Hartz IV-Maßnahmen unter der Lupe

7. Mai 2013, 12:15 Uhr

Durch eine Fortbildung sollen Langzeitarbeitslose bald wieder Arbeit finden. Doch die Maßnahmen stellen sich oft als wenig passend heraus. Den Staat kostet das Milliarden. Wer proftiert also davon?

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Unter die Lupe genommen: Machen die Qualifizierungsmaßnahmen für Hartz IV-Empfänger Sinn?©

In den vergangenen 10 Jahren haben Bund und Kommunen für Umschulungen und Weiterbildungen knapp 39 Milliarden Euro ausgegeben. Private Fortbildungsinstitute, die Qualifizierungsmaßnahmen für Hartz IV-Empfänger anbieten, profitieren scheinbar am meisten davon und verschlingen Unsummen an Steuergeldern. Doch sind die so genannten Hartz IV-Maßnahmen tatsächlich sinnlos und überteuert? Oder führen die von der Agentur für Arbeit und Jobcentern finanzierten Kurse Langzeitarbeitslose zurück in den Job?

stern TV hat einige Bildungsträger besucht. Darunter ein Theaterkurs. 700 Euro pro Person und Monat kostet die zehnmonatige Maßnahme, die auch ein Praktikum einschließt. Jobcenter-Chef Dirk Michelmann finanziert den Kurs für die Arbeitslosen zum zweiten Mal - und die Perspektiven. Immerhin: Von der ersten Theatergruppe haben 13 der 26 Teilnehmer inzwischen einen Job oder eine Ausbildung begonnen. Nicht als Schauspieler, sondern in regulären Berufen. Der Theaterkurs bringe die jungen Leute wieder in die Spur, davon sind die Macher überzeugt. "Was wäre die Alternative? Sie ein Leben lang zu alimentieren und ihnen das Selbstbewusstsein nicht zu geben?", sagt Dirk Michelmann. "Die Skeptiker, die wir im ersten Projekt hatten, sind alle verstummt, als sie gesehen haben, was diese Menschen zu leisten imstande sind."

Maßnahmen mit mehr und mit weniger Vermittlungserfolg

Maßnahmen wie dieser Theaterkurs sollen Arbeitslosen helfen, einen Job zu finden. Die ARGE organisiert die Kurse aber nicht selbst, sondern beauftragt Bildungsträger. Diese privaten Firmen bieten unterschiedlichste Maßnahmen an: Bewerbungstrainings, Arbeitsgelegenheiten oder Qualifizierungen. Die Journalistin Rita Knobel-Ulrich sieht das kritisch. "So wird der Staat abgezockt", schreibt sie in ihrem Buch "Reich durch Hartz IV – Wie Abzocker und Profiteure den Staat plündern".

Gerade die so genannten Bewerbungstrainings sind ihrer Erfahrung nach reine Geldverschwendung: "Ich habe mehr als einmal gehört 'Im Grunde sitze ich den ganzen Tag nur meine Zeit ab. Ich quatsche ein bisschen, finde es nett, dass ich aus meiner kleinen Wohnung mal rauskomme, wir trinken Kaffee, wir erzählen uns was vom Leben", so Knobel-Ulrich. "Das kann doch nicht mit 500 Euro pro Monat für eine Firma bezahlt werden. Ich finde diesen Ansatz schon fragwürdig, wo nichts weiter passiert, außer Leute in Bewegung zu bringen oder herauszufinden, ob sie morgens aufstehen." Für viele der Teilnehmer sei es schon das 10. Bewerbungstraining, kaum jemand habe überhaupt Interesse an den dort trainierten Jobs, zum Beispiel im Callcenter zu arbeiten. Tatsächlich wird aus solchen Kursen nur jeder achte Teilnehmer vermittelt. Hier müsse sich dringend etwas an dem Konzept ändern, kritisiert die Journalistin.

Andere Konzepte. Die gibt es: Einzelhandelstrainings mit Lebensmittel-Attrappen für monatlich 500 bis 800 Euro pro Teilnehmer oder Fitnesstrainings gegen Übergewicht, Depressionen oder Rückenleiden für Teilnehmerkosten von rund 560 Euro im Monat. Knapp ein Drittel findet so immerhin neuen Schwung, um wieder zu arbeiten. Insgesamt gibt die Bundesagentur für Arbeit dafür jährlich 4,4 Milliarden Euro aus.

Beschäftigungstherapie versus Qualifizierung

Zu den vermittelten Maßnahmen gehören ebenso so genannte Arbeitsgelegenheiten: In der Firma Nähgut beispielsweise arbeiten 40 Teilnehmerinnen, die Mehrheit mit Migrationshintergrund, ohne Schulabschluss und mit schlechten Deutschkenntnissen. Sie nähen Kleidung und stricken Babysachen, die anschließend günstig verkauft werden. Auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten die arbeitslosen Frauen kaum eine Chance. Deshalb werden Firmen staatlich subventioniert, die schwer vermittelbaren Hartz IV-Empfängern 1-Euro-Jobs geben. "Die Zielsetzung der Arbeitsgelegenheiten ist definitiv nicht Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt zu sein, das war es noch nie", sagt Ilona Mirtschin von der Bundesagentur für Arbeit. Auch Kursleiterin Susanne Pfeiffer, die den Nähkurs seit drei Jahren leitet, weiß aus Erfahrung: "Sie dienen der Stabilisierung der Menschen, und der Hinführung in den Arbeitsmarkt. Und hier gilt schon, dass es für manche ein Thema ist, pünktlich da zu sein und morgens aufzustehen."

Reine Beschäftigungstherapie ohne Vermittlungsdruck – darüber mag sich der steuerzahlende Bürger wundern. Und auch Rita Knobel-Ulrich sagt: "Allein die Tatsache, dass das Jobcenter Null Quote erwartet, finde ich skandalös." Denn sollte das nicht das eigentliche Ziel der Maßnahmen sein: am Ende einen Job zu haben?

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