Die Wut über die ganz alltäglichen Belästigungen

30. Januar 2013, 22:15 Uhr

Der Artikel einer stern-Journalistin über eine Begegnung mit Rainer Brüderle (FDP) entfachte die Diskussion um Sexismus im Alltag. Erfahrungen damit haben viele. stern TV fragt: Wo sind die Grenzen?

Sexismus, Debatte, Belästigung, Arbeitsplatz, Himmelreich, stern, TV, Frauen, Aufschrei

Sexistische Bemerkungen von Männern, ein unangemessener Ton oder stumpfes Bedrängen - das kennen viele Frauen aus dem Alltag. Doch wo sind die Grenzen? Wann ist damit Schluss?©

Der Artikel im Magazin stern hat eine deutschlandweite Debatte ausgelöst, in kaum einem Medium war nicht davon die Rede: Eine junge Journalistin schildert in ihrem Artikel, wie sie sich bei einer Begegnung mit dem FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle von ihm sexuell belästigt fühlte. Netzaktivistin Anne Wizorek nahm das zum Anlass, eine Twitter-Aktion zu starten unter dem Schlagwort, einem so genannten Hashtag, "#aufschrei". „Das hat nachts direkt sehr viele Frauen, die noch bei Twitter aktiv waren, animiert, ihre Geschichten mitzuteilen“, erzählt Anne Wizorek von den zahlreichen Reaktionen. Anne Wizorek hat einen Nerv getroffen: 90000 Menschen haben sich bereits an der Debatte beteiligt. „Traurigerweise hat es mich gar nicht überrascht, dass jede Frau ihre eigene Geschichte hat.“ Denn: Sexismus kommt täglich und in allen Schichten vor. Sexistische Bemerkungen von Männern, ein unangemessener Ton oder stumpfes Bedrängen - das kennen viele Frauen aus dem Alltag. Manchmal auch Männer.

"Haben Sie Lust auf eine Runde Sex?"

Auch die Reinigungskraft Inge S. hat Sexismus bei der Arbeit erlebt. Als sie an einem Sonntagnachmittag alleine im Bürogebäude putzt, macht ein Mitarbeiter ihr ein plumpes Angebot, erzählt Inge S.: "Ich wollte am Schreibtisch Staub putzen, da stand plötzlich der Herr in der Tür und sagte diesen Satz 'Haben Sie Lust auf eine Runde Sex?'". Als sie sich wehrt und ihrer Chefin davon erzählt, schlägt der Täter zurück: Er verlangt per Anwaltsschreiben, dass sie ihre Behauptung zurücknimmt. Der Fall landet vor Gericht und Inge S. unterliegt in der ersten Instanz. Sie darf nicht mehr sagen, wer sie belästigt hat. Es könne ansonsten ein Ordnungsgeld von bis zu 100.000 Euro drohen, lautet das Urteil. "Dass ich auf einmal vom Opfer zum Täter werde, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet - das war ganz, ganz schlimm für mich", kann sich Inge S. ärgern.

Die Journalistin Tina Groll, die sich im Schwerpunkt mit der Gleichstellung von Mann und Frau beschäftigt, kennt solche Taktiken der Täter: "Eine beliebte Strategie ist, das Opfer klein zu machen, es abermals zu erniedrigen und zu verletzen, abermals Macht auszuüben – und letztendlich zu verhindern, dass sich etwas ändert." Während einem Mann möglicherweise nicht mal bewusst ist, was er anrichtet, oder es sogar lustig findet, Was der alltägliche Sexismus und die Belästigung in den Frauen anrichtet, sitzt die Verletzung bei der Frau tiefer, als den meisten bewusst ist. "Und das verunsichert", sagt Tina Groll.

Können Frauen sich (nicht) wehren?

Warum haben es die Frauen so schwer, sich gegen diese Art der Anmache zur Wehr zu setzen? "Weil es schlicht perfide ist, zu behaupten, Frauen könnten sich leicht wehren“, so die Antwort von Anne Wizorek bei stern TV. "Gerade in Abhängigkeitsverhältnissen ist es schwer, in Handlungen zu treten, weil in solchen Situationen Macht ausgeübt wird. Und wenn die Frauen sich wehren, ist es oft der Fall, dass sie noch mehr erniedrigt oder gar lächerlich gemacht werden, weil der Täter in dem Moment gar nicht sanktioniert wird". Die 25-jährige Nicole von Horst ist ebenfalls aktive Bloggerin und beteiligt sich an #aufschrei. Auch sie hat schon diverse sexuelle Belästigungen erlebt. Sie sagt: "Es ist komplett falsch, Frauen einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie sich nicht genug wehren, weil das wieder die Verantwortung auf die Frauen schiebt." Bei sexueller Belästigung oder unangemessenem Verhalten im Arbeitsumfeld könne frau sich am besten wehren, so der Rat von Anne Wizorek, indem sie sich Verbündete sucht, bestenfalls männliche Verbündete. Es habe eine andere Aussagekraft, wenn sich ein Mann dagegen ausspricht und das Machtverhältnis dadurch ein bisschen ins Gleichgewicht bringt.

Die Twitteraktion #aufschrei habe aber immerhin schon bewirkt, das stille Leiden zu beenden, indem es den Frauen die Möglichkeit gab, ihre Geschichten zu teilen. Sie habe aber auch bewirkt, dass sich viele Männer gemeldet und ihre Betroffenheit ausgedrückt haben. "Wenn da ein Gedankenprozess einsetzt, dann hat sich schon viel bewegt", sagt Anne Wizorek. Dennoch ist an einigen Reaktionen auch eine Verunsicherung auf männlicher Seite zu spüren: Finde es total schwer, den richtigen Grad zwischen respektvollem Umgang und falscher political correctness zu finden". Wo zieht man also die Grenze, wann beginnt Sexismus? "Ist Hinterherpfeifen auf der Straße sexistisch?", will Steffen Hallaschka von den beiden Frauen im Studiogespräch wissen. "Ja, weil die Frau in dem Moment zum Objekt degradiert wird", meint Anne Wizorek. Ob die Debatte weitergeführt und zu einem gesellschaftlichen Umdenken führen wird, muss sich noch zeigen. Ein Anfang ist gemacht. "Mein Wunsch wäre einfach, dass die Männer mehr Empathie zeigen", sagt Nicole von Horst abschließend bei stern TV.

Lesen Sie auch
stern TV bei Facebook