ralf Zunker nur ungern. Der tägliche Weg zur Arbeit - für den Werkselektroniker eine Qual: "Ich habe immer das Gefühl, dass ich was verpasse, dass ich schnell zurück muss", sagt der 20-Jährige. Er ist süchtig nach Rollenspielen im Internet. Sein Lebensmittelpunkt ist inzwischen das Spiel Tera Online. Seit er vor zwei Jahren bei seinen Eltern ausgezogen ist, kann er sich in der eigenen Wohnung bestens abschotten. Er vernachlässigt sein Umfeld, geht manchmal wochenlang mit denselben Klamotten aus dem Haus. Essen und Körperpflege werden zur Nebensache.

Rund 560.000 Menschen in Deutschland gelten als internetabhängig. Die meisten davon spielen Computerrollenspiele, wie das von Ralf Zunker. Das Problem: Die Betroffenen verlieren unbemerkt den Kontakt zur realen Welt. Ihre Gedanken kreisen nur noch um das, was sich gerade im Internet abspielt oder abspielen könnte.

"Mein ganzes leben war in Gefahr"

Auch bei Ralf Zunker sind die Kontakte zu Familie oder Freunden vollkommen abgerissen. Mehrere Anläufe, wieder in einen normalen Alltag zu finden, scheitern. Er bleibt in seiner Rollenspielwelt gefangen, zockt rund um die Uhr, oft über 50 Stunden am Stück. "Es hat mich abends, wenn ich mich hingelegt habe, verrückt gemacht. Es geht einem total schlecht, aber am nächsten Morgen ist wieder alles egal. Ich schäme mich dafür."

Dann der Schock: Sein Chef klingelt bei ihm an der Wohnungstür, nachdem er zwei Wochen unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt hat. Er bekommt eine Abmahnung. Endlich erkennt Zunker, wie gravierend seine Computerspielsucht geworden ist: "Es war der Moment, wo ich gemerkt habe, dass mein Job in Gefahr ist, mein ganzes Leben. Die Wohnung, alles, was ich mir aufgebaut, erspart hatte, war kurz davor, weg zu sein, weg für immer!" Ein Ausweg: Die Schön Klinik in Bad Bramstedt bei Hamburg. Ihr Angebot richtet sich an Erwachsene, die vom Computer kaum noch loskommen. Meistens sind es Männer, die sich hier stationär behandeln lassen.

Positive Erlebnisse jenseits des Internets

Die Gründe für eine Abhängigkeit von Computer und Internet sind vielschichtig, oftmals aber tieferliegend: "Die meisten, die sich bei uns in der Sprechstunde vorstellen, haben auch noch andere psychische Probleme, vor allem Depressionen oder Angststörungen", sagt Bert te Wildt, Ärztlicher Psychotherapeut in der Medienambulanz der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin in Bochum. In ihrer Rollenspielwelt fühlen sich die Betroffenen sicher und wohl, bekommen Anerkennung, die ihnen im Alltag möglicherweise fehlt, haben Freunde, die sie in der realen Welt missen.

In einer Therapie sollen Betroffene schrittweise wieder in einen strukturierten Tagesablauf finden: mit einem geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus, Aufgaben und der Wiederaufnahme der echten Sozialkontakte. "Zu schnell zu viel Abstinenz zu verlangen, kann gefährlich und sogar kontraproduktiv sein", sagt Bert te Wildt, der kürzlich das Buch "Medialisation" über die wachsende Medienabhängigkeit der Menschen geschrieben hat. Bei Ralf etwa müsse man zunächst herausfinden, was genau ihn abhängig gemacht hat und außerdem Spielzeiten begrenzen auf zwei Stunden am Tag. Gleichzeitig sollen Betroffene Alternativen zu den Online-Erfahrungen kennen und schätzen lernen: echte, positive Erlebnisse über "spannende" Aktivitäten jenseits vom Computer. Da ein Leben "offline" heute kaum noch denkbar ist, müssen sie dennoch lernen, das Internet im Alltag und Beruf kontrolliert und sinnvoll zu nutzen.

Ralf Zunker hat sich trotzdem für den kalten Entzug entschieden: Er hat sein Suchtspiel vom Rechner gelöscht, sich von seinem Avatar gelöst - und sich wieder seiner Freundin zugewandt: "Ich würde mir wünschen, dass wir wieder zusammen Sachen unternehmen können, dass wir vielleicht im Sommer schwimmen, im Winter raus, die Landschaft angucken. Und ich hoffe, dass wir das zusammen hinbekommen und das für uns beide die Zukunft wird."

Informationen und Auswege Von Internetabhängigkeit und Computerspielsucht sind inzwischen viele Menschen betroffen, sich Hilfe und Beratung zu suchen ganz normal.

Antworten auf die häufigsten Fragen zum Thema sowie eine Liste mit Anlaufstellen und Beratungsangeboten finden Sie hier.

Fachbuch Medialisation - Von der Medienabhängigkeit des Menschen. Von: Bert te Wildt. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag 2012. ISBN: 978-3-525-40460-7. Preis: 29,99 Euro.

 
 
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