5. Februar 2013, 12:15 Uhr

Verflixt und zugeschweißt!

Fummelige Aufreißecken, scharfe Kanten, abgerissene Laschen - solche Frustverpackungen treiben uns tagtäglich zur Weißglut! stern TV will wissen: Wer denkt sich derartige Patente aus? Und warum?

Verpackungen, ärgern, Verletzungen, öffenen, Frust, Packungen, Laschen, Ösen, stern, TV, Test

Drücken, knicken, Lasche anheben oder den "Nippel durch die Lasche ziehen"? Fummelige und teils gefährliche Verpackungen begleiten uns den lieben langen Tag.©

Drücken, knicken, Lasche anheben ... Ob eingeschweißte Wurst, die sich nicht unfallfrei aufreißen lässt, Milchdöschen, deren Inhalt sich schon beim Öffnen ausschüttet oder in Hartplastik verpackte Elektronikartikel, die man nur mit Hilfe der Zähne oder eines Schraubenziehers in Gebrauch nehmen kann - nervige Frustverpackungen begleiten uns über den ganzen Tag und treiben so manchen Verbraucher zur Weißglut.

Auch für stern TV-Reporter Hinrich Lührssen beginnt der tägliche Ärger meist schon früh morgens im Badezimmer: Die Silberfolie auf der Zahnpastatube geht nicht ab, der neue Nassrasierer ist in Hartplastik eingeschweißt – ohne Laschen zum Öffnen, damit er im Geschäft nicht so leicht geklaut werden kann. Nur dass der ehrliche Kunde die Packung ebenfalls nicht öffnen kann. Die Haarkur befindet sich in einem Kunststoffkissen. Leider ohne Lasche oder Kerbe zum Anreißen, sodass sich das flutschige Ding unter der Dusche nicht öffnen lässt.

Die meisten Verpackungen kosten Kraft und Mühe

Beim Frühstück sieht es nicht anders aus. Jedes neu gekaufte Produkt birgt seine Herausforderung. Jedes Mal ist der Verbraucher gefordert, seine ganze Konzentration auf das Öffnen von Tuben, Portionspackungen, Flaschen, Dosen oder eingeschweißten Waren zu richten. Nicht selten geht das mit Verletzungen, zumindest aber mit einem gehörigen Adrenalinwert einher. Am häufigsten bei Lebensmittelprodukten, wie Fleisch, Schinkenspeck oder auch Käse. Die Produkte sind mit einer starken Polyethylen-Folie eingeschweißt, die sich nur unter Zuhilfenahme von Scheren, Messern oder anderen Werkzeugen öffnen lässt. Nächstes Problem: Die Produkte lassen sich nicht wiederverschließen. Dann muss der Schinken mit eingerissener Folie wieder in den Kühlschrank. Das ist unhygienisch und verkürzt die Haltbarkeit.

Besonders unangenehm sind die Plastikverpackungen für Speicherkarten, USB-Sticks oder Kartenlesegeräte. Die polypropylen-geschweißten Folien sind so stark, dass es selbst mit einer guten Schere und viel Kraftaufwand schwierig ist, die Verpackung unfallfrei zu öffnen. Die Hersteller argumentieren mit Diebstahlschutz. Tatsache ist aber: Die Produkte sind oft geringpreisig, sodass kaum etwas dafür spricht. Könnte man es dem Verbraucher nicht leichter machen, indem die Packung auf der Rückseite eine Perforation hat? Oder das Plastik durch Pappe ersetzen, was zugleich umweltfreundlicher wäre. Einige Produkte sind bereits so verpackt.

Bei Spielzeugartikeln, wie Modellautos oder Barbiepuppen, muss der Kunde erst den Karton zerreißen, dann das Auto oder die Puppe mühsam von der Halterung schrauben oder Haken und Drähte lösen – alles Dinge die nicht schön sind und viel Müll machen.

Transport und Preis einer Verpackung stehen im Vordergrund

Aber geht das nicht auch anders? Horst Antonischki und Rolf Abelmann vom Institut Verpackungsmarktforschung in Braunschweig quälen sich seit Jahrzehnten mit diesen Problemfällen aus den Einkaufsregalen. Wichtiger als einfaches Öffnen sei für die Hersteller eben die Transport- und Lagerbarkeit, eine günstige Preisgestaltung und das Design der Produkte. "Ob sich etwas bequem und leicht öffnen lässt, kommt an letzter Stelle", so Abelmann. Die Hersteller klotzen, die Kunden kleckern.

Wie ernst nehmen die Hersteller aber eine Beschwerde, wenn man sie mit ihren schwachsinnigen Verpackungen konfrontiert? Hinrich Lührssen hat sich auf den Weg gemacht. Mit einer Portionspackung Kaffeesahne, die sich nur mit Engelsgeduld öffnen lässt, geht es zum Hersteller. Der Kundeberater nimmt die eingerissene Packung entgegen, probiert selbst einmal sein Glück – und kleckert. Immerhin: Hier will man sich des Problems annehmen. Ob sich auch bei allen anderen Frustverpackungen etwas ändern wird? "Was mich am meisten ärgert ist, dass die Anbieter dieser Dinge so wenig darüber nachdenken. Das ist ärgerlich. Es liegt zum Teil aber sicher auch daran, dass die Verbraucher sie trotzdem in ausreichendem Maße kaufen", meint Horst Antonischki. Das Verpackungsinstitut hilft mit seiner Erfahrung Herstellern, eine passende und kostengünstige Verpackungsart zu finden.

 
 
Jetzt bewerten
0 Bewertungen
MEHR ZUM ARTIKEL