Wofür steht Scientology?

30. Januar 2008, 22:15 Uhr

Die Scientology-Sekte ist immer wieder in den Nachrichten. Während prominente Mitglieder wie Tom Cruise eifrig die Werbetrommel rühren, wird die Sekte in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch wofür steht Scientology überhaupt?

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In den 50er Jahren von einem Science-Fiction-Autor in den USA gegründet, mutet die Philosophie von Scientology teilweise hanebüchen an. Doch die Anhänger als harmlose Spinner abzutun, wäre leichtfertig. Lesen Sie in der linken Spalte, warum der Verfassungsschutz Scientology als Gefahr für die Demokratie ansieht und wie die Organisation funktioniert.

Buchtipps: Ursula Caberta:
Schwarzbuch Scientology
Gütersloher Verlagshaus 2007
ISBN: 3579069748

Wilfried Handl:
Scientology: Wahn und Wirklichkeit. 28 Jahre in einer Psychosekte
Eigenverlag 2005
ISBN: 3200003944

Ausführliche Informationen erhalten Sie auch in dieser Broschüre der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung (PDF-Dokument zum Download): "Scientology: Irrgarten der Illusionen"

Von wem wurde Scientology gegründet?

Religionsstifter war der amerikanische Schriftsteller L. Ron Hubbard (1911-1986). In den 30er und 40er Jahren hatte Hubbard als Autor zahlreicher Science Fiction-Romane auf sich aufmerksam gemacht. Er gilt bis heute als einer der wichtigsten Vertreter der "Pulp Fiction"-Literatur, also von Schund- und Groschenromanen.

Nach einem beruflich wie privat recht wechselhaften Werdegang veröffentlichte Hubbard 1950 sein pseudowissenschaftliches Buch "Dianetik", in dem er die gleichnamige und von ihm selbst konzipierte Lerntechnik vorstellt. Seine Philosophie konkretisiert Hubbard im Nachfolgewerk "Die Wissenschaft des Überlebens" (1952), in dem er seinen Lesern erklärt, wie die Natur und insbesondere die Menschen seiner Ansicht nach funktionieren. Hubbards "angewandte religiöse Philosophie" fand mehr und mehr Anhänger, so dass er 1954 die "Church of Scientology" gründete.

Welche Ideologie steckt hinter Scientology?

Aus dem Verfassungsschutzbericht von 2006: Seit 1954, mit der Gründung der ersten "Scientology Kirche" in Los Angeles, versuchen die Scientologen, ihre Lehre in der Öffentlichkeit als "angewandte religiöse Philosophie" darzustellen. Diese Entwicklung und zahlreiche Äußerungen von Hubbard zur angeblich wissenschaftlichen Natur von Scientology lassen die Selbstcharakterisierung als Religionsgemeinschaft jedoch zweifelhaft erscheinen. Auffällig ist auch, dass sich Scientology insbesondere in den Staaten als Religion darzustellen versucht, in denen sie sich von einem solchen Status Vorteile, zum Beispiel finanzieller Art, verspricht.

Scientology lehnt das demokratische Rechtssystem ab und will langfristig ihren - vermeintlich - "überlegenen Gesetzeskodex" an dessen Stelle setzen. Offenbar sollen die politischen Fernziele durch eine langfristig ausgerichtete Expansionsstrategie, durch Erhöhung der Einnahmen der Organisation sowie durch die erfolgreiche Bekämpfung ihrer Kritiker erreicht werden.

Interne Schreiben zeigen, dass Scientology auch in Deutschland daran arbeitet, politische Macht und Einfluss zu erringen.

Wie lautet der "fantastische" Schöpfungsmythos?

Nach scientologischer Vorstellung wohnt jedem Menschen ein unsterblicher "Thetan" (so etwas wie seine Seele) inne, der nach dem Tod zum nächsten Körper weiterwandere. Diese "Thetane" bzw. ihre Kräfte sollen wieder aktiviert werden, denn laut Hubbard seien sie vor 75 Millionen von Jahren durch den intergalaktischen Herrscher Xenu beschädigt worden. Die krude Geschichte Hubbards: Xenu habe damals die Menschen getötet oder mit Drogen behandelt. Außerdem habe der Bösewicht "Thetane" in zwei Vulkane (auf Las Palmas und Hawaii) gesteckt und diese mit Wasserstoffbomben in Luft gejagt. Sie seien zwar mit Flugzeugen wieder auf die Erde gebracht worden, aber seitdem litten sie unter der Traumatisierung. Durch scientologische Praktiken könnten sie "befreit" werden.

Weitere Infos in diesem PDF-Dokument der Hamburger Landezentrale für politische Bildung: "Scientology: Irrgarten der Illusionen

Was ist Dianetik?

Die von L. Ron Hubbard konzipierte Dianetik bezeichnete er selbst als die "Wissenschaft, die die Funktion und den Aufbau des menschlichen Denkens demonstriert und erklärt." Hubbard unterteilt den menschlichen Geist in einen analytischen und einen reaktiven Verstand: Der analytische Verstand diene dem Menschen dazu, Situationen zu beurteilen und richtig zu handeln. Der reaktive Verstand hingegen sei passiv; er speist sich nach Hubbard aus schlechten Erfahrungen, die Angst und Krankheit hervorrufen können. Hier ortet Hubbard auch die "Engramme", die den Thetan belasten.

Im Idealzustand als "Operierender Thetan" sei der Mensch "bewusst und willentlich Ursache über Leben, Denken, Materie, Energie, Raum und Zeit" und "von keinerlei Unglücksfällen oder Verschlechterung eingeschränkt". Diesen Idealzustand erreichen nur die wenigstens Scientologen, darunter L. Ron Hubbard und Tom Cruise.

Wie funktioniert ein "Auditing"?

Bei einem "Auditing" wird ein Patient ("Preclear") von einem erfahrenen Scientologen (dem "Auditor) nach einem traumatischen Erlebnis befragt. Indem der Patient das Erlebte immer wieder von vorne schildern muss, soll er eine Art Reinigung bzw. Erlösung erfahren. Das "Engramm", das den Thetan des Patienten belaste, soll durch das Auditing entfernt werden.

Hierbei handelt es sich um eine von L. Ron Hubbard entwickelte Psychotechnik, die von wirklichen Psychologen vehement kritisiert wird: Da die "Auditoren" keine fundierte Ausbildung besitzen und den Patienten zuweilen sehr intime Geheimnisse entlockt werden, könnten labile Patienten durch die Behandlung traumatisiert werden.

Was ist ein E-Meter?

Scientologen benutzen das "Elektrometer", um die Hautwiderstände ihrer "Patienten" elektrisch zu messen, und daraus Rückschlüsse auf den Zustand ihres Thetans - also ihrer Seele - zu ziehen. Es sei "ein religiöses Hilfsmittel bei der geistigen Beratung", so die Scientologen.

Der Nutzen des E-Meters, das von L. Ron Hubbard selbst entwickelt wurde, wird von Fachleuten bestritten.

Wie viele Mitglieder hat die Scientology-Sekte?

Verlässliche Zahlen sind nicht öffentlich zugänglich. Doch während Scientology selbst behauptet, etwa 10 Millionen Anhänger zu haben, gehen Fachleute von etwa 100.000 aus. Der Großteil der Anhänger lebt in den USA. In Deutschland wird die Zahl der Scientologen auf 5000 bis 6000 geschätzt.

Warum wird Scientology als gefährlich angesehen?

In fast allen Ländern, in denen Scientology aktiv ist, steht die Religionsgemeinschaft in der Kritik. In Deutschland wird sie seit über zehn Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet: Vorgeworfen wird ihr, dass sie eine totalitäre Gesellschaftsform anstrebt und ihre inneren Strukturen antidemokratisch angelegt sind. Der deutsche TV-Historiker Guido Knopp verglich die Auftritte des Repräsentanten Tom Cruise jüngst mit denen von Nazi-Propagandaminister Göbbels. Innenminister Günther Beckstein deutete auf "KZ-ähnliche Zustände" in Scientology-Lagern hin. Ob er damit Recht hat, wird kontrovers diskutiert.

Der Sekte wird vorgeworfen, dass sie Gehirnwäsche bei ihren Mitgliedern betreibe und sie so in ein Abhängigkeitsverhältnis dränge.

Daneben wird die Haltung der Scientologen zu einer Reihe medizinischer Fragen kritisiert: So lehnen die Anhänger die Psychiatrie und Psychopharmaka strikt ab und propagieren einen Geburtsvorgang bei absoluter Stille.

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