27. Februar 2013, 22:15 Uhr

Wie die Verbraucher hinters Licht geführt werden

Täglich werden in Deutschland mehr als zwei Millionen Bio-Eier verkauft. Es sollte also einen Unterschied machen, wenn wir für ein Bio-Ei mehr bezahlen. stern TV hat einige zu ihrem Ursprung verfolgt.

Unter dem Begriff "Bio-Ei" stellen wir uns artgerecht gehaltene Hühner vor, die im Freien ihre Körner picken. Doch nun kommt heraus: Millionen Hühnereier sollen als Bio- oder Freilandware verkauft worden sein, obwohl die vorgegebenen Vorschriften bei der Haltung der Legehennen nicht eingehalten wurden. Gegen 150 konventionelle und einige ökologische Eierbetriebe in Niedersachsen soll derzeit ermittelt werden, auch einige Landwirtschaftsbetriebe in den Niederlanden stehen unter Verdacht.

Täglich werden in Deutschland mehr als zwei Millionen Bio-Eier verkauft, allein die Hälfte davon bei den Lebensmitteldiscountern. Betriebe großer, industrieller Strukturen sind für Unregelmäßigkeiten besonders anfällig, meinen auch Experten: "Echtes Bio, wie es sich der Käufer vorstellt, ist im Supermarkt unmöglich", sagt der Agrarbiologe Clemens G. Arvay, der in deutschen Bio-Legebetrieben recherchiert hat. "Bio braucht kleinstrukturierte dezentrale Landwirtschaft", so Arvays Rat. "Wir müssen die Industrie überwinden, um an wirklich ökologische Lebensmittel zu kommen." Er fordert auf: Wir müssen uns bei unseren Lebensmitteln viel mehr einmischen!

Woher kommen unsere Bio-Eier?

In den meisten Lebensmittelläden Deutschlands können die Verbraucher wählen, ob sie Eier aus Bio-, Freiland- oder Bodenhaltung kaufen. Der Unterschied: Neben dem Preis für den Verbraucher sollen sich auch die Haltungsbedingungen für die Legehennen entsprechend unterscheiden: Von 800 Quadratzentimetern für eine Henne, die in "Kleingruppenhaltung" (vormals Käfighaltung) leben, bis vier Quadratmetern pro Henne, die Freilandauslauf haben oder unter Bio-Bedingungen leben. Bei Bio-Eiern soll zudem ausschließlich ökologisch erzeugtes Futter verfüttert werden.

Es sollte für die Hühner also einen Unterschied machen, wenn wir für ein Bio-Ei einige Cent mehr bezahlen. Doch die Kontrollen sind nicht streng genug, beklagen Tierschützer, darunter Jürgen Foß. Er hat in Ställen der Bio-Industrie gefilmt und wundert sich nicht, dass der Verbraucher so leicht getäuscht werden kann. "Die Geflügelwirtschaft selbst bezahlt die Kontrolleure, die die eigenen Betriebe kontrollieren", so der Tierschützer. "Dass das nicht funktionieren kann, das ist ja glaube ich offensichtlich."

Die Bio-Siegel – von demeter bis Naturland – sollten Kontrollen aber doch eigentlich garantieren. "Die verschiedenen Anbauverbände mit ihren verschiedenen Biosiegeln, die zertifizieren die Ställe zu Beginn einmal und danach werden nur noch wieder diese lobbyeigenen Prüfstellen herangezogen", weiß Foß. Seine Kameraaufnahmen zeigen kranke, federlose Hennen, die mit Stress und Parasiten zu kämpfen haben. Auch die Bio-Industrie setze laut Foß dagegen Medikamente und sogar Antibiotika ein, um eine Herde über die Legeperiode zu retten.

stern TV forscht nach

Über den Code, der auf jedem Ei aufgedruckt ist, soll sich die Herkunft genau zurückverfolgen lassen. Anhand der letzten fünf Ziffern (Beispiel: 2-DE-0513912) lässt sich auch der Legebetrieb ausfindig machen. Theoretisch.

stern TV hat in vier Supermarktketten, bei Netto, Lidl, Aldi und in einem Basic Bio-Supermarkt, als Bio deklarierte Eier gekauft und ihre Spur zum Ursprungsort aufgenommen. Die Ökokontrollstellen sollten überprüfen, ob die Lebensmittel tatsächlich nach Ökokriterien hergestellt werden. Dazu gehört auch, dass nicht mehr als sechs Legehennen pro Quadratmeter gehalten werden und nicht mehr als 3000 pro Stall. Unsere Stichproben zeigen, ob die Kriterien auch tatsächlich gelten, wenn ein Ei im Supermarkt als Bio-Ei für durchschnittlich etwa 30 Cent an den Verbraucher verkauft wird. Und eine weitere Frage bleibt zu klären: Wie viel müsste ein Bio-Ei kosten, damit unsere Vorstellung von artgerecht gehaltenen Hühnern, die im Freien ihre Körner picken, künftig der Realität entspricht? Sind die Verbraucher bereit, diesen Preis zu zahlen?

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Woher kommt mein Ei? Auf der Internetseite www.was-steht-auf-dem-ei.de können Verbraucher ihren Eier-Code direkt eingeben. Sofern der Betrieb dem KAT-Kontrollsystem angeschlossen ist, gibt die Website Auskunft über Namen und Adresse. Außerdem kann sich der Nutzer teils aktuelle Bilder und Informationen über den Betrieb ansehen. Jedoch: Nicht alle Legebetriebe sind dem KAT-System angeschlossen. Eine Rückverfolgung ist für den Verbraucher dann schwierig. Erst recht, wenn die Legebetriebe oder Händler bei der Bezeichnung tricksen.

 
 
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