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11. Juni 2008, 22:15 Uhr

Terror aus dem Kinderzimmer

Erziehung

Erziehen inzwischen Kinder ihre Eltern? Eine Machtumkehr in vielen Familien diagnostiziert jedenfalls Michael Winterhoff. Wie soll man mit widerspenstigem Nachwuchs umgehen? Hier gibt der Kinder- und Jugendpsychiater die Antworten auf die häufigsten Fragen.

Für viele Eltern ist es zum Verzweifeln: Ihre Kinder machen, was sie wollen, sämtliche Erziehungsmaßnahmen versagen. Immer häufiger werden Vater und Mutter nicht mehr als Respektspersonen akzeptiert. Diese fatale Entwicklung hat der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff in seinem Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" beschrieben.

Dabei kann man den Kindern selbst keine Vorwürfe machen. "Im Vordergrund berate ich die Eltern", sagt Winterhoff, "denn die meisten Störungen der Kinder resultieren aus Fehlern der Erwachsenen." Ein großes Problem: Viele Eltern wollen von ihren Kindern geliebt werden. Und so scheuen sich die Erwachsenen, Konflikte zu riskieren, Grenzen aufzuzeigen, sich als Autoritäten zu präsentieren. Dadurch kommt es zu einer Machtumkehr: "Der Erwachsene wird bedürftig, und dieses Bedürfnis soll das Kind erfüllen." Winterhoff spricht in diesem Zusammenhang von der "Abschaffung der Kindheit".

Bei stern TV erläuterte der Psychiater die häufigsten Fehler im Umgang mit Kindern.

1. Was ist schlecht daran, wenn Eltern von ihren Kindern geliebt werden wollen?

Grundsätzlich liebt jedes Kind seine Eltern. Nur wenn Erwachsene geliebt werden wollen, kommt es zur Machtumkehr: Der Erwachsene wird bedürftig und erfüllt seine Bedürftigkeit über das Kind. Somit kann der Erwachsene das Kind nicht mehr in eine positive Entwicklung bringen. Er stellt für das Kind kein abgegrenztes Gegenüber dar. Er kann nicht mehr in Konflikte gehen aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden. Grundsätzlich widerspricht dem nicht, auch mal zu genießen, dass das Kind einen liebt.

2. Was ist an einem partnerschaftlichen Erziehungskonzept falsch?

Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen dem Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Je kleiner ein Kind ist, desto mehr muss es auch im natürlich vorgesehenen Gefälle gesehen und entsprechend geführt, kontrolliert und geschützt werden. Nur auf diesem Wege lassen sich psychische Funktionen trainieren. Je älter ein Kind ist desto mehr sollten aus meiner Sicht partnerschaftliche Elemente (modernes Denken) hinzukommen.

3. Therapiert Dr. Winterhoff die Kinder oder die Eltern?

Da die meisten Störungen meines Fachgebietes aus Fehlern resultieren, die die Erwachsenen und damit auch die Eltern machen, steht im Vordergrund eine Beratung der Eltern. Es erfolgt also keine Behandlung der Eltern, die im Allgemeinen gesund sind. Darüber hinaus ist häufig eine begleitende psychotherapeutische Behandlung des Kindes erforderlich.

4. Wann kann eine Heimunterbringung sinnvoll sein?

Grundsätzlich wenn die Situation in der Familie sich so zuspitzt, dass eine Gefahr für das Kind besteht im Sinne von einer Selbstgefährdung. Oder auch wenn eine Misshandlungssituation aus Überforderung droht.

5. Gibt es hoffnungslose Fälle?

Bei dem modernen Störungsbild der fehlenden Reifeentwicklung ist unter den heutigen Gesichtspunkten ein Nachreifen im späteren Jugendalter nicht mehr möglich. Im Kindes- und frühen Jugendalter sind die Störungen durch ein professionelles Vorgehen (Nachreifen lassen) möglich.

6. Welche Strafen sind als Erziehungsmaßnahmen sinnvoll?

Im Rahmen einer gesunden Reifeentwicklung sind Strafen nicht erfoderlich.

7. Wie soll man mit Kindern umgehen, die widerspenstig sind und häufig Wutanfälle haben?

Ab dem fünften Lebensjahr würde ein Kind über die Beziehungsebene alles für die Eltern tun. Bei den meisten Kindern, die über dieses Alter hinaus sich total verweigern oder Wutanfälle zeigen, liegt das Störungsbild einer fehlenden psychischen Reifeentwicklung vor. Eine Fachberatung ist notwendig.

8. Wie soll man auf Kinder reagieren, die ständig körperliche Gewalt anwenden, selbst gegen Erwachsene?

In so einem Fall sollte man umgehend eine Fachberatung bei einem Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder bei einer Erziehungsberatungsstelle einholen.

9. Ist es sinnvoll, Jugendliche für gute Schulnoten materiell zu belohnen?

Eine persönliche Zuwendung - z.B. der Besuch eines besonderen Schwimmbads oder eines Kinofilms - halte ich für günstiger.

10. Sind verhaltensauffällige Kinder häufig hochbegabt?

Hochbegabte Kinder sind nicht zwangsläufig auffällig. Aber diese Kinder zeigen meistens ein stärker ausgeprägtes Störungsbild.

Kinder, die einen psychischen Reifegrad von 10 bis 16 Monaten aufweisen, bieten sehr viele Verhaltensauffälligkeiten und können sich auch im Bereich der Wahrnehmung nicht entwickeln. Aus meiner Sicht verbergen sich hinter Störungsbildern wie ADS häufig tiefer liegende Probleme in Form einer fehlenden psychischen Reifeentwicklung.

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