Schon der erste stern TV-Bericht 1994 löste Bestürzung aus: In einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt brachen vier Kinder in eine Wohnung ein, schlugen Erwachsene, skandierten Nazi-Parolen. 13 Jahre später hat stern TV die Gebrüder R. erneut besucht - eine Geschichte voller Gewalt.

Vor 13 Jahren: Der neunjährige Norman streckt die Hand zum Hitlergruß© stern TV
Selten rufen Berichte so viele Reaktionen hervor wie in der vergangenen Woche der stern TV-Film über die Gebrüder R.: Noch in der Nacht erreichten die Redaktion Hunderte von E-Mails, in vielen Internet-Foren entbrannten hitzige Diskussionen, und in der Kleinstadt Köthen herrscht seitdem Aufregung. Was war passiert?
Rückblick: Im März 1994 zeigte stern TV Bilder, die viele Zuschauer bis heute nicht vergessen haben. Deutschland hatte gerade eine beispiellose Welle rechter Gewalt erlebt; unter anderem in Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen. Damals kamen auch Kinder und Frauen qualvoll zu Tode.
Viele Menschen fragten entsetzt: Was hatte die meist jungen Täter zu den unfassbar brutalen Übergriffen verleitet? Warum verfielen Jugendliche derart primitivem braunem Gedankengut?
Diesen Fragen ging der stern TV-Film von 1994 nach. In der Kleinstadt Köthen in Sachsen-Anhalt trafen Reporter auf Christopher (7), Andy (8), Norman (9) und René (12). Die Grundschüler fielen seit 1993 durch extreme Gewalt auf: Sie traktierten ihre Mitschüler mit Schlagstöcken, zeigten den Hitlergruß, schlugen die Tür einer Nachbarin mit einer Axt ein, verwüsteten deren Wohnung und verprügelten die Frau.
Abgeschaut hatten sie sich das offenbar von den Erwachsenen: Die Obdachlosenunterkunft, in der Familie R. lebte, war ein Treffpunkt für Neo-Nazis. Auszüge aus den Interviews von 1994:
Kennst Du einen Ausländer?
René (12): Nein.
Wenn Du einen kennenlernst ...
René: Den schlag ich blau!
Warum?
René: Darum. Weil ich die nicht leiden kann.
Würdest Du auch ein Kind schlagen?
René: Ja.
Mädchen auch?
René: Ja, bloß weil es Ausländer sind.
Was willst Du werden, wenn Du groß bist?
Norman (9): Ein Skinhead.
Was findest Du denn an Skinheads so schön?
Norman: Den Baseballschläger und die schwarze Uniform.
Was willst Du machen, wenn Du groß und Skinhead bist?
Norman: Einen mit dem Baseballschläger verhauen.
Was ist aus den Kindern von damals geworden? 13 Jahre nach dem ersten Bericht recherchierten stern TV-Reporter nun erneut in Köthen - und stellten fest: Die Gebrüder R. sind heute noch gefährlicher, krimineller, brutaler.
Zwei sitzen zur Zeit mehrjährige Gefängnisstrafen ab, Norman R. trifft das stern TV-Team kurz vor seinem nächsten Haftantritt. Das erste Mal hat er bereits mit 18 Jahren gesessen, damals viereinhalb Jahre. Diesmal wurde er zu drei Jahren verurteilt, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und mehrfacher gefährlicher Körperverletzung. Er habe jemanden mit einem Elektroschocker so arg zugesetzt, dass das Opfer im Krankenhaus landete, erzählt Norman.
Andy R. (22) ist der einzige der Brüder, der zur Zeit keine Haftstrafe absitzen muss. Er sagt heute: "Ich habe alles verpasst: Schule, Arbeit, mein Leben." Schon lange glaube er nicht mehr an eine Chance, dem Kreislauf zu entkommen. Die Mutter der Gebrüder R. erzählt, ihre Kinder seien mit der Zeit immer aggressiver geworden. Und im Gefängnis würden sie jedesmal etwas dazu lernen, was ihre kriminelle Karriere fördern würde.
Die "Karriere" der Kinder seit 1994: Schon in jüngsten Jahren fallen sie durch Brandstiftung, Diebstahl, Körperverletzung und Sachbeschädigung auf. Einer kommt für längere Zeit in eine geschlossene Jugendhilfeeinrichtung, die Vormundschaft wird aufgehoben, doch die Mutter erstreitet sich das Sorgerecht zurück. Die Erziehungshilfen, die das zuständige Jugendamt immer wieder anbietet, werden meistens abgelehnt. Auch umziehen will die Familie R. nicht, obwohl die Obdachlosenunterkunft in einem desolaten Zustand ist.
Die traurige Geschichte der Gebrüder R. scheint sich in der nächsten Generation fortzusetzen: Manche der neun Kinder der Schwestern sind heute in dem Alter, in dem René, Norman, Christopher und Andy bei den ersten stern TV-Aufnahmen waren.
Sie leben in derselben Obdachlosenunterkunft, in einem extrem unhygienischen Umfeld. Und sie ahmen das Verhalten der Gebrüder R. nach: Ein zweijähriges Kind zeigt, wie Norman vor 13 Jahren, den Hitlergruß.
Was nun geschieht ... Das Jugendamt versucht zunächst, mit den R.s eine einvernehmliche Lösung zu finden: Den einzelnen Familien werden individuelle Angebote gemacht, um eine bessere Betreuungssituation für die Kinder zu erreichen.
Jugendamtsleiter Peter Grimm, der bei stern TV zu Gast im Studio war, sind keine Vorwürfe für mögliche Versäumnisse in der Vergangenheit zu machen - er ist erst seit Juli dieses Jahres im Amt.